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Leo Kottke – 6- and 12-String Guitar
Leo Kottke – 6- and 12-String Guitar

Leo Kottke – 6- and 12-String Guitar

Erstellt am: 21.03.2009
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Erstellt am: 21.03.2009   Autor:

Ältere Schmuckstücke

Fingerfertigkeit

Vierzig Jahre alt ist Leo Kottkes Album „6- and 12-String Guitar“ schon und noch immer sorgt es für Erstaunen. Ein Mensch und eine Gitarre – mehr ist nicht zu hören, Platz für eine Stimme ohnehin nicht geboten.
Mit „6- and 12-String Guitar“ veröffentlichte John Faheys Label Takoma Records im Woodstock-Jahr 1969 still und leise einen Meilenstein der Gitarrenmusik. Im Bewusstsein, dass seine Musik weder bei bekannten Plattenfirmen noch beim Durchschnittshörer auf Anklang stossen würde, sandte Kottke seine Demokassette an keinen geringeren als den Begründer der American-Primitivism-Bewegung, John Fahey. Vom Dekan höchstpersönlich für grossartig befunden, erschien das Album 1969 auf dessen selbst gegründetem Label und verkaufte sich über die Jahre ungefähr 500’000 mal.
Der in Georgia geborene und in 12 US-Staaten aufgewachsene Leo Kottke, spielte neun Jahre Violine und Posaune ehe er als 11-jähriger mit dem Gitarrespielen begann. Den Grundstein für alles, was Kottke bis anhin schuf, legte eine zufällige und einmalige Begegnung mit einem Typen, der Gitarre im Fingerstil spielte. Schwer beeindruckt von dessen Können begann Kottke selbst zu experimentieren. Zwischendurch versuchte er sich auf dem Banjo, was ihn auf die ihm noch verborgenen Möglichkeiten seiner Gitarre aufmerksam machte. Zur 12-Saiten-Gitarre kam Kottke durch ein Lied vom Folk-Sänger Pete Seeger, das eine enorme Faszination auf ihn ausübte. Von der Rastlosigkeit in seiner Kindheit inspiriert, entstand „6- & 12-String Guitar“.

Das Gitarrenspiel des erst 24-jährigen ist so natürlich und gleichauf präzise, dass es einem Glauben macht, er schlage die Saiten mit spielerischer Leichtigkeit an. Trotzdem forderte seine Musik anfangs der achtziger Jahre ihr Tribut in Form eines schmerzhaften Sehnenleidens, das ihn zwang, seinen Fingerpicking-Stil zu ändern.

Im Vergleich zu anderen Musikern des American Primitivism wie John Fahey oder Robbie Basho bietet uns Kottke keine Mystik oder fernöstliche Einflüsse. Seine Musik deswegen als weniger tiefgründig zu bezeichnen, wäre unrecht, doch kann man ihn eher in der Easy Listening-Sparte der Gitarrenmusik einordnen. „6- and 12-String Guitar“ ist eine eindrucksvolle Komposition, hauptsächlich aus Folk, Blues und Country-Musik bestehend.

Das Album beginnt mit dem rasanten und fesselnden Ragtimer „The Driving Of The Year Nail“ – dieser Mann muss schlicht besessen sein von dem, was er tut und verdient unsere volle Aufmerksamkeit. Die darauffolgenden, eher bedächtigen Stücke wie das spanisch angehauchte „The Last of the Arkansas Greyhounds“, das vielschichtige doch simple „Ojo“ oder der für Kottke eher untypische „Crow River Waltz“ verleiten uns mit ihren verschachtelten Melodien zur Tagträumerei. Mit seinen imposanten Slide-Qualitäten macht uns der Virtuose erstmals bei „The Sailor’s Grave on the Prairie“ bekannt, was im Vergleich zu den folgenden Liedern noch recht „harmlos“ erscheint.

Wer bis jetzt noch nicht Feuer und Flamme ist, wird es spätestens nach „Vaseline Machine Gun“ sein, eine Art schnell gespielte Variante des traditionellen „Poor Boy Blues“, welche als sein Markenzeichen gilt. Es scheint anfangs als wolle man uns mit „Taps“, dem Musikstück, das bei militärischen Trauerfeiern in den USA gespielt wird, in die Irre führen. Nach einer kurzen Pause wähnen wir uns inmitten eines akustischen Wetteiferns, welches die Frage aufwirft, ob dieser Mann all das alleine spielt. Stellenweise bieten sich Töne, die unser Walkman normalerweise beim Spulen von sich gibt – Willkommen im Bottleneck-Paradies! Halten wir unsere Augen geschlossen und stürzen uns in einen Geschwindigkeitsrausch, der keine Busse mit sich bringt. Das Geld sparen wir uns für den Urlaub am Mittelmeer, welcher mit dem aufheiternden „Jack Fig“ eingeläutet wird. Genau so sollte eine saftige, sonnengereifte Feige schmecken, die wir bei abendlicher Sonne geniessen derweil wir unweit des Strandes auf das Schauspiel von Ebbe und Flut warten.

Gäbe es eine Vertonung zu den Gezeiten, bestünde diese aus dem Lied „Watermelon“. Unheilvolle, graue Wolken ziehen auf, verbergen die Sonne während uns ein kühler Wind das Haar aus dem Gesicht streicht. Die Ebbe steigert sich allmählich zur Sturmflut, hohe Wellen türmen sich auf, brechen tosend über uns herein. Kottke schmettert sein Bottleneck auf die Saiten, ein Schippern und Scheppern der Leidenschaft, in dem man unter Herzklopfen, nach Luft schnappend untergeht und sich nach drei Minuten benommen aus dem Gischt erhebt. Die Schönheit von „Watermelon“ kann kaum in Worte gefasst werden. Unser Atmen, die Gedankengänge und Bilder, das was wir tief in unserem Inneren spüren, vielleicht Liebe? Wir können Leo Kottke nur für dessen Hingabe auf Knien danken. Überaus stimmig geht „Watermelon“ in „Jesu, Joy of Man’s Desiring“ über, das einzige Lied, das Kottke nicht selbst schrieb, sondern von einem seiner Lieblingskomponisten J.S. Bach adaptierte. Wo wir unsere Zeit doch gerade am Meer verbringen, erinnern wir uns an unsere Mütter und Väter, die uns Würmchen, damals noch in Windeln steckend, mit der Super 8 filmen. Kleine Fussabdrücke zeichnen sich auf dem nassen Sand ab, während wir umherstolpern, Möwen verfolgen, diese aufscheuchen und anschließend unseren Eltern ein breites Grinsen zuwerfen. Später bauen wir mit unseren winzigen Händen Sandburgen, welche von Wellen zerstört werden, indessen wir diese zu retten versuchen und vor dem kalten Wasser unter Jauchzen und Lachen zurückschrecken. Solch unbeschwerte Momente verkörpert „The Fisherman“, das einzige mit einer 6-saitigen Gitarre gespielte Stück, Augenblicke in denen wir uns die kindliche Unschuld zurückwünschen, uns fragen, warum die Zeit vergeht, warum wir unsere Sorgen nicht einfach über Bord werfen können, wann wir wieder aufrichtig lachen können.

Der Szenenwechsel erfolgt schlagartig. „The Tennessee Toad“ katapultiert uns in eine Geisterstadt des wilden Westens. Den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, schlendern wir durch menschenleere Gassen, eine  kalte Schauer jagt uns über den Rücken, was uns dazu bewegt, unser „Busted Bicycle“ zu schnappen und uns auf eine hastige Fahrt durch die Prärie zu begeben. In „Busted Bicycle“ bekommen wir sogar einen eher Banjo-mässigen Zupfstil zu hören.

Ähnlich wie „Ojo“ wird man sich irgendwann beim Summen vom darauffolgenden, reizenden „The Brain of the Purple Mountain“ erwischen.

Mit dem letzten Lied „Coolidge Rising“ zupft sich Kottke dann endgültig in unsere persönliche Music Hall of Fame. Wenn schon dies das Schlusslicht von „6- and 12-String Guitar“ ist, war es der Beginn einer noch immer andauernden Karriere.

Leo Kottke konnte mit seinen weiteren Alben nicht an den Erfolg von „6- and 12-String Guitar“ anknüpfen, doch blieb er der Gitarre über die Jahre hinweg treu, veröffentlichte gar einige Alben, worauf er mit seiner eigentümlichen Baritonstimme singt. In einer Zeit, überflutet von Musik aller Art kommt dieses puristische Album geradezu als Notanker daher. Ein Mensch und eine Gitarre reichen manchmal eben vollkommen aus, um uns einzunehmen.

Seit  1969 im Handel.

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite


Anspieltipps:

> Ojo
> Vaseline Machine Gun
> Watermelon
> The Fisherman
> The Tennessee Toad
> Busted Bicycle

Diskographie:
>12-String Blues (1969)
> 6- and 12-String Guitar (1969)
> Circle Round the Sun (1970)
> Mudlark (1971)
> Greenhouse (1972)
> My Feet Are Smiling (1973)
> Ice Water (1974)
> Dreams and All That Stuff (1974)
> Leo Kottke, John Fahey & Peter Lang (1974)
> Chewing Pine (1975)
> Leo Kottke (1976)
> Burnt Lips (1978)
> Balance (1979)
> Guitar Music (1981)
> Time Step (1983)
> Voluntary Target (1983)
> A Shout Towards Noon (1986)
> Regards From Chuck Pink (1988)
> My Father’s Face (1989)
> That’s What (1990)
> Great Big Boy (1991)
> Essential (1991)
> Peculiaroso (1994)
> Paul Bunyan (1994)
> Standing in My Shoes (1997)
> Hear the Wind Howl (1997)
> One Guitar, No Vocals (1999)
> Clone (2002)
> Try and Stop Me (2004)
> Sixty Six Steps (2005)

Ähnliche Künstler: 
> John Fahey
> Bert Jansch
> Peter Lang
> Sean Smith
> Jack Rose
> Kaki King