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Jonny Greenwood – Bodysong
Jonny Greenwood – Bodysong

Jonny Greenwood – Bodysong

Erstellt am: 01.04.2005
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Erstellt am: 01.04.2005   Autor:

Ältere Schmuckstücke

Eine Prise Wahnsinn gefällig?

Nur schon die Ansage, der Gitarrist und Querdenker der wohl schrägsten Band der Welt, Radiohead, würde im Alleingang einen Soundtrack einspielen, weckte gewisse Erwartungen. Was Jonny Greenwood schlussendlich aber in eine Dreiviertelstunde gepackt hat, bewegt sich jenseits aller Erwartungs- und Vorstellungskraft.

Jonny Greenwood gehört mit Thom Yorke zu den beiden kreativsten Köpfen Radioheads und definiert mit seinen schrägen Soundtüfteleien und innovativen Strukturen seit Jahren deren charakteristische Musik. Mit „Bodysong“, dem Soundtrack zu einem Kunstfilm über das menschliche Leben, veröffentlichte er 2003 eine Scheibe im Alleingang und legt sein ganzes Können schonungslos dar. Obwohl er uns auch auf den Radiohead-Veröffentlichungen spätestens seit „Kid A“ mit seinen genialen Einfällen stets wieder aufs Neue überraschte, sind ihm innerhalb eines Teams trotz allem gewisse Grenzen gesetzt, die er auf „Bodysong“ sprengt, überschreitet, ausweitet.

Obgleich gewisse Elemente sehr an „Kid A“ erinnern, trägt „Bodysong“ eine ganz eigene, gespenstische Note und zeichnet sich durch die Kombination verschiedenster Instrumente mit unkonventionellen Rhythmen und den für Jonny Greenwood typisch verzerrten und psychotropen Elektrosounds aus. Quietschende Geigen werden mit stampfenden Bässen kombiniert, Synthies heulen mit schizophrenem Glockenspiel im Kanon, eine hyperaktive Perkussion (, die so klingt, als würde der zweijährige Nachbarsbub himself mit allen möglichen Löffeln auf irgendwelche Pfannen eindreschen,) und schräge Bläsereinschübe verstören den Geist. Und zwischendurch sind wieder ganz schöne, wunderbare Passagen zu hören, die ein jedes Kleinkind in den Schlaf wiegen könnten. Stilistisch gesehen ist die Vielfalt genauso beängstigend: Jonny Greenwoods Musik bewegt sich irgendwo zwischen Kammermusik, Free-Jazz, cinematischem Pathos, Ambient und Radiohead’schen Ambitionen. Schlussendlich sind es aber ganz eigene Sphären und Weiten, die die Musik auf „Bodysong“ beschreitet – eine präzise Definition ist selbst nach eingehendem Studium ein Ding der Unmöglichkeit. Obwohl „Bodysong“ die Begleitmusik zu einem Film über das Leben ist, verströmt sie paradoxerweise etwas sehr Zerstörerisches, Irreparables, Krankes. Es ist Musik, die nicht für die Zelebrierung des Lebens geeignet ist, sondern einem ganz anderen Zweck dient.

„Bodysong“ funktioniert auch ohne Film hervorragend und ist gewissermassen die extreme Steigerung des schwer zugänglichen Radiohead-Albums „Kid A“. Es erfordert ein mehrfaches Hören – nicht nur des Verständnisses, sondern auch der vielen versteckten, nicht sofort ersichtlichen Ausgeklügeltheiten willen. Jeder Song an sich ist ein Rätsel, das es zu lösen gilt und mit einer Belohnung aufwartet. Genauso wie „Kid A“ und „Amnesiac“ ist „Bodysong“ nämlich ein Werk, das nicht spurlos an einem vorbeigeht und wer es wagt, sich die CD zu nächtlicher Stunde anzuhören, dem wird es nicht leicht fallen, Schlaf zu finden. „Bodysong“ bringt all die scheinbar geordneten Strukturen im Kopf und in der Seele durcheinander, zerreisst sie. Es lässt einen für einen Moment verzweifelt am eigenen Verstand zweifeln, bis sich die Dinge wieder zu einem Ganzen formieren. Radiohead – oder in diesem Fall ein Teil davon – retten einen am Ende immer.

Im Grossen und Ganzen lassen sich keine adäquaten Worte finden, um Jonny Greenwoods Musik, deren Atmosphäre und Wirkung auch nur annähernd zu beschreiben. Öffnet die skurrile Schatzkiste am besten selbst und tretet eine Kopfreise durch tiefste, dunkle gedankliche Urwälder an. Es lohnt sich. Aber sagt dann im Nachhinein bloss nicht, ich hätte euch nicht gewarnt…

Seit 24. Oktober 2003 im Handel.
Anspieltipps: Iron Swallow, Splitter, 24 Hour Charleston
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Bio:
Irgendwann im Jahre 1982 fragte Thom Yorke, damals 14 Jahre alt, Colin Greenwood, ob er nicht gerne einer neuen Band mit Ed O’Brien beitreten wolle. Phil Selway wurde der Drummer und auch Jonny Greenwood, Colins Bruder, wollte mitmachen. Die Band taufte sich On A Friday und nahm 1991 das erste Demo auf, das die Aufmerksamkeit einiger wichtigen Leute auf sich zog. Mit dem zweiten Demo holten sie sich einen Plattenvertrag mit EMI ein und wurden immer bekannter. Mit dem Song „Creep“ gelangte Radiohead schliesslich der grosse Durchbruch und das Album „OK Computer“ stellte einen Meilenstein in der Musikgeschichte dar. Weitere Radiohead-Alben folgten und 2003 veröffentlichte Jonny Greenwood die Solo-CD „Bodysong“.

Diskographie:
> Drill EP (1992)
> Pablo Honey (1993)
> The Bends (1995)
> OK Computer (1997)
> Kid A (2000)
> Amnesiac (2001)
> Hail To The Thief (2003)
> Bodysong (2003)