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Turbostaat, 25.03.2016 – Dynamo, Zürich
Turbostaat, 25.03.2016 – Dynamo, Zürich
Erstellt am: 28.03.2016   Autor:
28.03.2016 – Autor: Michael Messerli

Konzerte

Turbostaat, 25.03.2016 – Dynamo, Zürich

Dichtestress im Zürcher Dynamo? Von wegen. Glücksgefühle mit vielen anderen Menschen teilen? Ganz bestimmt!

Und, „Tut es doch weh“? Wahrscheinlich „oben in der Mitte“. Es ist Karfreitag und es stehen wieder Horden von lernresistenten Schweizerinnen und Schweizer mit ihren Blechkisten am Gotthard. Was sollen wir denn bitteschön gesellschaftlich verändern, wenn wir es nicht mal hinkriegen, die einfachsten Dinge zu begreifen? Dieselben Menschen, die dort vermutlich noch gerne Ostern für Ostern Schlange stehen, jammern am lautesten über Dichtestress und andere diffuse Ängste, an denen natürlich Ausländer Schuld sind. Es sind auch dieselben Menschen, die eine zweite Gotthardröhre fordern, damit man einmal im Jahr gleich lang im Stau stehen kann, dafür aber noch mehr Autos um sich herum hat. Ja, es ist das, was man nicht begreifen kann. Und da tut es nicht weh, sondern sehr gut, dass an Karfreitag Turbostaat nach Zürich kommen. Auf der Bühne spielen Menschen, die Dinge singen, die einiges wieder gerade rücken. Im Publikum stehen Menschen, die mitsingen. Auch sie sind an diesem Abend im Dynamo dicht beieinander – es ist ausverkauft. Nur stört das keinen. Man muss Menschen schon mögen, damit man nicht davon gestresst wird, wenn sie einem etwas näher kommen. Aber versuch das mal jemandem zu erklären, der es als individuelle Freiheit empfindet, an seinem freien Osterwochenende freiwillig im Stau zu stehen.

Was das mit Turbostaat zu tun hat? Es geht um Haltung und auch darum, nicht nur sich, sondern auch Umwelt und Mitmenschen wahrzunehmen. Man muss die Texte von Turbostaat nicht bis in ihre Grundfesten verstanden haben, um das zu wissen. Man muss nur genau hinhören – und genau hinsehen. Was die Band aus Flensburg da auf die Bühne bringt, das gehört in die oberste Liga. Das ist Punk, das ist Indie, das ist so viel mehr als das. Diese wunderbaren Texte, der Sprechgesang von Jan Windmeier und tausend Gitarrenmelodien: Turbostaat reihen Hit an Hit an Hit. Und das ausgelassene Publikum feiert jeden Song, dankbar dafür, dass Turbostaat nach langer Zeit endlich wieder einmal in Zürich spielen. Wie lange das her ist, wissen sie selber nicht mehr genau. Was die Band wohl darüber denkt, wenn nach weit über 15 Jahren Bandgeschichte in Zürich die Menge „Husum, verdammt!“ schreit, als wären sie selber dort aufgewachsen? Ihren Gesichtern ist abzulesen, dass sie das nicht so schlecht finden. Und den Gesichtern der verschwitzten Leute vor der Bühne ist abzulesen, dass sie irgendwie schon wissen, warum man so etwas schreit. Tanzen, hüpfen, pogen – Augen zu und durch. Und wenn Turbostaat „Abalonia“ im Dreivierteltakt ausklingen lassen, spürt man, dass diese fünf Männer irgendwie auch extrem angekommen sind.