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Tiger Lillies, 17.2.2015
Tiger Lillies, 17.2.2015
Erstellt am: 05.03.2015   Autor:
05.03.2015 – Autor: TheNoise

Konzerte

Tiger Lillies, 17.2.2015 – Spielboden, Dornbirn (A)

Grosse Sause am Abgrund – Die Spezialisten für Geschmacklosigkeit und Provokation haben das Spielboden-Publikum begeistert – aber letztlich doch nur den Erwartungen entsprochen.

Ist hier Fasching oder sind das Fans der Tiger Lillies? Am Faschingsdienstag ist es gar nicht so leicht einzuschätzen, ob die morbide Maskerade mancher Besucher bloss der Jahreszeit geschuldet ist oder ob der dafür betriebene, mitunter beträchtliche Aufwand doch der Band gewidmet ist. Die grosse Sause ist ohnehin programmiert. Denn die Tiger Lillies versprechen eine virile Show gepaart mit Texten, die vor Geschmacklosigkeiten und Provokationen nur so strotzen. Ihr Rezept ist – so betrachtet – simpel, ihre Umsetzung ein Genuss. Das Trio bietet ein Wechselbad aus mitreissenden und gefühlvollen Stücken und würzt seine Show mit wenigen Zutaten – darunter Theremin, Ukulele und Singende Säge – so geschickt, dass man erst im zweiten Teil des Abends merkt, dass hier mit wenigen Ingredenzien unterschiedliche Süppchen gekocht werden. Spätestens wenn man sich fragt, ob man das aktuelle Stück nicht schon einmal gehört hat, fällt es auf, dass sich die Tiger Lillies auch selbst recyceln.

Doch über weite Strecken verfängt das Konzept der Tiger Lillies. Für die theatralische Mimik des skurril geschminkten Bandleaders Martyn Jacques und seine schrille, durchdringende Falsettstimme kann man sich leicht begeistern, und seine exzellenten Mitmusiker spielen ihre Rollen mit Hingabe: Drummer Mike Pickering bewundert man dafür, mit welcher Hingabe er den Einfältigen mimt, während es Bassist Adrian Stout als besserwisserischer Beflissener leichter hat. Das Markenzeichen der Truppe, Martyn Jacques‘ exaltierter Auftritt, ist ohnehin eine Klasse für sich. Da überhört man gerne, dass er es mit dem dramatisierenden Vibrato hin und wieder ein wenig zu sehr übertreibt.

Als die Tiger Lillies ihren an das Kabarett der Weimarer Republik erinnernden Stil entwickelten, tanzte die Welt noch nicht am Abgrund. Im Nachgang des Punk waren sie damit absolut auf der Höhe der Zeit. Danach waren sie einzigartig, weil sie Projekte wie die Vertonung der Struwwelpeter-Geschichten erstklassig umsetzten. Jetzt hat sie der Zeitgeist wieder eingeholt. Die Dauergäste Wirtschaftskrise, Kriege und Bürgerkriege sowie die Angst vor Altersarmut und Arbeitslosigkeit verlangen, wie auch die bitteren Jahre der Weimarer Republik, nach einem Ventil. Die Tiger Lillies bieten es – und nicht nur das: Ihr schriller Auftritt erinnert an die Zeit, auf die auch so mancher Wirtschaftskommentator mit Blick auf die aktuelle Lage gerne verweist. Im Spielboden wurde es sicher nicht zu unrecht begeistert angenommen.