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Viel Lärm um Lärm
Viel Lärm um Lärm

Viel Lärm um Lärm

Erstellt am: 16.05.2012
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Erstellt am: 16.05.2012   Autor:

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Dekadenz des Berner Nachtlebens –  fiktive Figuren und wahre Tatsachen.

Die stählerne Eingangstür des Nachtlokals fällt hinter ihr ins Schloss. Unbekanntes Terrain im Schummerlicht. Die Frau mittleren Alters lässt sich nicht beirren. Zu lange hat das laute Treiben der feiernden Meute ihre Nerven und Sinne strapaziert. Entschlossenen Schrittes eilt sie einen dunklen Korridor entlang. Der Schlund, gesäumt mit bröckelnden und vibrierenden Mauern, mündet im Epizentrum von Stimmengewirr und Melodie. Lautes Getöse und gleissende Blitze überwältigen die Dame. Zeter und Mordio bricht aus ihr heraus, prallt auf die Wand aus zuckenden Gliedmassen – und wird nach Sekunden der abrupten Stille als verzögertes Echo zurückgeworfen. „Figg di, Frou Müller“, hallt es durch das Gewölbe.

Eingerahmt von hohen Stuckdecken anstatt umzingelt von beklemmenden Betonmauern, sitzt Frau Müller auf dem Ledersofa in ihrer Altbauwohnung. Die gepflegten Hände zusammengefaltet in den Schoss gelegt. Ein fliederfarbener Seiden-Foulard schmiegt sich lose um den Hals. Mit ihren blassen Augen und dem hellen Haar, das – guten Genen oder einem guten Friseur sei Dank – kein Zeichen des Alters trägt, versprüht die Fünfzigjährige Esprit und Stil. Ungern lässt sie die unrühmliche Begegnung mit dem jungen Partyvolk Revue passieren: „Das war das Beleidigenste, was mir jemals wiederfahren ist“. Aber Frau Müllers Krawall für Ruhe hat Wirkung gezeigt. Die Lokalität in ihrer Nachbarschaft wurde auf Druck der Behörden geschlossen – im unteren Teil der Berner Altstadt ist endlich Ruhe eingekehrt.

carpe diem – carpe noctem
Bourgeoise Müller ist in der Nacht des Grauens auf Widersacher gestossen, die mit Ungehorsam für die Vielfalt des hauptstädtischen Nachtlebens kämpfen. Das Stichwort „Kulturbewegung“ lässt die Ethnologin schmunzeln: „Nächtliches Treiben, alkoholgetränkter Lärm und der Vandalismus – das ist nicht Kultur“. Was Kultur ist, verrät sie mit einem Blick zu der Bibliothek, die halbkreisförmig in die gegenüberliegende Wand eingelassen ist.
Schulter an Schulter stehen da Brecht und Goethe. Unfolgsame Männer, die in ihrer Lebensphilosophie den Nachtschwärmern näher sind, als den kleinbürgerlichen Moralaposteln. Der eine trieb seine leidenschaftliche Visionen von Kunst und sozialistischer Gesellschaft vorzugsweise mit einem (eigenes in die DDR importierten) Radeberger Pilsner voran. Der andere erklärte den Künstler kurzerhand zum Genie, das sich nicht vom einfältigen Spiessbürgertum unterjochen lässt. Doch wie Frau Müller zu sagen pflegt: „Die Werke sind Kultur, nicht die Menschen, die sie schaffen“.

Kultur ist, was sich in ein Regal stellen, konservieren, präsentieren und konsumieren lässt. Wenn nicht in trauten Heimbibliotheken, dann hinter dicken Mauern von Museen und Galerien. Es sind abschliessbare Welten, die aus sicherer Entfernung betrachtet und wieder verlassen werden können. Beim unmanierlichen Verhalten der Nachtschwärmer nützen Schloss und Riegel nicht. Deshalb muss die nächtliche Plage, die vor der Haustüre mustergültiger Bürger wütet, eliminiert werden. „Es gibt eine Zeit zum Reden und eine Zeit zum Schweigen“, meint Frau Müller zynisch. Und wer von ersterem nicht genug bekommen kann: für Kommunikation gibt es in Bern schliesslich auch ein Museum.

Hippie und Hipster
„Es ist kein persönlicher Rachefeldzug gegen die jungen Leute von heute“, sagt Frau Müller bestimmt. „Ich war schliesslich auch mal jung“. Ausgerechnet damals, im freiheits- und revolutions-sehnsüchtigen 1968. Als das Leben, musizierend und Haschisch rauchend,  auf der Strasse stattfand und nicht hinter verschlossenen Türen. „Wie auch immer“, winkt die Fünfzigjährige mit zusammengekniffenem Mund ab. Sie war nicht dabei. Während im Westen die patriarchischen Fesseln gesprengt wurden und im Osten der Frühling aufzog, hielt sich die junge Frau Müller in Afrika auf. Betrieb Stammeskunde. Untersuchte archaische Bräuche. War zur richtigen Zeit am falschen Ort. Möglicherweise ist das der Grund für ihr ambivalentes Verhältnis zum nächtlichen Gebaren deren, die in der Blüte ihrer Zeit stehen.

Im Laufe der Jahre hat sich die jugendliche Szene von der Strasse in abgeschottete Gemäuer zurückgezogen. Dort hat das Wesen des Non-Konformismus bis heute überdauert. Aber die Luft wird langsam dünn. Nicht nur die Erzkonservativen und Cüpli-Sozis (die vermeidlich weltoffene, tatsächlich spiessbürgerliche Linke) manövrieren die alteingesessenen Kulturbetriebe in die Bredouille. Auch die Konkurrenz übt Druck aus: die Alternative zur alternativen Szene greift um sich. Es entstehen Orte des Nachtlebens, die so schick und modern sind, dass sich das Publikum dem Diktat des Elitarismus unterwerfen lässt. Treffpunkte mutieren zu Showrooms – zu säuberlichen Schubladen eines zivilisierten Kastensystems.
Die Intelligenzija tummelt sich in der ausgemusterten Turnhalle, an einem In-Getränk nippend und in komplexe Gespräche viertieft. Dolce & Gabbana stehen sich vor einer Oase der Noblesse, auf High-Heels balancierend oder in Lederschuhen trottend, die Beine in den Bauch. High Snobiety soweit das Auge reicht. Und die Lokale, in denen elitäres Denken, Geld und Selbstinszenierung eine untergeordnete Rolle spielen, drohen langsam von der Kartographie des hauptstädtischen Nachtlebens zu verschwinden. Bern schreitet der kulturellen Dekadenz entgegen.

Im Namen der Kultur
Das stösst bei der sonst feinhörigen Frau Müller auf taube Ohren. „Kulturelle Dekadenz – Unsinn!“, lacht sie, während hinter ihr die schwere Eichentür ins Schloss fällt. In ihrer Lässigkeit, für die sie mehr als einen Augenblick vor dem Spiegel stand, macht sich die zierliche Frau leichten Schrittes auf den Weg. „Zur alljährlichen Berner Museumsnacht“, erklärt sie euphorisch. In ihrer Vorfreude entgeht der bedachten Dame die Bedeutung ihrer Worte. Frau Müller als Nachtschwärmerin. Unter dem eleganten, sorgfältig übergeworfenen Deckmäntelchen „Kultur“, das die Gutbürgerin zu ihren Zwecken einzusetzen weiss, blitzt der Egoismus hervor. Noch bevor sie ihren Fauxpas korrigieren kann, holt sie das Echo ein. „Figg di, Frou Müller“, hallt es durch das Gasse.

Nachtrag: Auf dem Vorplatz der „Reitschule“ soll Ruhe einkehren. Am 3. Mai 2012 liess Regierungsstatthalter Christoph Lerch den  Betreiber des alternativen Kulturzentrums eine Verfügung zugestellen. Auf dem Vorplatz wird: Hintergrundmusik verboten. Getränkeverkauf über die Gasse (ab 00.30) Uhr verboten. Grossanlässe (ausser einmal im Jahr) verboten. Wochenendkonzerte (ausser einmal im Monat) verboten.Um den Auflagen Nachdruck zu verleihen, wird die «Vorplatzbar» während des Monats Juni geschlossen. Grund für die Verfügung sind rund 80 eingegangene Lärmbeschwerden.