Exit Music
The children first – Strahlentod und Radiohead.
The children first – Strahlentod und Radiohead.

The children first – Strahlentod und Radiohead.

Erstellt am: 11.07.2012
Autor:
Erstellt am: 11.07.2012   Autor:

Specials

„Because we separate like ripples on a blank shore“

von Emanuel Welinder

Um etwas Neues zu erschaffen, muss erst einmal etwas Anderes niedergerissen werden. Das wusste schon Dada Anfang des 20. Jahrhunderts. Nur: wie so oft wurde da wieder etwas vergessen. Die grotesk verschwenderische Zerstörungsorgie verzichtete fast gänzlich auf das Element des Neuaufbaus, der Kreation oder wie auch immer man es nennen mag. Destruktion ohne Konstruktion. Dass wir eigentlich nichts mehr zerstören müssen und uns somit ganz dem Wiederaufbau widmen können, übersieht man gerne. Doch der Raum, genau genommen der mediale Raum, in dem wir uns bewegen ist, wie so oft, ein Zwischenraum. Wir sind weder Prä- noch Post-Nuklear; taumeln im Dazwischen der nuklearen Katastroph(en). In diesem Raum ist die Vorbedingung des „Neuen“ bereits durch die Zerstörung des „Alten“ gegeben. Doch die drohende Zerstörung des noch nicht geschaffenen „Neuen“ ist jetzt schon fest eingeschrieben. Dieses Dazwischen kodiert die Begriffe „Neu“ und „Alt“ auf gänzlich andere Weise und hinterlässt mit seiner deterministischen Gewissheit auf Zerstörung wenig Hoffnung.
Was dies nun mit Radiohead zu tun hat? In diesem atomaren Dazwischen, in dem das Alte nuklear verseucht ist und das Neue diesem Schicksal unweigerlich entgegensteuert ist das, was bleibt, die Strukturen dieser eigenartigen Konstellation offen zu legen. Und hier setzt die britische Band an. Es geht um das chirurgisch säuberliche Sezieren von Klangstrukturen; absolute Transparenz um diesem elendigen und grausam redundanten Dazwischen zu entkommen.

Wir setzen hier nun Ende der 90iger an. Nach dem Album „OK Computer“. Beginnen also bei „Kid A“ (2000) und enden vorläufig bei „The King of Limbs“ (2011). Die Band bewegt sich seit 1997 auf Abwegen. Ihr Sound wurde zunehmend synthetischer, experimenteller. Was wir hören sind keine Lieder mehr, es sind Klanglandschaften, welche unsere Ohren zur Erkundung auffordern. Der Sound ist fragmentiert, in die kleinsten Einheiten des Wahrnehmbaren zerlegt. Samples und Loops feuern aus den Boxen, Fetzen synthetisch erzeugter Klänge zerreissen jegliche Konstanz. Einzelne Elemente wie Beat, Bass, Melodie und Gesang entfalten erst im Arrangement ihr Potential. Wo am Anfang eines Tracks Beat oder Melodie unfertig wirken, erfahren sie eine wahre Metamorphose, sobald weitere Elemente gleich einem Legogebäude aufgestöpselt werden. Dennoch bleibt das Klangerlebnis nicht konstant, jedes Element unterliegt dem Gesetz der Transformation. Wir als Hörer sind gefordert, müssen uns jeweils neu orientieren und vor allem müssen wir uns auf den Sound einlassen. Spontanität und Veränderung kennzeichnen die Werke nach „OK Computer“. Die Möglichkeit der digitalen Modulation und synthetischen Klangerzeugung ist die Unberechenbarkeit. „Infrastructure will collapse“ (House of Cards – In Rainbows). Wo immer unsere Ohren ein Muster fixieren und ein statisches Niveau anstreben überrascht uns Radiohead; durch die geschickte Wegnahme oder Zugabe einzelner Elemente oder deren Transformation. Keine Sekunde gleicht der anderen. Die Struktur von Musik, als eine im Arrangement komponierte Kunst, liegt auf Scheiben wie „In Rainbows“ oder „The King of Limbs“ nackt vor uns. Elemente, die ihren Platz erst in einem stabilen Gefüge finden, werden uns in ihrer Instabilität vorgeführt. Verzweifelt klammern wir uns so an die vermeintlich einzig verbleibende Konstante: Thom Yorkes Stimme. Diese thront über den Klanggebäuden von Radiohead und bietet unseren Ohren die nötige Stabilität. Wir folgen ihr, richten uns nach ihr aus und plötzlich: ein weiterer Bruch. Gesampelt, durch Delays und Reverbs gejagt, zwängt sie sich durch wirre Konstruktionen wie „Feral“ (The King of Limbs). Was sich im Soundgefüge als konstant erwies verliert sich ebenso in Fragmenten. Satzbruchstücke, einzelne Wörter oder gar nur Silben wandern von rechts nach links, werden leiser und lauter und fügen sich in das Gesamtarrangement ein. Und zwar nicht als eindeutig ausgewiesener Gesang, sondern vielmehr als weiteres Element in einer undurchsichtigen Soundcollage. Fragmentiert und neu zusammengefügt. Der Sound von Radiohead mutet tatsächlich wie eine Collage an. Doch das ist noch zu wenig. Es ist die Dynamik einer Collage, das unberechenbare Moment ihrer spontanen Transformation, welche den Klang der Band ausmacht.

Wir sprachen anfangs von Strukturen zur Überwindung der Geisel namens Zwischenraum. Radiohead operiert genau an dieser Naht. Die Offenlegung von grundlegenden musikalischen Strukturen lässt ihren Sound zur Reflexion über Musik selbst werden. Es ist kein Dazwischen. Nicht zwischen Kunst (Collage), Musik (Sound) oder Wissenschaft (Reflexion). Es ist die Reflexion als Schöpfung einer neuen klanglichen Qualität. Wir werden entführt in einen Raum, in dem kein Plutonium existiert, Radioaktivität unbekannt und das Dazwischen überwunden ist. Dieser neue klangliche Raum ist die Sphäre von Radiohead.

„Slowly we unfurl. As lotus flowers. ‘Cause all we want is the moon upon a stick.“ (Lotus Flower – The King of Limbs)