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Special: Odd Future
Special: Odd Future

Special: Odd Future

Erstellt am: 09.05.2015
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Erstellt am: 09.05.2015   Autor:

Specials

Was ist los bei Odd Future? Bis vor wenigen Wochen war es für lange Zeit verdächtig ruhig um OFWGKTA (Odd Future Wolf Gang Kill Them All). Jetzt haben Gründer Tyler und sein Kumpel Earl Sweatshirt in Nullkomanichts ihre neuen Alben veröffentlicht. Was taugen die neuen Ansätze der beiden? Und wie steht es um Odd Future insgesamt? Wir widmen dem Rap-Klüngel ein Feature.

Als vor vier Jahren Tyler The Creator sein Album „Goblin“ auf den Markt brachte, war der Hunger auf das HipHop-Kollektiv am Siedepunkt. Auch sein Alumnus Earl Sweatshirt und vor allem der R´n´B-Star Frank Ocean hielten die Fahne der Clique aus Los Angeles in den Folgejahren einigermaßen hoch. Doch die Gruppe geriet über die Jahre aus dem Blick der Black Music-Fans. 

Es begab sich 2007 auf den Straßen von Los Angeles. Zwischen den Beton-Meeren der Skateparks an der ständig warmen Ostküste fanden sich einige pubertierende Musiker zusammen, um die selbstgefällige Szene aufzumischen. Darunter der gerade erst 16-jährige Tyler Okonma. Er hat sich vor kurzem das Klavierspielen beigebracht und heißt fortan „The Creator“. Gemeinsam mit Rappern, die sich Hodgy Beats, Left Brain oder Matt Martians nennen, gründet er nun das wohl selbstgefälligste aller HipHop-Projekte. Odd Future Wolf Gang Kill Them All (meist nur „Odd Future“ aber immer öfter auch „Golf Wang“).

„Fuck you think I made Odd Future for? / To wear fucking suits and make good decisions? / Fuck that nigga, Wolf Gang!“ 
(Tyler, The Creator – „Sandwitches“)

So unterschiedlich die Mitglieder des Projekts und ihre Musik doch sein mögen, so leicht fällt es dennoch, typische Charakteristika eines Odd Future-Albums zu benennen. Größenwahn (auch was die Ausreizung der Spielzeit eines Albums betrifft – Tylers „Goblin“ dauert fast die maximalen 74 Minuten). Knallig bunte Synthie-Flächen an der Grenze zur Peinlichkeit. Comichafte Texte mit Parental Advisory-Sticker. Mut zur Hässlichkeit und zu offensichtlichem Drogenmissbrauch. All das in unterschiedlichen Stärken und Kombinationen macht den Reiz des Odd Future-Kollektivs aus. Mit ihren ersten Alben gelingt es der Gruppe einige Jahre nach ihrer Gründung, einen mittelschweren Hype im Internet auszulösen. Bis dato veröffentlicht die Truppe aus LA ihre gesamten Werke frei verfügbar auf ihrem Blog. Tylers frühes Mixtape „Bastard“ macht ihn 2009 zu einem der am heißesten gehandelten Talente der HipHop-Welt.


Doch erst in den Jahren darauf schließen sich mit Frank Ocean und Earl Sweatshirt zwei sehr verschiedene Künstler Odd Future an, die das Gesicht des Kollektivs neben Tyler am meisten prägen würden. Thebe Kgositsile ist genau wie sein Vorbild Tyler erst 16, als er sich dem Rudel anschließt. Odd Future waren über seinen Myspace-Account auf ihn aufmerksam geworden. Der Sohn eines südafrikanischen Poeten und einer amerikanischen Jura-Professorin nennt sich Earl Sweatshirt und sorgt mit seinem Debüt „Earl“ für mindestens so viel Wirbel wie Tyler. Vor allem in den eigenen vier Wänden: Seine Mutter schickt Earl nach Samoa. Auf der Coral Reef Academy soll das Problemkind wieder auf die richtige Bahn gebracht werden. Bis zu Earls Rückkehr ist der Slogan „Free Earl“ nun fester Bestandteil eines jeden Odd Future-Konzerts.

„Searching for a big brother, Tyler was that. Plus he like how i rap“ (Earl Sweatshirt – „Chum“)

In der Zwischenzeit kommt es zu zahlreichen Projekten und Kooperationen unter den einzelnen Mitgliedern der Gruppe. Darunter die benebelte Jazz-Elektronica von The Jet Age Of Tomorrow oder die reduzierten Rapper MellowHype.

Im Jahr 2011 erreicht der Rummel um das Wolfsrudel schließlich seinen vorläufigen Höhepunkt. R’n’B-Sänger Frank Ocean veröffentlicht sein Tape „Nostalgia Ultra“ und damit das ungebrochen schönste Odd Future-Album bis dato. Der Klang von Oceans Debüt ist weicher, poppiger – dafür aber nicht weniger mutig als die ersten Gehversuche seiner Kollegen. Auf „Nostalgia Ultra“ geht alles, sogar ein Cover der (damals freilich noch nicht ganz so uncoolen) Coldplay.

Doch während Frank Ocean noch für sein großes Meisterwerk probt, geht Tyler, The Creator förmlich durch die Decke. Seine Debüt-LP „Goblin“ ist bei Kritikern heftig umstritten. Nichtsdestotrotz steigt das Album auf Platz 5 in den US-amerikanischen Billboard-Charts ein. „Goblin“ ist ein bombastisches und anstrengendes Projekt, enthält aber einige herausragende Tracks. So wie den ultra-tiefergelegten Hardcore HipHoppper „Yonkers“ – vermutlich der beste aller Odd Future-Songs.

„Goblin“ ist eine Zäsur in der Geschichte von Odd Future. Es ist das erste kommerziell veröffentlichte Release des Kollektivs und ebnet trotz seiner Streitbarkeit den Weg für vieles, was noch kommen wird. So beispielsweise „Channel Orange“ – die große Coming Out-Story von Frank Ocean, die 2012 (auf eine weitaus ruhigere Art) den Trubel um „Goblin“ noch übertrifft. Auf einem groß angelegten, progressiven R’n’B-Album kehrt Frank Ocean sein innerstes nach außen.

„The best song wasn’t the single / but you weren’t either“ (Frank Ocean – „Sweet Life“)

„Channel Orange“ ist die beständigste und wohl auch beste Musik, die Odd Future bis dato hervorgebracht haben. Frank Ocean covert Coldplay jetzt auch nicht mehr, er geht mit ihnen auf Tour. Sein Album erreicht Platz 2 in den US-Charts und wird von der Kritik in den Himmel gelobt. Zurecht: Epen wie Pyramids sprengen jeglichen musikalischen und inhaltlichen Rahmen. Frank Ocean verwebt hier die Geschichte einer Nachtclub-Tänzerin geschickt mit der ägyptischen Pharaonin und Cäsar-Gespielin Cleopatra.

Im gleichen Jahr expandieren Odd Future: Ihr greller, comichafter Stil schlägt sich in einer eigenen Modelinie nieder. Mit der (unfassbar albernen) Sketch Comedy „Loiter Squad“ bekommt die Clique sogar ihre eigene Fernsehshow auf dem Kabelsender Adult Swim. Der asoziale und selbstverständlich gewaltverherrlichende Humor der Gruppe trifft hier auf eine recht durchwachsene Bandbreite an schauspielerischem Talent. Die einzelnen Charaktere arbeiten sich hier dennoch unverkennbar heraus. So ist es beispielsweise unfassbar komisch, den unbeholfenen Earl Sweatshirt in einem Vorsprechen für „12 Years a Slave“ zu sehen.

Musikalisch halten sich Odd Future fortan eher bedeckt. Lediglich Earl Sweatshirt kann mit seiner Debüt-LP „Doris“ auf ganzer Linie überzeugen. Mehr und mehr bekommt man das Gefühl, dass Kritiker und Medien des Rudels überdrüssig geworden sind. Bestes Beispiel: VISIONS-Redakteur Daniel Gerhardt, der „Goblin“ und Odd Future generell über seine Artikel bis dato enorm gepusht hatte, revidiert sein positives Urteil zum Teil. In seiner Rezension zum zweiten Odd Future-Mixtape heißt es, „Goblin war bei allen spektakulären Einzeltracks doch 20 Minuten zu lang und mehrere Gast-Features zu nett zu den weniger fähigen Odd-Future-Mitgliedern.“

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Insgesamt scheinen die Leitfiguren der Wolf Gang ihre eher unauffälligen Kumpanen deutlich in den Schatten zu stellen. Ungünstige Entscheidungen befeuern den Verlust des Interesses noch: So erzählt Tyler, dass es nie zur von den Fans heiß ersehnten Kooperation zwischen ihm und Earl Sweatshirt kommen werde. Das Projekt unter dem Namen EarlWolf sei ihm zu sehr gehypet worden. Nachdem die Kooperationen der beiden in der Vergangenheit in der Regel hervorragend waren, enttäuscht diese Aussage viele Anhänger. Das Kollektiv scheint nicht nur von Kanye West und Kendrick Lamar, sondern auch von sich selbst überrollt.

Für 2015 kündigte lediglich Frank Ocean an, er arbeite an neuem Material. Doch kurz nach dem man glaubt, es sei vollkommen ruhig geworden um Odd Future, platzen Earl Sweatshirt und Tyler, The Creator innerhalb weniger Wochen mit dem überraschenden Release ihrer neuen Alben in die Stille. Hatte man vor wenigen Jahren noch nichts außer einem krassen Internet-Hype, umschiffen Earl und Tyler diesen nun mit Absicht. Wie wegweisend das für Odd Future generell ist, darüber kann nur spekuliert werden. Earls „I don’t like shit, I don’t go outside“ und „Cherry Bomb“ von Herrn Creator sind jedenfalls absolut gegensätzlich. Besonders auffällig: „Cherry Bomb“ enthält kaum Features von OFWGKTA-Mitgliedern. Dafür tauchen Kanye West, Lil Wayne und Pharell Williams auf. Quo vadis, Odd Future? Diese Frage bleibt vorerst unbeantwortet.

Unser Review von „I don’t like shit, I don’t go outside“

Unser Review von „Cherry Bomb“

(Bildmaterial: Odd Future Tumblr / Wegetpress)