Exit Music
Singen sollen Sie, g’scheit singen …
Singen sollen Sie, g’scheit singen …

Singen sollen Sie, g’scheit singen …

Erstellt am: 15.09.2005
Autor:
Erstellt am: 15.09.2005   Autor:

Specials

Sarah Connor heiratet, Salomé will auch, aber niemand will sie, Britney
hat schon und wird bald Mama, Jay-Z hat erst seinen dreiundzwanzigsten
Porsche gekauft, Piff-Paff-Puff Diddy-Duddy-Döddl (oder so) heisst
neuerdings wieder irgendwie anders, Christina Aguilera hat sich einen
Burger genehmigt, Kelly Osborne nimmt Drogen – wäre hätte das gedacht!
–, der geleckten Beyoncé entfleuchte jüngst ein Darmwind (oops),
Madonna hat sich Haxen oder Arm oder sonst irgendetwas gebrochen, St.
Bob, der Geldof, plant ein riiieeesiges Gutmensch-für-Gutmenschen-Konzert
mit viiieeelen liiieeeben Stars, Bono trifft sich mit Blairs Schwiegermutti zum
Tee und bespricht die Lösung der Wasserknappheit in der Sahel-Zone
– Herrschaften, so wichtige Null-Ereignisse!

Alles muss der moderne Musik-Fan wissen. Muss er? Nö. Aber er will,
zumindest viele seiner Spezies. Kaum lallt der Timberland, Timbervalley
(oder so) eine Dummheit, lesen wir es im Internet oder hören davon von
einem trendig gestylten, im wahrsten Sinne des Wortes bis auf’s Blut
gepiercten, erbarmungswürdig stotternden Moderator bei Viva. Doch
Bedacht! Bezichtigen wir nicht die Medien dieser Sottisen. Nostra
culpa. Die Journaille interessiert solcherlei Firlefanz keinesfalls
sonderlich, doch – o Graus – das Konsumgesindel. Wo eine Nachfrage –
und sei sie inhaltlich noch so tappert – besteht, wird sie umgehend
befriedigt – sofern finanziell einträglich. Und allem Anschein nach ist
die Sache einträglich.
Warum, Himmel, Herrgott, Sakrament, tun die zeitgenössischen Musikanten
nicht einfach das, wovon sie meinen, es einigermassen zu beherrschen?
Lasst Fussballer Fussball spielen, Politiker politisieren, Maler malen
und Musiker eben musizieren.

Was soll überhaupt diese Fremd-Arbeit? Weswegen, beim heiligen
Antonius, engagieren sich die „Stars“ eigentlich stets von neuem
geldbettelnderweise? Wir hegen den begründeten Verdacht: des Prestiges
wegen, und zwar getreu dem Marketing-Gebot: Tue Gutes, zeig es, blecke
das Gebiss und poliere Dein Image. Hernach sahnt es sich effizienter
ab. Hierzu sei schüchtern angemerkt: Als betuchte Show-„Persönlichkeit“
(ha!) halte man tunlichst den Mund und spende, ohne Aufhebens davon zu
machen. Dies würde manch’ grausiges Duett zum Gewinn aller Beteiligten
bereits im Keim erdrosseln.

Die betreffenden Damen und Herren haben sich ultimativ auf Ihre
Kompetenzen zu besinnen, womit sie notabene ihrem Kerngeschäft gerecht
würden: Ressourcen zur Verfügung stellen, damit Musik unter möglichst
optimalen Bedingungen gedeihen kann, und die fertigen Produkte auf den
Markt bringen. Man gebiete endlich dem Marketing-Overkill und den
Image-Possen Einhalt. Gefragt sind Songs von Qualität, nicht
musikalische Plattitüden, kurze Röckchen, mehr oder minder erotische
Hüftschwünge, Silikonverunstaltungen und Konsumexzesse hochgejubelter,
entsetzlich untalentierter Sternschnuppen. Ein paar Bravo-Storys
(Geburten und Abtreibungen, Magersuchtbeichten und Fressorgien,
Entziehungskuren und Saufgelage, Yacht-Ferien, Sonnenbrand am Hintern,
Liebesaffären und Trennungen) dürfen den Alltag des musikinteressierten
Publikums mitunter sicherlich beleben, aber in Massen. Statt permanent
neue Strategien auszuhecken, wie mit den ewig gleichen Bum-Bum-Dingern
Teenies das Geld aus der Tasche zu ziehen ist, und sich weinerlich
darüber auszulassen, wie schädlich Raubkopien seien, würden die
Industrie ihre Energien gescheiter darauf verwenden, innovative
Künstler zu unterstützen. Anders formuliert: Könnte es nicht doch am
Produkt liegen, dass die Umsätze in der Branche seit geraumer Zeit
rückläufig sind? Es kommt kaum von ungefähr, dass die Achtziger Urständ
feiern. Präsentiert sich der Ist-Zustand pitoyabel, wendet man sich
vorzugsweise einer verklärten Vergangenheit zu. Jeder Markt vermag eben
nur ein begrenztes Quantum an Repetition zu absorbieren. Man wüsste es
zweifelsohne zu schätzen, würden nicht allein neue Namen, sondern neue
Inhalte publiziert.

Boy-, Girl- und Oldiegroups,
Alle-Länder-suchen-den-Superoberpopstar-Champions,
R’n’B’-Schlankheiten, Hip-Hop-Gangsterchern, Dialekt-Krächzer u. v. a.
m. dürfen ihrer Existenzberechtigung nicht beraubt werden. Wir weisen
jeden Dünkel-Vorwurf von uns, doch die Frage sei erlaubt: Ist DAS
alles, was Sony und Konsorten dem breiteren bzw. stärker kommerziell
ausgerichteten Markt anzubieten vermögen? Müsste das so genannte
Music-Business sich nicht endlich dazu durchringen, ein bissl
niveauvollere M-u-s-i-k zu promoten? Sie existieren ja, die Joy
Divisions, Smiths, Stone Roses, Nirvanas etc. Allein, sie harren der
Entdeckung. Mehr Mut stände den Multis zweifelsohne schicklich zu
Gesichte und wäre bestimmt lukrativ. Ei der Daus, wär’ das schön, wenn
die Radioprogramme nicht pro Tag 6 Titel x-mal wiederholten. Solcherart
müsste man sich wenigstens nur mehr über Unzulänglichkeiten der
Moderierenden ärgern, doch dies ist wieder ein anderes Thema …