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Sarah Records
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Sarah Records

Erstellt am: 06.06.2009
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Erstellt am: 06.06.2009   Autor:

Specials

Sarah Records

Das britische Label prägte den britischen Indie-Pop entscheidend mit und geniesst heute einen legendären Ruf. Wie es dazu kam … ein Blick auf Hintergründe und ausgesuchte Schätze.

C86

Mit einem Kredit über 1000 Pfund gründete Alan McGee 1983 ein neues Independent-Label namens Creation Records.  Bei der Namensfindung bediente er sich bei einer seiner favorisierten Bands aus den 60ern; The Creation, einer Mod-Band, die zwar nicht den gleichen Zuspruch wie die Publikumsmagneten von The Who fand, aber inmitten der Freakbeat- und British Invasion-Bewegung äusserst prächtig gedeihen konnte. Anerkennung bekam die Band auch später, als ihr Hit „Making Time“ die zweite Nuggets Compilation von Rhino eröffnete.
Mit Veröffentlichungen von Bands wie The Weather Prophets, The Jasmine Minks, The Loft und The Bodines trug Creation in seinen ersten Jahren einen wesentlichen Teil dazu bei, was später vom NME unter dem Begriff C86 zusammengefasst wurde. Das Material dieser Bands erinnerte an den Jangle Pop der 60er (dessen Vorliebe sich Künstler und Labelchef wie oben erwähnt teilten), gekreuzt mit der DIY-Attitüde die die Punkbewegung ausgelöst hatte. Die meist kurzen Songs waren ehrlich-treibender Gitarrenpop mit eingängigen Hooks. Der New Musical Express brachte 1986 einen Sampler namens C86 heraus, der eine Art Zeugnis jener Szene war und bis heute als wichtiges musikalisches Dokument des Indie Pop-Genres gilt.

Der Beginn

Zu dieser Zeit existierten auf der Insel einige Fanzines, die sich damit auszeichneten, nicht nur über diese lebendige Szene zu berichten, sondern sie auch aktiv mitgestalteten. So brachte etwa das einflussreiche Fanzine „Are You Scared To Get Happy?“ unter der Regie von Matt Haynes seit 1985 auch Flexidiscs unter die Leute und ermöglichte so einigen Bands den Einstieg ins Business und machte sie einem breiten Publikum zugänglich. Darunter waren klingende Namen, die heute bestens bekannt sind: Talulah Gosh, Razorcuts, The Orchids und noch weitere.
Zwei Jahre später, 1987, gründete er mit einer Freundin, die er an der Universität in Bristol kennengelernt hatte, ein neues Label: Sarah Records. Diese Freundin war die erst 19-jährige Studentin Clare Wadd. Auch sie war bereits vor der Gründung von Sarah Records aktiv in der Szene, als Autorin des Fanzines Kvatch. Clare Wadd äusserte sich rückblickend zur Gründung des Labels so: „Wir gründeten Sarah Records, weil wir sahen, wieviele gute Bands sich in der Szene bewegten und wir wollten ihnen einfach helfen, ihre Songs zu veröffentlichen.“ Natürlich verdrehen einige Leute schnell die Augen angesichts solch einer Aussage und wünschen sich eine etwas ehrlichere Antwort, die weniger sozialromantisch gefärbt ist. Stattdessen schlug Matt Haynes in dieselbe Kerbe: „Ich wollte immer sicher sein, dass alle Songs auf den Singles gut sind. Ausserdem legten wir Poster und Postkarten bei, um aus jeder Veröffentlichung etwas Spezielles zu machen. Ich mochte den Gedanken, dass man sich unsere Musik auch mit seinem Taschengeld leisten konnte.“ Der Name Sarah Records war reine Provokation und sollte den Stil der Musik vorwegnehmen. Bittersüss, freundlich und irgendwie ein bisschen Pop. Twee Pop. Sarah Records eben.
Um den charakteristischen Sound zu schaffen, die Pop Musik zu definieren, der Sarah Records acht Jahre lang verpflichtet war, genügte eine Veröffentlichung. Sarah 001 kam ungewöhnlicherweise, wie auch alle folgenden Singles, als 7“ Single daher und stammte von den Sea Urchins. Die junge Band aus West Bromwich kam damit bis auf Platz 11 der UK Indie Charts:

Sarah 001 The Sea Urchins – Pristine Christine
Schon die Gitarre zu Beginn weist den Weg dieser sommerlich müden Mid-Tempo-Nummer.  Mit einem brillanten Hook gesegnet, zielt der Song, getragen vom mittelmässig begabten, aber unheimlich charmanten Sänger James Roberts, auf eine ganze Generation verwundeter Teenager-Herzen. Ein Starschuss mit Signalwirkung.

Die Singles 002 bis 005


Sarah 002
The Orchids – I’ve Got A Habit
Die schottische Band The Orchids wurde 1986 gegründet und startete mit der Single „I’ve Got A Habit“ eine langjährige Zusammenarbeit mit Sarah Records. Insgesamt  sieben Singles und drei Alben erschienen in den Folgejahren.
Die Single besticht vor allem durch typischen Jangle Pop. Einen Gitarrensound, der jeden Smiths-Fan glücklich macht. Eine leichtfüssige und gute Nummer, die aber eindeutig im Schatten der Singles 001 und 003 steht.

Sarah 003 Another Sunny Day – Anorak City
Die Nummer drei ist wohl die bekannteste und einflussreichste Single auf Sarah Records. Hinter dem seltsamen Bandnamen steckte Harvey Williams, der später unter seinem bürgerlichen Namen eine EP veröffentlichte und auch nach dem Ende des Labels dank Matt Haynes Unterschlupf auf dessen neugegründeten Shinkansen Recordings fand.
Anorak City ist purer, unverschämt melodischer Lo-Fi Pop. Ein im Grunde simpler Song, der aber das berühmte Hook besitzt und einen tagelang begleiten kann. Bemerkenswert ist das bewusst androgyne Spiel mit dem Gesang, eine Anspielung auf die Twee Pop-Szene und ein Hinweis darauf, dass Sarah Records durchaus ein politisches und in gewisser Weise auch feministisches Label war. So verzichtete man beispielsweise auf Frauen-Portraits als Cover, da Clare Wadd der Ansicht war, dies sei nicht nötig um Platten verkaufen zu können.

Sarah 004 war das erste Fanzine


Sarah 005
14 Iced Bears – Come Get Me
Die Band aus Brighton wechselte oft die Besetzung. Die Konstante bei den Bears waren Singer/Songwriter Rob Sekula und Gitarrist Kevin Canham. Während Sekula mit leicht schläfrig unmotiviertem Gesang seine Pop Melodien vortrug hüllte Canham die Songs in einen Mantel aus fuzzy Punkgitarren. John Peel gefiel es, er lud die Band zu einigen Sessions für die BBC ein.

An der Upper Belgrave Road 46 erhielten Haynes und Wadd nun regelmässig Besuch von Fans und ambitionierten jungen Künstlern, die ihre Tapes abgaben, in der Hoffnung, einen Rückruf zu erhalten. Tatsächlich waren nur zwei Bands im Line Up von Sarah effektiv aus Bristol. Dafür holte man mit East River Pipe ein amerikanisches Musikerpaar und mit Even As We Speak eine australische Band an Bord. Die Möglichkeit einer solch eher ungewöhnlichen Expansion verdankte das Label unter anderem auch dem positiven Echo der in England nach wie vor wichtigen Presse. Besonders während der Frühphase ernteten die meisten Singles Lob und im allgemeinen wohlwollende Kritik. Der NME beispielsweise kürte mehrere Veröffentlichungen zur „Single of the week.“

Support gab es auch von The Radio 1 Evening Session beziehungsweise von der BBC.  „John Peel war ein Glücksfall für uns, er spielte fast alles, was wir rausgebracht haben“ meinte Clare Wadd in einem Interview. Matt Haynes präzisierte jedoch: „Ich denke John Peel mag Clare und mich mehr als die Musik, die wir mit Sarah veröffentlichten. Es scheint mir, als hätte er mehr mit unserem Umgang mit der ganzen Musikindustrie sympathisiert. Er mochte die Idee hinter Sarah Records wohl lieber als die meisten Bands, aber er gab uns immer eine Chance und spielte wirklich fast alles von uns.“

Erfolgsjahre (Heavenly und Field Mice)
Aus der Asche der C86-Giganten Talulah Gosh entstand 1989 Heavenly. Die führenden Köpfe waren wieder an Bord. Sängerin Amelia Fletcher und ihr Bruder Matthew machten eigentlich nahtlos dort weiter, wo Talulah Gosh aufgehört hatten. Die letzten Punk-Einflüsse verschwanden zwar, aber das Songwriting wurde um einiges stärker, die Songs allmählich komplexer. Trotzdem war immer vom ersten Ton an klar worum es hier ging. So hiess die erste 7“ von 1990 dann auch: „I Fell In Love Last Night“. Ein weiterer ausgezeichneter Song, mit allerdings etwas gar süsslichen Lyrics. Der NME schrieb darüber: „…wie bei allen anderen Veröffentlichungen von Sarah werden die Lead Vocals von einer Frau gesungen…“ Darüber konnte sich Matt Haynes noch Jahre später ereifern: „Es war die erste Single überhaupt mit weiblichen Lead Vocals die wir veröffentlichten. Aber es fasst ziemlich gut zusammen wie das Verhältnis zur Presse nach den ersten Jahren war. Es gab mehr als nur einen Autor, der uns eine gute erste Rezension schrieb und danach keine weiteren Releases von uns mehr rezensieren wollte. Vermutlich hatten sie Angst als  „Sarah Addicted“ abgestempelt zu werden. Etwas wovor sie sich allerdings nicht fürchteten, wenn es um Creation oder Sub Pop ging.“ Die Fans störte es nicht. Sie kauften auch die später folgenden Alben „The Decline and Fall of Heavenly“ und „Le Jardin De Heavenly“ fleissig und machten Heavenly zum Zugpferd des Labels.
Der heimliche Favorit der Fans waren aber The Field Mice. Die Band wurde 1987 in Mitcham als Projekt von Robert Wratten und Michael Hiscock gegründet. Mit Hilfe eines billigen Drum-Computers nahmen die beiden drei Songs auf, die sie nach Bristol schickten und prompt eine Antwort erhielten. Allerdings bestanden Haynes und Wadd auf ein zweites Demo. The Field Mice folgten dieser Aufforderung und reichten ein zweites Demo ein, das eine frühe Version von „Emma’s House“ enthielt. Vielleicht einer der besten Popsongs der Achtziger. Sarah Records schickten The Field Mice in ein professionelleres Studio mit der Aussicht eine 7“ veröffentlichen zu können. Im November 1988 erschien die EP “Emma’s House“. Nachdem die Band erste Erfahrungen auf Tour sammeln konnte, erschienen relativ schnell die Single „Sensitive“ und das Mini Album „Snowball“. Beide wurden von der Presse begeistert aufgenommen. The Field Mice waren offen für diverse Musikrichtungen und liessen in ihren Pop immer wieder Elemente einfliessen, die für eine Sarah-Band doch etwas ungewöhnlich waren. Es fanden sich Anleihen an frühe Factory-Bands, Acid House und auch Samples fanden Verwendung. Später wurden Wratten und Hiscock und um drei weitere Mitglieder ergänzt. 1990 präsentierte sich die Band auch erstmals live als 5-köpfige Band. Nur ein Jahr später, während der Promotion Tour zu ihrem letzten Album, gab man die Auflösung des erfolgreichen Field Mice Projektes bekannt.

The End

Im August 1995 erschien im NME und im Melody Maker ein halbseitiges Inserat womit Sarah Records den Release einer Compilation (Sarah 100) sowie das Ende des Labels bekannt gaben. Zusätzlich organisierten Haynes und Wadd einen „Everything-must-go-gig“ der Fans aus allen Teilen der Welt nochmals nach Bristol lockte. Blueboy spielten ein Acoustic Set, Brighter kamen noch einmal zusammen, Secret Shine, Harvey Williams, Boyracer, The Orchids spielten… und weit nach Mitternacht sang Amelia Fletcher mit Heavenly die letzten Noten einer Band unter Sarah Records. Matt Haynes und Clare Wadd wurden aufgefordert eine Rede zu halten, was sie aber ablehnten. Warum auch, in der Anzeige stand schliesslich schon alles:

a day for destroying things…
 
… because when you were nineteen
 
didn’t YOU ever want to create something beautiful and pure
just so that one day you could set it on fire
and then watch the city light up as it burned?  
Didn’t you want to do that every day of your life?
 
Nothing should be forever.
Bands should do one single and then split-up,
fanzines finish after one flawless issue,
lovers leave in the rain at 5am and never be seen again –
Habit and fear of change are the worst reasons for ever doing ANYTHING.
 
Stopping a record-label after 100 perfect releases
is the most gorgeous pop art-statement ever
and says more about pop-music than any two-part digipak
limited-edition coloured-vinyl 7″
grimly authentic lo-fi ten-track EP
(or any other marketing gimmick)
ever will.
 
Sarah Records is owned by no-one but us,
so it’s OURS to create and destroy how we want
and we don’t do encores.
 
We want to burn in bright colours and go pop,
to be giddy, impulsive and silly,
to kiss people in new places –  
EXQUISITELY
– and dare to tear things apart.
 
The first act of revolution is destruction  
and the first thing to destroy is THE PAST.
scary
like falling in love
it reminds us we’re alive

Sarah Records 1987 – 1995