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Rearviewmirror: Pearl Jam
Rearviewmirror: Pearl Jam

Rearviewmirror: Pearl Jam

Erstellt am: 17.09.2009
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Erstellt am: 17.09.2009   Autor:

Specials

Seit bald 20 Jahren sind Pearl Jam im Geschäft und veröffentlichen am 18. September 2009 ihr neuntes Studioalbum „Backspacer“. Bis dahin war es ein steiniger Weg. Es wird Zeit, die einzelnen Stationen dieser grossartigen Band einmal im Rückspiegel zu betrachten.


 

► Ten (1991)
Es brauchte „Nevermind“, damit „Ten“ zünden konnte. Aber „Ten“ wurde vor „Nevermind“ veröffentlicht. Geschichten, welche heute nur noch selten geschrieben werden. „Alive“, „Jeremy“ und „Even Flow“. Dazu der heimliche Favorit „Black“. Pearl Jam haben eingeschlagen. Eine Hymne nach der anderen – und das zum denkbar günstigsten Zeitpunkt, am richtigen Ort: Seattle. Nur die Bürde, die sie sich damit aufluden, wog fast ebenso schwer. Aber eben nur fast.

Unsere Wertung: 9.5/10  |  Anspieltipps: Alive, Black, Jeremy


 

► Vs. (1993)

Der Nachfolger von “Ten” ist die pure Wut („Go“, „Animal“, „Blood“). „Five Against One“ sollte die Platte ursprünglich heissen. Dave Abbruzzese hatte Dave Krusen am Schlagzeug abgelöst. Musikalisch ein Glücksgriff. Die Band zog sich nun komplett zurück. Eddie Vedder wollte nicht das Sprachrohr der Generation X sein, Pearl Jam nicht mehr das Tier hinter dem Zaun. Das Album verkaufte sich in der ersten Woche fast eine Million mal – das bedeutete Rekord. „Vs.“ ist deshalb das bessere Album als „Ten“, weil Brendan O’Brien diese 12 Songs so roh und ehrlich belassen hat, wie sie auf Band geprügelt wurden („Rearviewmirror“). Es ist deshalb das bessere Album, weil es inhaltlich reifer und vielschichtiger ist. Der Erfolg gab ihnen Recht. Von diesem fingen sie ab da an, sich bewusst zu entfernen. Und am Ende rettete das wohl das Bestehen der Band.
Unsere Wertung: 10/10  |  Anspieltipps: Daughter, Rearviewmirror, Indifference



► Vitalogy (1994)

Nachdem es keine Videos mehr für MTV gab, nahm auch die Kritik an der Musik von Pearl Jam zu. Die Verweigerungshaltung trennte die Spreu vom Weizen. Vedder sprach nochmals einige Dinge klar an („Corduroy“, „Pry, To“). 1994 ging es aber nicht primär um Pearl Jam. Es ging vor allem um den Tod von Kurt Cobain. Vedder dementierte immer, dass sich „Immortality“ um dessen Selbstmord drehe. Gepasst hat es trotzdem. Mit „Vitalogy“ begannen Pearl Jam auch, ihre Alben aufwendig zu gestalten. Das Booklet ist so spannend wie die Platte. Nur war diese vielen zu lang, zu sperrig. Lücken wurden keine gefüllt – die Platte aber etwas überladen.
Unsere Wertung: 7.0/10  |  Anspieltipps: Not For You, Better Man, Immortality



► No Code (1996)

Jack Irons übernahm den Posten als Schlagzeuger. Dave Abbruzzese musste gehen. Es gab der Band eine hör- und fühlbare Wendung. „No Code“ lebt von Perkussionen („In My Tree“, „Who You Are“) und vom Einfluss des Freundes Neil Young (“Off He Goes”, “Around The Bend”). Das aufwendige Artwork ist das auffälligste Element der Platte. Dutzende von Polaroids wurden aneinander gereiht, einzelne davon liegen der CD bei, mit selektiven Texten auf der Rückseite. „No Code“ floppte. Was nicht bedeutet, dass die Platte schlecht ist. Pearl Jam suchten einen Weg in die Normalität und liessen dabei Trittbrettfahrer stehen.
Unsere Wertung: 6.0/10  |  Anspieltipps: Sometimes, In My Tree, Off He Goes



► Yield (1998)

Die Band überstand offensichtlich eine interne Krise, was auf dem Home Video „Single Video Theory“ von Vedder angedeutet wird. Das Resultat ist eine interessante Mischung einer mittlerweile gleichberechtigten Band. „Yield“ ist ein wenig schlüssiger als „No Code“ und mit Hits wie „Wishlist“ oder „Do The Evolution“ gespickt. Mike McCready erinnerte mit „Given To Fly“ an seine Vorliebe für Led Zeppelin, Jeff Ament sorgte für die schräge Note („Pilate“, „Push Me, Pull Me“) und Gossard für die nachdenklichen Momente („All Those Yesterdays“). Wer übrigens das Video zu „Do The Evolution“ noch nie gesehen hat (es gab tatsächlich wieder mal ein Video!), sollte dies schleunigst nachholen. Eine Augenweide. Oder eher: ein Ausgeweide.
Unsere Wertung: 6.5/10  |  Anspieltipps: Faithful, Wishlist, Do The Evolution



► Binaural (2000)

Jack Irons musste wegen gesundheitlichen Problemen den Posten am Drumset aufgeben. Eingesprungen ist kein geringerer als Matt Cameron, ex-Soundgarden und einer der begnadetsten Drummer des Planeten. Dass der Mann auch Songs schreiben kann, das beweist „Evacuation“. Und immer, wenn der Drummer neu ist, wandelt sich auch der Sound von Pearl Jam. Es durfte erstmals seit Rick Parashar („Ten“) wieder ein anderer Produzent als Brendan O’Brien ran: Tchad Blake nahm die 13 Songs mit Hilfe binauraler Technik auf. Man hört es. Manchmal klingt das toll, wie im absolut grossartigen „Light Years“, manchmal klingt es schwach („Breakerfall“). Insgesamt misslingt das Experiment „Binaural“. Viele Songs sind zu vertrackt, zu wenig flüssig. Mit Ausnahmen natürlich. Im Gesamtkontext wird „Binaural“ aber dasjenige Album sein, dass Pearl Jam neuen Schwung brachte.
Unsere Wertung: 5.5/10  |  Anspieltipps: Light Years, Insignificance, Grievance



► Riot Act (2002)

Matt Cameron wird immer mehr ins Songwriting integriert. So stechen besonders „Cropduster“ und „You Are“ heraus. Zudem greift Boom Gaspar erstmals für die Band in die Tasten. „Riot Act“ steht nicht nur im Schatten von George W. Bush („Bushleaguer“), sondern auch vom Drama in Roskilde, wo 9 Menschen während eines Auftritts von Pearl Jam zu Tode erdrückt wurden. Die Platte geriet eindeutig zu lang, zu fahrig, zu wenig zusammenhängend. „1/2 Full“ misslingt als Selbstzitat, „Arc“ ist eine fragwürdige Gesangseinlage von Vedder, bei „Save You“ klingt einiges unfertig und zu hastig. Das wohl schwächste Album in der Karriere von Pearl Jam. Aber selbst hier mit grossartigen Lichtblicken.
Unsere Wertung: 5.0/10  |  Anspieltipps: Thumbing My Way, You Are, All Or None



► Lost Dogs (2003).

Diese Compilation enthält fast alle Raritäten der Band. Für Komplettisten ein absolutes Muss. Es fehlen jedoch die beiden Beiträge zum 1992er Grunge-Film „Singles“: „Breath“ und das überragende „State of Love and Trust“. Beide Songs werden später auf der Greatest Hits „Rearviewmirror“ veröffentlicht. Ebenso wie der Song „Man of the Hour“. Auf „Lost Dogs“ finden sich einige absolute Perlen und viel Durchschnitt. Man muss sich fragen, warum es ein Song wie „Sad“ nicht auf „Binaural“ geschafft hat. Ein grandioser Hit! „Dead Man“ ist eines der düstersten Stücke, die Vedder je geschrieben hat. „In The Moonlight“ ist ein weiterer Beweis für das Talent von Matt Cameron. „Undone“ und „Down“ hätten auf „Riot Act“ eigentlich auch nicht fehlen dürfen. Dann wäre es aber ein Doppelalbum geworden – und das kann niemand gewollt haben. Mit „Yellow Ledbetter“ ist schliesslich noch der geliebte Konzert-Rausschmeisser vertreten.
Anspieltipps: Sad, Down, Undone, Dead Man, Last Kiss



► Pearl Jam (2006).

Die gereiften Herren aus Seattle sind nun endgültig wieder in der Normalität angekommen. Nach 15 Jahren! Eddie Vedder lässt sich mit seiner Tochter filmen („Immagine In Cornice“), schreibt später einen ganzen Soundtrack zu einem nicht unwesentlichen Film („Into The Wild“) und die Band wirkt generell viel entspannter als früher. Ihr Ruf als beeindruckende Liveband eilt ihr voraus, hunderte von offiziell veröffentlichten Bootlegs sind Zeugen davon und die Fans reisen ihnen mittlerweile um den ganzen Erdball nach. Nachdem Adam Kasper bereits für die Produktion von „Riot Act“ verantwortlich war, übernimmt er auch für das selbstbetitelte achte Album von Pearl Jam die Regler. Matt Cameron spielt so lange bei der Band wie vor ihm noch kein Drummer und steuert mit „Unemployable“ den besten Song der Platte bei. Musikalisch befreien sie sich aus der etwas überladenen Ideenlosigkeit der letzten beiden Alben. Kohärenter und so rau wie seit „Vs.“ nicht mehr, überzeugen die fünf Veteranen des Alternative (fast) auf ganzer Linie.
Unsere Wertung: 7.0/10  |  Anspieltipps: Life Wasted, Unemployable, Inside Job