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Mon the Biff!: Biffy Clyro
Mon the Biff!: Biffy Clyro
Erstellt am: 07.01.2013   Autor:
07.01.2013 – Autor: Michael Messerli

Specials

Mon the Biff!: Biffy Clyro

Viele kennen Biffy Clyro erst seit „Puzzle“. Dass sie bis dorthin aber den einen oder anderen Haken schlagen mussten, um ihre Chance am Ende doch noch zu packen, bleibt oft wenig beachtet.

Es ist nicht selbstverständlich, dass sich eine heute dermassen erfolgreiche Band zuerst über drei Alben hinweg ihren Sound erarbeiten durfte. Das Jahr 2013 wird womöglich zum endgültigen Siegeszug für die Schotten, die 1995 in Kilmarnock begannen und kurze Zeit später nach Glasgow umsiedelten. Das Doppelalbum „Opposites“ steht bereit und wird, so hoffen wir doch, ein Rock-Meilenstein des neuen Jahrtausends. Bis dahin bleibt noch Zeit, sich dem besonderen Werdegang von Biffy Clyro zu widmen.


► Blackened Sky (2002)

Simon Neil sah früher manchmal aus wie Kurt Cobain. Auch sonst dürften Biffy Clyro durchaus als Kinder der 90er bezeichnet werden, sicher nicht aber als Generation X. Als „Blackened Sky“ veröffentlicht wird, scheinen vielmehr zeitgemässere Bands wie Jimmy Eat World Einfluss auf das Trio genommen zu haben. Ein bisschen zwischen den Stühlen sitzen sie bei ihrem Debüt noch. Zu dieser Zeit durfte man dem noch Emo sagen, ohne den Kajal-Stift dahinter zu vermuten. Die Band weiss bereits in vielen Momenten zu überzeugen. Das im damals noch wenig verbrauchten Postrock gerne verwendete Laut/Leise-Schema ergibt bereits eine spannende Dynamik, die in Songs wie „Solution Devices“ ihren Höhepunkt findet. Das scheint für eine Band aus Glasgow kaum ein Zufall: Die Freundschaft zu Aereogramme begann früh und Mogwai gelten als Postrock-Pioniere. Ein Song wie „Stress on the Sky“ ist zudem nicht mehr allzu weit weg von Oceansize und damit dem Progrock, der später noch folgen sollte.
Wertung: 6.5/10  Anspieltipps: Joy.Discovery.Invention, Christopher’s River, Solution Devices



► The Vertigo of Bliss (2003)

Mit „The Vertigo of Bliss“ knüpfen Biffy Clyro weniger ans Debüt an, sondern schicken einen Vorboten für den Nachfolger „Infinity Land“ voraus. Mehr Experimentierfreude, weniger Song. Leider misslingt das Unterfangen mehrheitlich noch, einen neuen und eigenständigeren Sound zu finden. Nicht in Bezug auf den Stil, vielmehr in Bezug auf die Qualität der Ideen. Die Belanglosigkeit zieht sich ein wenig durchs ganze Album und lässt bereits in den einzelnen Stücken einen gewissen Zusammenhalt vermissen – vor allem die für die Band typischen Ohrwurmmelodien sowie die Leidenschaft fehlen zu oft. Und dafür ist das Album schlicht auch zu lang. Im Nachhinein betrachtet wirkt der Zweitling wie ein Schnellschuss. Die überaus produktive Band macht auf „The Vertigo of Bliss“ Fehler, die ihre Songs verkrampfen. Die Unbekümmertheit fehlt.
Wertung: 4.5/10  Anspieltipps: With Aplomb, Diary of Always, All the Way Down: Prologue / Chapter 1



► Infinity Land (2004)
Biffy Clyro lassen nicht locker: Der auf „The Vertigo of Bliss“ eingeschlagene Weg wird hier grandios zu Ende gedacht. Die Band ist zwar immer noch wenig fokussiert, was die Stile betrifft, dafür aber viel inspirierter und die Songs haben bereits grossartige Melodien, die aber auch immer wieder mit Absicht gebrochen oder gleich ganz verprügelt werden. „Infinity Land“ ist kein Befreiungsschlag im kommerziellen Sinn. Dafür ist es zu verspielt. Es gibt der Band aber erstmals konkrete Gesichter und die beiden bis dahin besten Songs: „Some Kind of Wizard“ ist genau das, was der Titel verspricht. Progrock hält Einzug! „Only One Word Comes to Mind“ nimmt vorweg, was die Band später zum grossen Erfolg bringen wird. War das vielversprechende Debüt noch geprägt von Unbekümmertheit und der Vorgänger von fehlenden Ideen, prallt hier die Kreativität der Band auf einen bunten Haufen aus Melodien und ein kleines bisschen Irrsinn. Und wenn in „The Kids from Kibble and the Fist of Light“ plötzlich ein Bläser einsetzt und sich die Band daraufhin einen Chor für die Ewigkeit in die Wiege legt, spätestens dann haben sie uns endgültig.
Wertung: 7.5/10  Anspieltipps: Some Kind of Wizard, Wave Upon Wave Upon Wave, Only One Word Comes to Mind



► Puzzle (2007)

Es gab bis dahin bei Biffy Clyro nur eine Konstante: Die furchtbaren Album-Cover. Ansonsten emanzipiert sich „Puzzle“ komplett vom bisherigen Schaffen – und die Band liess sich erstmals etwas länger Zeit. Das hat zwei Gründe: Die Mutter von Simon Neil verstarb und die Band wechselte zu einem Tochterlabel von Warner. Diese beiden Ereignisse beeinflussten das Songwriting der Band erheblich. Einerseits suchte Simon Neil einen neuen Ansatz beim Schreiben seiner Texte und damit mehr Aussagekraft. Andererseits wurden die Songs geradliniger, der Stil der Band eindeutiger. Beides zusammen führte zum Stück „Folding Stars“, das Eleanor gewidmet ist – der Mutter von Simon Neil. Mit „Puzzle“ gelingt Biffy Clyro ein in allen Belangen hochprofessionelles Werk, das nie vergisst, wo es musikalisch herkommt. So schaffen es Biffy Clyro, viele neue Fans zu gewinnen und die alten nicht zu verlieren. Der kommerzielle Durchbruch ist geschafft und der Vergleich mit den Foo Fighters hört man ab jetzt öfter. Höhepunkt der Platte: Der verheissungsvolle Beginn des genialen Openers „Living Is a Problem Because Everything Dies“.
Wertung: 8.0/10  Anspieltipps: Living Is a Problem Because Everything Dies, Semi-Mental, Love Has a Diameter



► Only Revolutions (2009)

Hit an Hit an Hit. 12 Stück. Es mag etwas irritiert haben, wie die Band aus dem trocken produzierten Irrsinn von „Infinity Land“ über „Puzzle“ zu dieser unglaublichen Grösse gefunden hat. Nicht etwa ein Live-Mitschnitt aus dem Wembley öffnete dem kritischen Geist die Augen, sondern die Tatsache, dass die Scheibe auch nach 3 Jahren von nichts und niemandem klein zu kriegen ist. Nur überrascht durfte man eigentlich nicht sein, weil tolle Melodien bereits auf „Infinity Land“ lauerten. Halt einfach hinter angelehnten Türen, die absichtlich mit falschen Namen angeschrieben waren. „Only Revolutions“ ist ein Meisterwerk. Das lässt sich auch daran messen, wie gut einige B-Seiten der Singles sind – da sind wahre Perlen dabei und die hätten es bei den meisten anderen Bands locker aufs Album geschafft. Das bereits erwähnte Konzert aus der Wembley Arena, das 2011 auf CD und DVD veröffentlicht wurde, zeigt zudem ein Trio, das mit Ex-Oceansize-Frontmann Mike Vennart als Verstärkung mittlerweile zu den besten Live-Bands des Planeten gehört.
Wertung: 9.5/10  Anspieltipps: That Golden Rule, Bubbles, Many of Horror