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Man in the Box: Alice in Chains
Man in the Box: Alice in Chains
Erstellt am: 24.05.2013   Autor:
24.05.2013 – Autor: Michael Messerli

Specials

Man in the Box: Alice in Chains

Layne Staley starb am 05. April 2002. „We Die Young“ heisst der erste Song des Debüts und es sollte nicht die letzte, wenn auch unfreiwillige Anspielung auf Lebensstil und Tod bleiben. Gleiches gilt für die dunkle Seite des Lebens – oder „Down in a Hole“. Man kann Alice in Chains nicht auf das Thema Staley reduzieren und Staley nicht auf das Thema Drogen. Deshalb gibt es die Band heute wieder. Nach vorne schauen mit dem nächsten Album „The Devil Put Dinosaurs Here“. Zurückschauen mit unserem Special.


Facelift (1990). Wie ein Schwamm sog der Begriff Grunge alles in sich auf, was in Seattle gross wurde bzw. ähnlich klang. Vergleicht man die vier grossen Bands Alice in Chains, Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden, lassen sich bestimmt Parallelen finden. Ebenso aber deutliche Unterschiede. „Facelift“ ist ein Debüt, das sich auch am Glamrock orientiert. Und in diesem Tümpel gab es viele schlimme Bands, die auch mal dem Heavy Metal zugeordnet wurden. Davon heben sich Alice in Chains bereits hier klar ab. Jerry Cantrell hat seine Riffs unter anderem dem Metal entlehnt, Black Sabbath scheinen die Wegbereiter zu sein. Das herausragende „Man in the Box“ und die unheilvolle Vorhersage „We Die Young“ beginnen ein Debüt, welches Alice in Chains einzigartig im Schwamm des Grunge machen. Zumal Layne Staley eine Stimme hat, die mit keiner anderen zu vergleichen ist. Leicht nasal und quengelig sowie mit einer guten Portion Eigenheit. Und gerade deshalb grossartig. „Facelift“ ist ein starkes Debüt und 1990 dem grossen Hype klar voraus.


Wertung:
7.0/10
Anspieltipps:
> Man in the Box > We Die Young > Bleed the Freak


Dirt (1992). Dieses Album beginnt mit einem Ausrufezeichen: „Them Bones“. Der Sprung, der die Band macht, ist gewaltig. Das Debüt hatte viel Potential, auf „Dirt“ wird es bereits voll ausgeschöpft. Mehr Metal und neu auch Rockballaden, die sich zu Kernstücken entwickelt haben: „Down in a Hole“ und besonders „Rooster“, in dem Jerry Cantrell die Kriegserlebnisse seines Vaters verarbeitet. Das Songwriting teilt man sich auf. Staley lässt sich sein Statement „Junkhead“ nicht nehmen. Textzeilen gäbe es auf diesem Album Dutzende, die einem aufzeigen, mit welchen Themen die Band umzugehen hatte. „Junkhead“ ist provozierend, direkt und keinesfalls rechtfertigend: Es ist kämpferisch und umstritten zugleich. „Seem so sick to the hypocrite norm/ Running their boring drills/ But we are an elite race of our own/ The stoners, junkies and freaks“. Und düster ist „Dirt“, zwielichtig. Die Platte strahlt eine Selbstwahrnehmung aus, die davon geprägt ist, sich selber vor schlechten Dingen zu schützen und sich selber schlechte Dinge anzutun. Und sich am Ende die Frage zu stellen, ob beides nicht denselben Ursprung hat. Musikalisch endet „Dirt“ tatsächlich in einer Frage und dem besten Song des Albums: „Would?“.

Wertung: 10/10
Anspieltipps: > Them Bones > Rooster > Would?


Jar of Flies (1994). „If I can’t be my own/ I’d feel better dead“, singt Staley in „Nutshell“. Rückblickend einer der ergreifendsten Momente, den man in der Karriere der Band findet. „Jar of Flies“ wird offiziell als EP gehandelt, geht aber auch beinahe als Album durch. Die vorwiegend von Akustikgitarren geprägten Songs entstanden ganz ohne Druck und in sehr kurzer Zeit – ein Segen für fünf der sieben Songs. Alice in Chains wirken hier intimer, weniger schwer und dennoch sehr düster. Die Freiheit im Songwriting machen „Don’t Follow“ und „Swing on This“ nicht zu Highlights, die Qualität von „Nutshell“, „No Excuses“, „Rotten Apple“ und „I Stay Away“ überstrahlen aber vieles, was die Band danach macht. Die EP war entsprechend erfolgreich und dennoch in keiner Weise wegweisend – mit Ausnahme des Auftritts im Rahmen der Serie MTV Unplugged.

Wertung: 8.0/10
Anspieltipps: > No Excuses > Nutshell  > Rotten Apple


Alice In Chains (1995). Waren Alice in Chains bisher schon heavy, setzt dieses Album noch einen drauf. Die Produktion, das Artwork und die Stimmung. Dem Metal waren sie nie näher. Der Gesang von Staley ist oft gedoppelt und die Texte sind offener. Man kann nur mutmassen, aber der Drogenkonsum von Staley hat seine Spuren hinterlassen. Und wieder eine unheilvolle Voraussage, die in Songtiteln und Texten der Band langsam beängstigend werden: „Over Now“. Eine Abschlusshymne, welche die Band in ein tiefes Loch schickt. Nur unterbrochen von einem zaghaften Versuch („Get Born Again“), Staley nochmals zurück in eine gewisse musikalische Normalität zu holen. Aber bereits 1996 beim legendären MTV Unplugged konnte man sich davon überzeugen, dass es schwierig werden wird: Ein Konzert als lichter Moment, der durch die Umstände zum grossen Triumph wurde und beweist, zu was die Band im Stande war. „Dear God, how have you been, then?/ I’m not fine, fuck pretending/ All of this death you’re sending/ Best throw some free heart mending“, konstatiert Staley in „God Am“ – dem vielleicht beunruhigendsten Song auf einem beunruhigenden „Alice in Chains“. Sorgen machen musste man sich schon 1995.

Wertung: 8.0/10
Anspieltipps: > God Am > Over Now > Again


Black Gives Way to Blue (2009). Viel geblieben ist von diesem Comebackalbum nicht. Durchweg positive Reaktionen bekam „Black Gives Way to Blue“ zwar. Vorwiegend war man wohl erleichtert darüber, dass William DuVall seinen Job gut macht und die Band sich ordentlich zurückmeldet. Dass dies dann nicht ausreicht, um ein Album mit einem überwältigenden Innovationsgrad rauszubringen, das kann man ruhig auch so akzeptieren. Vielleicht war aber das Zurückmelden als Schritt wichtiger und schwieriger als das, was uns nun auf „The Devil Put Dinosaurs Here“ erwartet. „Black Gives Way to Blue“ beschäftigt sich mit dem Verarbeiten der Vergangenheit und ist Neustart zugleich. Das zeigt, wie emotional und gewagt ein neues Studioalbum nach 14 Jahren für die Band ist. Layne Staley kann man nicht ersetzen. Zum Glück versucht es niemand. Nicht die Band, nicht William DuVall. Die Band schafft es, all diese Problemzonen ohne anzuecken sicher zu umfahren. Auch weil sie dabei sehr behutsam vorgeht. Das macht „Black Gives Way to Blue“ schliesslich zu einem gelungenen und nachvollziehbaren Comeback.

Wertung: 6.5/10
Anspieltipps: > Private Hell > Your Decision > All Secrets Known