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Helden der 80er heute (Teil I): Andi Sex Gang
Helden der 80er heute (Teil I): Andi Sex Gang

Helden der 80er heute (Teil I): Andi Sex Gang

Erstellt am: 15.08.2007
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Erstellt am: 15.08.2007   Autor:

Specials

Die Destruktivität des Seins

Von 1981-84 gehörten die Sex Gang Children zu den einflussreichsten Vertretern der Londoner Musikszene. Auch über 20 Jahre später ist Frontmann Andi Sex Gang kein bisschen müde.

«Ach, ich bin so etwas von gestresst! Du kannst froh sein, lebst du in der Schweiz – wo alles ruhig und zivilisiert vor sich geht…» Andi Sex Gang ist unruhig, ist in Eile. Kein Wunder: Der Gruftwächter hat vor kurzem innerhalb eines halben  Jahres sein zweites von drei neuen Soloalben – vom ebenfalls kürzlich erschienen Best Of-Album ganz zu schweigen – veröffentlicht. Es trägt den Titel „Inventing New Destruction“. Tatsächlich erfindet der schmächtige Brite auf seinem jüngsten Oeuvre die Destruktivität neu – einmal mehr. Damals nämlich – eine kleine Zeitreise sei erlaubt -, als er in den frühen 80ern mit seiner Band Sex Gang Children im legendären Batcave-Club in London auftrat, initiierte und zelebrierte er mit Grössen wie Specimen dasjenige, was von der Presse und der Allgemeinheit wenig später gerne Gothic geschimpft werden sollte. Rückblickend gibt Sex Gang zu, sich an dieser strikten Schubladisierung gestört zu haben: «Herrgott, uns ging es eben genau nicht darum, uns einordnen zu wollen oder dies gar anderen zu erlauben! Die Musik sollte für sich selbst stehen. Natürlich wäre es sehr einfach gewesen, auf einen Bandwaggon zu springen, aber diese billige Taktik überliessen wir anderen.» Im Gegensatz zu Kollegen wie etwa Bauhaus’ Peter Murphy sieht er es heute allerdings nicht mehr ganz so eng: «Na ja, ich kann Murphys Frustration schon verstehen, aber letztlich ist es doch die Musik, an die man sich erinnert und nicht irgendeine plakative Etikette. Man ist, was man ist. Es spielt für mich inzwischen keine Rolle mehr.»


Diebe und Lügner

Zur sogenannten Gothic-Szene selbst meint Sex Gang, dass es – wie in jeder anderen auch – «shakers und fakers» gebe: «Es gibt Leute, die an ihre Vision glauben und das widerspiegelt sich dann darin, wie sie diese umsetzen. Dann gibt es wiederum andere, die sich für die einfachere Variante entscheiden, die den Weg des geringsten Widerstandes wählen.» Angesprochen auf die Zukunft der Bewegung meint Sex Gang, dass letztlich die Avantgarde dasjenige Element sein werde, das bestehen und die Szene lebendig halten werde. Es gebe viele Bands, die Neues produzierten, aber die von der Industrie einfach ignoriert würden, besonders von selbsternannten Alternative Labels. Versteht sich von selbst, dass Sex Gang auch an Major Labels kein gutes Haar lässt: «Sie sind ein Pack von Dieben, Lügnern und Feiglingen. Sie sollten an einer Wand eingereiht und erschossen werden wegen Verbrechen gegen den guten Geschmack», lamentiert der Brite. Ob hinter dieser Aussage vielleicht verletzte Eitelkeit steckt? Wir erinnern uns an den Grund für den allmählichen Untergang der Sex Gang Children um 1984: Die Truppe hatte erfolgreich die Single „Into The Abyss“ veröffentlicht und bekam zahlreiche Angebote von grossen Plattenfirmen. Andi Sex Gang selbst lehnte diese jedoch ab, in der Hoffnung auf etwas Besseres. Oder darauf, das Ganze schon selbst am Laufen halten zu können. Dem war bekanntlich nicht so, denn wenig später versanken Sex Gang Children endgültig in den Tiefen des musikalischen Untergrunds. Selbstredend bedeutete dies nicht den Tod der Band um den Exzentriker – die Sex Gang Children haben sich unzählige Male aufgelöst, wieder vereint und im Laufe der letzten Jahrzehnte einfach ihr eigenes Ding durchgezogen. Der kommerzielle Erfolg blieb aus, doch bei Kennern der Szene war die Gruppe stets ein Begriff geblieben. Bis heute. Auf die sich an dieser Stelle aufdrängende Frage, ob er irgendetwas bereue, antwortet Sex Gang knapp: «Nein, ich bereue nichts. Zumindest nichts, was meinen musikalischen Weg betrifft… Abgesehen davon wäre ich sehr gerne in Berlin gewesen, als die Mauer fiel. Diese Welt ist nun für immer verloren. »

Do-It-Yourself

Es ist also auch ohne die Unterstützung eines Labels möglich, seinen Weg zu gehen, wie Andi Sex Gang weiss: «Es gibt schon vereinzelte Labels, die Wert auf gute Musik legen. Aber selbst wenn’s keine guten Labels mehr gäbe: Die Hoffnung nicht aufgeben! Dieser Tage ist’s einfacher denn je, etwas selbst auf die Beine zu stellen.» Sex Gang wird’s wissen, hat er mit den ersten beiden Teilen seiner neuen Album-Trilogie doch unlängst zum wiederholten Male bewiesen, dass es zu schaffen ist. Es sind zwei Werke, die Andi Sex Gangs Status als Solokünstler festigen und die Hörerschaft die Richtung erahnen lassen, in die’s mit dem Gothfather geht: experimentelle, elektronisch-angehauchte Sprechgesangs-Lieder mit Inhalt. Sex Gang selbst beschreibt seine Musik verschmitzt als «Byzantine Chocolate Dessert» und erweist sich hierbei nicht nur als raffinierter Musiker sondern auch begnadeter Lyriker:

The suicide nudes made the Princess turn blue / so it’s go ahead for frozen babies in the hellfire roar of the joy-stick generation / the buzzland punch of those who kill together.

Auch noch 20 Jahre später und ohne Bandanhang weiss Sex Gang den alltäglichen Wahnsinn in adäquater Form zu vertonen, verteidigt sich allerdings auch hier vor allzu einseitiger Sichtweise: «Ach, meine Kunst ist mehr als nur Destruktivität, Zerstörung. Aber das ist halt, was ständig um und in uns ist. Menschen haben ein grosses Potenzial für Zerstörung. Und können genau damit Schönheit und Gefühl erzeugen, dass es Berge versetzen kann. Es ist der dünne Grat zwischen den beiden Extremen, der uns zum Wahnsinn treiben kann… »

Marquis de Sade
Ich weise Sex Gang an dieser Stelle auf Marquis de Sade hin, der einst meinte, diejenigen Erfahrungen seien die Wichtigsten, die uns an unsere Grenzen bringen. Andi Sex Gang stimmt dem zu: «Wir bewähren uns nicht vollkommen, bis wir in den schwierigsten Situationen und Extremen sind. Dann wird die Spreu vom Weizen getrennt. Dann kennst du dich wirklich und gehst in diesen Situationen vollkommen auf. Aber na ja, es ist andererseits auch schwierig, ausserhalb dieser Situationen zu funktionieren…»
Vor allem die Politik ist es, die dem stolzen Vater eines sechsjährigen Sohnes Kopfzerbrechen bereitet und die er in seiner Musik intensiv thematisiert. «Wir sind doch einfach nur noch Konsumenten und Sklaven für die Designer-Bimbos. Was zum Teufel ist bloss mit uns geschehen? Was ist mit dem edlen Menschengeschlecht passiert? Wo ist unser Stolz?»

Schaf im Wolfspelz

Fragen über Fragen, auf die Sex Gang auch keine Antwort weiss; aber die er – im Gegensatz zur Mehrheit seiner Kolleginnen und Kollegen – zumindest zu stellen wagt. Allem Pessimismus zum Trotz findet der Brite auf seinem neusten Album gar Platz für eine erbauliche Metapher: In human mind lies victory. Dann gibt es also doch Hoffnung? «Natürlich gibt’s Hoffnung. Aber hoffe nicht nur, ändere, was Du nicht magst! So einfach ist das. Sei ein Krieger und kein Sklave! Die Lösung ist ganz einfach, verdammt noch mal aufzuwachen! Denk weniger an Dich selber und schau Dich um, betrachte die wunderschöne Welt und die anderen Leute, die auf ihr wandeln. Dann denk dran, wer Du bist; was Du magst und was Du nicht magst. Kontrolliere Deine eigenen Gedanken und Sinne… Sonst wird sie jemand anderes für dich kontrollieren. Sei lebendig und fühle!»
Die Destruktivität wird plötzlich zur Leichtigkeit des Seins, ein Miesepeter wird zum verheissungsvollen Apostel einer hoffnungslosen Generation. Was die Zukunft für Sex Gang wohl bereithalten wird? «Na ja, ich glaube an das Lachen. Und an den Wahnsinn. Wir werden sehen, was sich daraus entwickelt.» Versöhnlich.

(Die beiden Alben „The Madman In The Basket“ und „Inventing New Destruction“ sind in jedem wohlsortierten Plattenladen zu kaufen. Der letzte Teil der Trilogie, „Viva Vigilante!“, erscheint Ende dieses Jahres. Zudem sei an dieser Stelle auf den Auftritt der Sex Gang Children als Hauptact am diesjährigen Drop Dead Festival in Prag, das vom 31. Oktober bis 4. November 2007 stattfindet, hingewiesen. Mehr Infos auf www.dropdeadfestival.com)

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