Exit Music
Gerard Way & Gabriel Bá – The Umbrella Academy 1: Weltuntergangs-Suite
Gerard Way & Gabriel Bá – The Umbrella Academy 1: Weltuntergangs-Suite

Gerard Way & Gabriel Bá – The Umbrella Academy 1: Weltuntergangs-Suite

Erstellt am: 24.02.2009
Autor:
Erstellt am: 24.02.2009   Autor:

Specials

Aufsehen erregende Lehranstalt

Simplifiziert gibt es nur zwei Arten von Menschen: Gewinner und Verlierer.

Es sind die Außenseiter und Einzelgänger, die My Chemical Romance-Sänger Gerard Way interessieren, inklusive den Grauzonen, die sich dadurch im Familien- und Beziehungsleben auftun.

Auf den erfolgsverwöhnten Alben “Three Cheers For Sweet Revenge“ und besonders auf “The Black Parade“ ließen My Chemical Romance diese Thematik stets durchblicken. Jetzt kommt der nächste Schub: “The Umbrella Academy“ ist eine von Way erdachte Comicserie, die beim amerikanischen Verlag Dark Horse Comics erscheint und jetzt auch in unseren Breitengraden in schmucken Sammelbänden veröffentlicht wird. Oberflächlich eine weitere Superhelden-Mär, entpuppt sich Ways Erzählung als perfekt kalibrierte Serie über das menschliche Zusammenleben.

Es beginnt mit der Geburt von dreiundvierzig Säuglingen, die alle an ein und dem selben Tag das Licht der Welt erblicken. Der industrielle Wissenschaftler Reginald Hargreeves, der in Wahrheit ein Außerirdischer ist, zeigt großes Interesse an ihnen. Er spürt sieben von ihnen auf, um sie zu adoptieren und auszubilden. Er verpasst ihnen Ziffern statt Namen (00.01 bis 00.07), bildet sie aus, kleidet sie schon im Kindesalter in Sakko, Blazer und Krawatte, und lässt sie als Team agieren. Jeder von ihnen besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit. Diese Kräfte sollen die Menschheit vor einer großen Katastrophe schützen, die sich laut Hargreeves zukünftig ereignen soll.


Als der Eiffelturm Amok lief

Diese Sieben sind jedoch keine Helden im alltäglichen Sinn. Es sind Personen, die scheinbar durch Zufall eng miteinander in Verbindung stehen, aber nicht das beste Verhältnis zueinander besitzen. Sie trennen sich.
Zwanzig Jahre nach ihrem juvenilen Einsatz gegen den Eiffelturm (ja, richtig gelesen) finden die Mitglieder der Umbrella Academy wieder zusammen – zum Begräbnis ihres Ziehvaters.
Es dauert nicht lange, bis 00.01 alias Spaceboy sich als Anführer aufspielt, während Kraken, ein grimmiges und Messer werfendes Energiebündel, lieber alleine auf Solopfaden wandelt.

Diese bunt durchgewürfelte Familie beheimatet impulsive Lebenskünstler wie reservierte Introvertierte. Aus dieser Idee speist sich “TUA“: Gegensätzliche Charaktere treffen mit ihren Unterschiedlichkeiten aufeinander. Konflikte sind vorprogrammiert. Dieses Kontrastieren mit verschiedenen Charakteristiken und Lebensentwürfen macht den Reiz der Serie aus. Spaceboy etwa, dessen Kopf auf den Körper eines Gorillas eingepflanzt wurde, lebt auf dem Mond und betreibt eine Forschungsbasis. Rumor, die zugeknöpfte Grüblerin, die Gerüchte wahr werden lassen kann, führt eigentlich ein ganz normales Leben, wäre nur nicht ihre Scheidung. Seance ist ein Freak im Gothic-Look, der mit Toten sprechen kann. Und dann gibt es noch einen alten Greis, der im Körper eines Kindes steckt, und einen Affen, der sprechen kann. Manchmal unterwirft sich das Leben keinen dramaturgisch strikten Strukturen.


Phantasien und Träumerein

Wunderkinder haben es nicht leicht. Oft sind mit den jeweiligen Begabungen auch hohe Bürden verbunden. “The Umbrella Academy“ nimmt sich dieses Thema zu Herzen, ohne alle Karten auf den Tisch zu legen. Nicht alles wird in „Weltuntergangs-Suite“ enthüllt.
Mit Formalitäten hält sich Way nicht lange auf. Gleich im ersten Kapitel überbrückt er dreißig Jahre. Trotzdem hat man nicht den Eindruck. dass die Handlung zu hastig vorantreibt. Zu Beginn des Bandes glaubt man zu wissen, welche Rolle und welches Schicksal den Figuren zugedacht ist, doch man wird sehr schnell eines Besseren belehrt.
Von Anfang an macht der Band richtig Spaß, mit witzigen Sprüchen und Schwindel erregenden Szenen. Zusätzlich gibt es auf Dramatik und Tragik getrimmte Szenen, die Empathie für die Figuren evozieren. Natürlich sind es Phantasiegeschöpfe, doch steril sind diese nie. Eine augenzwinkernde Melange aus Melodram, Krimi und schwarzer Komödie, die Zwiespältigkeiten auslotet. Das Bedürfnis nach Nähe, welches die Beziehungen ins Wanken bringt, spielt ebenso eine große Rolle. Man mag auch niemanden aus der Familie wegen seinem Verhalten verurteilen, denn es gibt kein „Gut“ und kein „Böse“, dafür jede Menge guter Beweggründe, die böse Folgen nach sich ziehen. Der Mensch kann nicht immer mit festem Partner und besten Freunden. Aber ohne geht es schon gar nicht. Bei Superhelden ist das nicht anders. In der wichtigsten Phase seit Bestehen müssen sie Entscheidungen treffen und sich ihrem Schicksal stellen. Was ihnen, verständlicherweise, schwer fällt. Besonders die seelisch labile Vanya alias White Violin, die ihre Figur als Resonanzkörper gebraucht um für Zerstörung zu sorgen, scheint zu glauben, im mysteriösen Icarus Theater etwas Verlorenes wieder zu finden. Ein Trugschluss.

Dieser Clan wird mit Kräften und Besonderheiten, aber auch mit Schwächen und Unzulänglichkeiten warmherzig porträtiert. Auch musikalische und filmische Zitate tummeln sich auf den Seiten, die auf subtile Weise die Stimmung der jeweiligen Situation unterstreichen.

Way wird unterstützt von Zeichner Gabriel Bá, der mit grobem Strich und kantigen Zeichnungen für passende, dynamische Panels sorgt. Auch die pastelligen Farben fügen sich hervorragend in das Gesamtbild ein.
Die Bemühung, Action-Komödie und psychologisches Drama zu fusionieren, ist geglückt.
Wer My Chemical Romance verehrt, wird auch hier seine Freude finden. Alle anderen können getrost reinschauen.

Seit  Januar 2009 im Handel.

> Verlag
  > Verlag (US)  > Offizielle Webseite (My Chemical Romance)