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Genre-Guide: Vocal Harmony
Genre-Guide: Vocal Harmony
Erstellt am: 06.12.2014   Autor:
06.12.2014 – Autor: Tobias Imbach

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Genre-Guide: Vocal Harmony

Es gibt Jahrzehnte oder Jahrhunderte alte Musik, die sich heute noch Tag für Tag neues Gehör verschafft. Durch die Verwendung in TV-Serien wie Boardwalk Empire, in Video-Spielen wie Mafia, Bioshock oder Fallout oder in modernen Filmen wie Blue Valentine werden neue Generationen mit einem Musikstil vertraut gemacht, der seine Blütezeit einige Generationen früher hatte: Vocal-Harmony-Musik zwischen Pop, Jazz, Blues und Country ist auch heute noch erstaunlich präsent.

Vielleicht ist es die Stimme, das Instrument, das seit jeher besteht, welches diese Musik überleben lässt. Vielleicht ist es die ihr eigene nostalgische Unschuld und Unbeschwertheit, welche diese Musik immer wieder neue Freunde finden lässt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die mehrstimmigen Gesangsharmonien Musikgeschichte geschrieben haben und viel Gutem (Doo Wop, Soul) und weniger Gutem (Boy-und Girl-Groups der 90er) den Weg bereitet hatten und bis heute nachhallen.

Barbershop-Quartet in Bioshock Infinite

Barbershop-Quartet in Bioshock Infinite

Die Ursprünge des Vocal-Harmony-Stils sind zwischen den beiden Weltkriegen zu vermachen und auf diese Epoche legen wir in diesem Genre-Guide auch unser Augenmerk. Acht Formationen, die damals die Musikwelt beherrschten und bis heute von Relevanz sind.

 

The Revelers (1925 – 1931)

Vier weisse amerikanische Close-Harmony-Sänger und ein Pianist bildeten die Revelers, die Ende 20er und Anfang der 30er-Jahre äusserst populär waren und das Vocal-Harmony-Genre erst in die weite Welt trugen. Zu ihren grössten Hits gehörten “Dinah“, “Valencia“ oder “When Yuba Plays The Rumba On The Tuba“, die auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz grossen Anklang fanden.


The Boswell Sisters (1925 – 1936)

Die vielleicht beste aller Jazz-Vocal-Gruppen. Die drei Schwestern begannen ihre Karriere in den 20er-Jahren in Vaudeville-Häusern in New Orleans. 1930 verliessen sie den Süden, um sich in New York niederzulassen und landesweiten Erfolg zu finden. Die Boswell Sisters hatten einen prägenden Einfluss auf Sängerinnen wie Ella Fitzgerald oder die Andrews Sisters. Auch sie haben eine ganze Ladung an grossartigen Songs, am besten gefallen mir “Shine On Harvest Moon“ und „Shout Sister Shout“.

Boswell-Sisters

Am Rande: Die Boswell Sisters sangen nicht nur grandios, sie waren auch begnadete Musikerinnen, Martha spielte Klavier, Vet Violine, Banjo und Gitarre und die seit ihrer Kindheit gelähmte Connee spielte Cello, Sax und Gitarre.


The Andrews Sisters (1925 – 1951)

Die einst erfolgreichste und berühmteste Girl Group der Welt hatte Hits in beinah allen möglichen Genres: Ob im Swing, Latin oder Country, der Gesang der Andrews Sisters begeisterte die ganze (Musik-)Welt. Songs wie “Bei mir bist du schön“ oder “Rum&Coca Cola“ kennt auch heute noch jeder. Besonders tief graben, muss man nicht, um weitere Schätze zu finden, etwa auf grossartige Songs wie “There’ll Be a Jubilee“.


The Mills Brothers (1928 – 1982)

Die vier Brüder, die einst als klassisches Barbershop Quartet begannen, orchestrierten mit ihren Stimmen eine ganze Jazz-Kapelle und verzichteten lange fast gänzlich auf Instrumente: nur eine Gitarre instrumentierte die Songs der Mills Brothers. Das Konzept wurde mit überwältigendem Erfolg belohnt: Über 2,000 Platten, die zusammen mehr als 50 Millionen Mal über die Ladentheke gingen, sprechen eine deutliche Sprache. Ihre Popularität hält an: Film und Spiel machen neue Generationen mit den Mills Brothers vertraut. Stücke wie “You Always Hurt the One You Love“, “Caravan“ oder “Tiger Rag“ sind weltberühmt. Besonders angetan haben es mir zurzeit aber nicht ganz so bekannte Schätze wie „Moanin‘ For You“, „Some of These Days“ oder „Nobody’s Sweetheart“.

millsbros


Comedian Harmonists (1928 – 1934)

“The Revelers“ gefallen nicht nur uns, sie gefielen auch dem deutschen Harry Frommermann, und zwar so sehr, dass er ein Inserat in einer deutschen Lokalzeitung platzierte, um Musiker zu finden, die mit ihm ähnliche Musik machen würden. Wenig später waren die Comedian Harmonists geboren: Die drei Tenöre, ein Bariton, ein Bass und ein Pianist wurden mit ihrem Vocal Harmony-Stil im deutschen Sprachraum frenetisch gefeiert und sorgten für volle Konzerthäuser und leergekaufte Plattenregale. Der Aufstieg Hitlers zwang das Sextett zu einer viel zu frühen Trennung. Drei der sechs Harmonists hatten jüdische Wurzeln und sahen sich zur Flucht nach Amerika gezwungen. Dort versuchten sie, ihre drei Freunde mit anderen Musikern zu ersetzen. Das in Deutschland verbliebene andere Trio versuchte ähnliches, doch auf beiden Seiten des Atlantiks blieben die Bemühungen ohne Erfolg.


Sons of the Pioneers (1933 – dato)

Die Sons Of The Pioneers aus Los Angeles sind in dieser Auflistung Exoten: Anders als die hier erwähnten Gruppen fanden sie ihre Inspiration nicht in schwarzen Musiktraditionen, ihre Close-Harmony-Gesänge sind viel mehr im Country und Western-Genre zuhause. Anders als alle anderen Acts in dieser Liste gibt es sie auch heute noch, in veränderter Formation freilich, aber dennoch: Ihre Musik erweist sich als äusserst langlebig, was auch mit dem Thema zusammenhängen dürfte, das sie auf solch schöne Art und Weise besingen: den amerikanischen Westen, der wohl bis auf alle Ewigkeit eine Faszination auf unsere Gesellschaft ausüben dürfte.


Ink Spots (1934 – 1954)

Die Geschichte der Ink Spots beginnt im Jahr 1932. Vier junge schwarze Männer aus Indiana reisten nach New York, um dort einige Jahre mit “If I Didn’t Care“ einen Riesen-Hit zu landen (19 Millionen verkaufte Einheiten sprechen für sich). Es sollte ihr grösster Hit bleiben, aber bei weitem nicht ihr einziger: Über 80 Hits sollen sie im Verlauf ihrer Karriere aufnehmen. Auffallend:Beinah alle ihre bekannten Stücke beginnen mit den gleichen Gitarrengriffen, ein Markenzeichen mehr zu einem ohnehin schon ikonischen Sound.


Delta Rhythm Boys (1934 – 1987)

Die Delta Rhythm Boys waren eine der berühmtesten Vokalgruppen der 40er-Jahre. Ihr durchschlagender Erfolg führte sie selbst an den Broadway oder zu Auftritten in Filmen. Ihre Versionen von „Dem Bones / Dry Bones“ und “Take The A-Train“ zählen zu den besten Vocal Harmony-Stücken überhaupt.