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Atomic Wilderness: Explosions in the Sky & Mogwai
Atomic Wilderness: Explosions in the Sky & Mogwai
Erstellt am: 11.04.2016   Autor:
11.04.2016 – Autor: Michael Messerli

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Atomic Wilderness: Explosions in the Sky & Mogwai

Was kommt eigentlich nach Postrock? Post-Postrock? Bevor wir einen neuen Ordner in unserer digitalen Ablage eröffnen, besinnen wir uns doch lieber auf das Wesentliche: die Musik. Zwei Bands sind nahe beieinander – und doch so anders.

Es ist ja nicht so, als hätten sich Explosions in the Sky oder Mogwai je an einem klassischen Musikformat orientiert. Aber sie waren auch schon näher dran als auf ihren neuen Alben „Wilderness“ und „Atomic“. Es wird zunehmend schwieriger, ihre Alben zu bewerten. Im Kontext der Entwicklungen, die beide Bands hinter sich haben, im Kontext einer Überstrapazierung des Begriffs Postrock und im Kontext von Formen des Musikkonsums, die einem Song wie „Logic of a Dream“ nicht gerade entgegenkommen, sind Zahlen doch auch nur noch Makulatur.

Und eigentlich haben die beiden Bands nicht immer viel gemeinsam. Während Explosions in the Sky ihre Musik mehr ausdehnen, verästeln und die Lieder weniger in sich geschlossen wirken, geben Mogwai ihren Songs Strukturen und verdichten sie mehr. Beides aber eignet sich hervorragend für Soundtracks. Explosions in the Sky steuerten zuletzt beispielsweise für „Manglehorn“ oder „Prince Avalanche“ Musik bei und Mogwai für „Zidane: A 21st Century Portrait“, die französische Mysterieserie „Les Revenants“ und nun also für „Atomic“.

Beide Bands bauen immer mehr Elektronik in ihr Schaffen ein. Mogwai tun das schon länger – besonders augenscheinlich auf „Rave Tapes“ und nun noch ausgeprägter auf „Atomic“. Explosions in the Sky beginnen erst schüchtern damit, sind auf „Wilderness“ sowieso extrem zurückhaltend. Von wegen Explosionen: Shootingstars in the Sky. Mogwai dagegen bleiben unberechenbare Gremlins, die dieses Mal aber ganz anders klingen als sonst. Das überrascht nicht, da es sich um einen Soundtrack mit ganz spezifischer Thematik handelt, der für die Band zur Herzensangelegenheit wurde. Da verzichtet man nicht auf Erwartungen, da pfeift man drauf.

Das siebte Studioalbum „Wilderness“ von Explosions in the Sky ist zu Beginn so unscheinbar, dass man fast den Eindruck bekommen könnte, es passiere nicht viel. Man unterschätzt es leicht, vor allem wenn man nicht zwischen den Zeilen hört. Es gibt sie durchaus noch, die Momente, wo man genau weiss, welche Band hier am Werk ist. Die letzten Soundtrack-Arbeiten haben dennoch ihre Spuren hinterlassen. An einer Formel festhalten kann sich keine Postrockband – der Impuls, den die Texaner ihrer Musik auf „Wilderness“ geben, ist jedoch besonders spannend und überrascht.

Wo der Impuls für „Atomic“ herkam, liegt auf der Hand: Aus Mogwais Soundtrack zur BBC-Dokumentation „Atomic: Living in Dread and Promise“ von Mark Cousins. Die Glasgower haben ihre „Formel“ längst mehrfach aufgebrochen, angereichert, abgehobelt oder vermutlich gar nie eine gehabt. Für „Atomic“ haben sie die Parts aus dem Film nochmals überarbeitet, um sie als Album zu veröffentlichen. Synthesizer dominieren und dies wird wohl nur wenig mit dem Austritt von Gitarrist John Cummings zu tun haben.

Was also kommt nach Postrock? Die Postmoderne besser abbilden, als die beiden Bands das aktuell tun, kann man eigentlich nicht. „Atomic“ mit seinen Referenzen an die Ängste des kalten Krieges und an die Ängste nach Fukushima. Und mit „Wilderness“ entdecken auch Explosions in the Sky die „Disintegration Anxiety“. Das Atomzeitalter und die Angst vor dem Zerfall. Beide Alben klingen wie beklemmende Utopien dessen, was bereits ist oder war. „Losing the Light“ könnte irgendwie auch auf „Atomic“ zu finden sein. Es ist nicht Zufall, dass es die Begründer des Genres sind, die es weiterentwickeln und es zusammen mit Godspeed You! Black Emperor in Richtungen lenken, wo Wertungen und Genres vor sich selber kapitulieren.

„Wilderness“ (Bella Union) und „Atomic“ (Rock Action) sind seit dem 01. April 2016 im Handel erhältlich.