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Alan Moore & Dave Gibbons – Watchmen
Alan Moore & Dave Gibbons – Watchmen
Erstellt am: 04.04.2009   Autor:
04.04.2009 – Autor: Daniel Gilic

Specials

Alan Moore & Dave Gibbons – Watchmen

The Times They Are A-Changin‘

Endzeitvisionen kommen und gehen. Umweltkatastrophen, Außerirdische oder Kometen, und schon ist die Erde hinüber. Alan Moore macht es anders: Der britische Comic-Autor und Schöpfer von Werken wie „From Hell“ oder „V wie Vendetta“ legt das Schicksal der Erde in die Hände der Menschheit.

In den späten 80er Jahren avancierte Moore zu einem der führenden Innovatoren auf dem Gebiet der Comics. Dem Briten gelang es, längst tot geglaubten Helden wie der veralteten Horrorfigur Swamp-Thing oder dem Mann aus Stahl, Superman, neues Leben einzuhauchen. Er brachte frische Ideen ein und präsentierte intelligente Handlungen, die es in der Form vorher nicht gegeben hatte. Die Graphic Novel war geboren.
Heutzutage ist diese anspruchsvollere Version eines Comics mit Autoren wie Frank Miller („The Dark Knight Returns“, „Sin City“, „300“) oder Neil Gaiman („Sandman“) nicht mehr wegzudenken.

Bestandsaufnahme eines anderen Amerikas
„Watchmen“, Moores 1989 erschienenes und vielleicht berühmtestes Werk, lässt sich aus vielen Perspektiven betrachten – und ist aus jeder gut. Eine fein beobachtende Mär über eine Gruppierung von heldenhaften Leitfiguren, die durch überraschend politische Entwicklungen aus der Bahn geworden werden. Eine spöttische Bestandsaufnahme einer üblen Gesellschaft im Augenblick ihres Kollapses. Eine Ballade mit bittersüßem Nachgeschmack über den Zeitpunkt, wo Liebe zum Kriegsschauplatz wird.Wir befinden uns in den 80er Jahren. Richard Nixon ist bereits zum dritten Mal der Präsident der Vereinigen Staaten von Amerika. Die Lage ist angespannt, denn ein atomarer Krieg mit Ewigkonkurrent Russland scheint in greifbarer Nähe. In der Zwischenzeit finden ehemalige Superhelden erneut zusammen, weil ein Unbekannter sie zur seiner neuen Zielscheibe auserkoren hat. Einer nach dem anderen soll ausgeschaltet werden. Für immer. Ist eine Verschwörung im Gange oder doch alles nur Zufall und ein Hirngespinst von pensionierten Verbrechensbekämpfern?

Ein Herz für Außenseiter
Normalerweise stehen Superhelden einem hilfreich zur Seite, wenn Bedrohungen von globalen Ausmaßen auf der Bildfläche auftauchen. „Watchmen“ enthält zwar diese Art von fiktiven Charakteren, doch das Schicksal jedes einzelnen ist trotzdem vage und ungewiss. Warum? Weil diese Helden Ecken und Kanten haben. Weil sie zutiefst menschlich dargestellt werden, Schwächen und Stärken besitzen, keineswegs perfekt sind und sich oft selbst im Weg stehen. Außerdem verfügt der Großteil von ihnen über gar keine speziellen Kräfte, was die Sache nicht einfacher macht.
„Watchmen“ ist kein kurzweilig erheiternder Strip, sondern vielschichtige Prosa mit brillantem Storytelling in Text und Bild. Der Rhythmus ist beherrscht und umsichtig, die Atmosphäre prekär und angespannt, die Charaktere facettenreich. Schon immer hat Moore großes Interesse an verkorksten Figuren gezeigt. Hier ist es nicht anders.
Walter Kovacs macht mit Rorschach-Maske Jagd auf Kinderschänder, Kleinkriminelle und Ganoven. Laurie Jane Juspeczyk alias Silk Spectre wächst im Schatten ihrer übermächtigen Mutter auf. Edward Blake ist als Comedian ein zynischer und gewalttätiger Waffenarr. Daniel Dreiberg alias Nite Owl ein introvertierter Pechvogel. Adrian Veidt aka Ozymandias ein kluger aber verschlossener Geschäftsmann, und Dr. Manhattan ein gottgleiches Wesen in einem blauen Körper mit unglaublichen Fähigkeiten.
Der über 400 Seiten starke Band bricht mit dem komfortablen „Held jagt Ganove“- Muster. Ganz nah ins Geschehen rückt die drohende Apokalypse durch einen Nuklearkrieg. Es wird eine Gesellschaft gezeigt, die wie gelähmt scheint, und eine Welt offenbart, deren Fugen bröckeln und immer poröser werden. Der politische Subtext, inklusive Kritik an militärischem Größenwahn und Nihilismus-Moritat, ist überdeutlich.


Minutes To Midnight

Zusammen mit Zeichner Dave Gibbons beweist Alan Moore Intelligenz und Eleganz. Seine Erzählung ist keine bunte Travestieshow mit Kostümträgern. „Watchmen“ nimmt seine Protagonisten ernst, und kann als schlaue Projektionsfläche bürgerlicher Ängste angesehen werden.
Zack Snyder hat vor kurzem die Comicvorlage ins Kino gebracht. Sein Film ist mal wild und actionreich, dann introspektiv und nachdenklich. Seelenloser Action-Quatsch ist es glücklicherweise nicht geworden, und hinter der schmucken Oberfläche verbirgt sich keine inhaltliche Leere. Moore hätte es sicherlich nicht anders gewollt.

Auch der Soundtrack des Films ist an den Comic angelehnt. Musik und Bilder gehen eine funktionierte Liaison ein. Auch im Comic
benutzt Moore Zitate aus der Musik und der Popkultur, um ein Kapitel zu
beenden (siehe Kasten).

Im Grunde lässt  „Watchmen“ seine Helden einfach nur Menschen sein. Vielleicht ist dies das Geheimnis des Erfolges, den die grafische Novelle über die Jahre geerntet hat.

Im Grunde lässt  „Watchmen“ seine Helden einfach nur Menschen sein. Vielleicht ist dies das Geheimnis des Erfolges, den die grafische Novelle über die Jahre geerntet hat.

{xtypo_code}Die Musik im Comic
Eine der vielen Besonderheiten von Watchmen sind die Referenzen und
Querverweise auf die amerikanische Populärkultur. Am Ende jedes
Kapitels stehen Zitate, viele davon sind Songlyrics. An anderen Stellen
arbeitete Alan Moore und Dave Gibbons die Musik direkt in das
Geschehen hinein. So erklingt etwa Billie Holidays sehnsüchtiger Gesang
aus den Lautsprechern des Owl Ships oder an ein Grateful Dead-Poster hängt an der Wand. Während der Film-Soundtrack mit einer zu plakativen und kruden Auswahl eher irritiert,sind die Songs der grafischen
Novelle allesamt absolute Hinhörer:
> Bob Dylan – Desolation Row
> Iggy Pop – Neighborhood Threat
> Richard Wagner – Ride of the Valkyries
> Elvis Costello – The Comedians
> The Police – Walking On The Moon
> Devo – Jocko Homo
> Nat King Cole – Unforgettable
> Billie Holiday – You’re My Thrill
> Bob Dylan – All Along The Watchtower
> Bob Dylan – The Times They Are A-Changin‘
> John Cale – Sanities

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