Exit Music
Polar
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Erstellt am: 27.02.2009
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Erstellt am: 27.02.2009   Autor:

Portraits

Turbulenzen zum Glück

Polars Geschichte ist von blutigen Unfällen und glücklichen Zufällen geprägt:
Wie aus einem Meister in Leichtathletik ein meisterlicher Musiker wurde.

Diese Tage erscheint mit “French Songs“ das fünfte Album von Polar.

Eric Lindner, wie Polar mit bürgerlichem Namen heisst, ist allerdings weder
Franzose noch Romand, sondern Sohn eines Deutschschweizers
und einer Irin.  In Genf wurde er zwar geboren, die ersten sieben Jahre
seines Lebens aber  verbrachte er in Irland. Im Jahr darauf kehrte er
mit seiner Familie in die  Westschweiz zurück. Was ihn dazu bewegte,
dieses Album aufzunehmen,  ist die eine Frage; wie er Musiker wurde,
die andere. Denn: Polar hätte  genauso  gut als Profi-Leichtathlet
Karriere machen können.  Präziser: Seine  Sport-Karriere war bereits in
vollem Gange. Mehrere Mal  gewann er die Schweizer Meisterschaft,  er lief
die 800 Meter oder den  Figaro-Cross in Bestzeiten.

Die Musik als Zuflucht
Eines späten Abends, irgendwann Mitte der 90er-Jahre, folgte das
Ereignis, das sein Leben auf den Kopf stellen sollte. Lindner begab
sich ins Freie, um zu trainieren. Den grössten Teil der Jogging-Strecke
hatte er bereits zurückgelegt, als er auf dem Rückweg mit einem
Radfahrer zusammen prallte. Lindner stürzte so unglücklich, dass er in
ein Koma fiel, einen ganzen Tag lang. Am nächsten Tag war nichts mehr
sicher. „Ich wusste selbst nicht, ob ich wieder zur Schule gehen
konnte“, erinnert sich Lindner. Klar war aber: Sein Traum vom
Profi-Sport war fürs Erste zerstört. Monate blieb Lindner zuhause, und
hörte Musik. Die Musik trug ihn durch die schwierige Zeit, gab ihm
Kraft. „Sie wirkte wie Magie und erst da erkannte ich die Grösse, die
Musik haben kann.“ Musik sei immer Teil seines Lebens gewesen, aber
spielte zuvor eine klar untergeordnete Rolle. Eine Beschäftigung unter
vielen. Nun hatte er die Zeit, um wirklich hinzuhören.

Eineinhalb Jahre später hatte Lindner sich erholt, er wurde gar nochmal
Schweizer Meister, aber dennoch: es schien, als hätte er sich
grundlegend verändert. So konnte ihm nur noch die Musik geben, wonach
er wirklich verlangte. Zu einem Zeitpunkt, als es wieder aufwärts ging,
entschied er sich dazu, die Welt der Leichtathletik hinter sich zu
lassen. Niemand habe ihn verstanden, sagt Lindner. „Zudem war ich
damals alles andere als ein guter Musiker“, sagt er amüsiert. Sein
Gitarrenspiel sei sehr schlecht gewesen, er hatte keine Stunden
genommen, nur sein älterer Bruder hätte ihm mal einige Griffe gezeigt.
Trotz all dem: Lindner meinte es ernst. „Für Sport und Musik zusammen
blieb keine Zeit.“ Eric Lindner wurde Polar.

Erste Schritte
Es war vor allem sein Bruder, der ihn stark beeinflusste: „Er hatte mir
all die guten Sachen von Bob Dylan und Neil Young gezeigt.“ Diese
Einflüsse waren auf seinem Debütalbum “Polar1“ (1997) gut zu erkennen.
Das Album hatte er in der heimischen Küche eingespielt. „Nur wenige
haben in der Schweiz  zu der Zeit solch reduzierten Folk gespielt“,
sagt Polar. Sein zweites Album “Bi“, das ein Jahr später erschien, nahm
er mit einigen Freunden in einem Chalet in den verschneiten Bergen auf. „Die Leute nannten es elektronischen Folk. Dabei haben wir
nur einige Drum-Machines gebraucht, billige Casiotone-Geräte.“ Nach dem
unerwartet grossen Erfolg des Zweitlings, der weit über die
Landesgrenzen hinaus reichte, nahm sich Polar die Zeit, um zu touren
und im Umgang mit elektronischer Musik Erfahrungen zu sammeln. Vier
Jahre später erschien “Somatic“, sein bislang elektronischstes Album.
Weitere vier Jahre später kam es zu einem weiteren Wendepunkt. Weg von
der Elektronik, hin zu elektrischen Gitarren.

Die zweite Phase
Das Album “Jour Blanc“ (2006) brachte mit dem Stilwechsel noch eine grosse Änderung mit sich. Polar sang nun auf französisch. Das führt er
vor allem auf einen Mann zurück: „Hätte ich Miossec nicht getroffen,
würde ich nicht in französischer Sprache singen.“ Seine ersten drei
Alben seien in Frankreich auf ein gewisses Medienecho gestossen, und so
habe er renommierte Musiker wie Dominique A oder eben Miossec persönlich kennen gelernt. Letzterer habe Polar einmal gefragt, weswegen er denn nicht auf
französisch singe. Er könne schliesslich beide Sprachen, ganz im
Gegensatz zu den meisten Franzosen, die sich nur lächerlich machen,
wenn sie Englisch sängen. Polar war davon nicht überzeugt: er könne
keine französische Songs schreiben. Etwas später traf er
Miossec erneut, diesmal am Montreux Jazz Festival. Diesmal versuchte
Miossec es anders: „Er fragte mich, ob ich denn in französischer
Sprache singen würde, wenn er mir die Songs schriebe. Natürlich sagte
ich sofort zu.“

Auf “Jour Blanc“ war nur ein Song von Polar selbst, Ironischerweise
wurde gerade dieses Stück,  “Le Brasier“, zu einem grossen Erfolg und
als Single ausgekoppelt. Damit war die zweite Phase seiner
musikalischen Karriere eingeläutet, von der auch sein neustes Album ein
Teil ist. Für Polar ist wichtig: Jedes seiner Alben hat seine Geschichte. Vor Jahren sei er noch ein total anderer Typ gewesen, und jedes Album
solle von seiner Weiterentwicklung zeugen.

Ständiges Auf und Ab der Emotionen
Auch sein neustes Album hat eine besondere Geschichte. Die “French
Songs“ nahmen in Kanada ihren Anfang. Ein weiteres Unglück sollte Polar
widerfahren. Eines Nachts wurde er von zwei Männern im zehnten
Arondissement von Paris völlig grundlos zusammengeschlagen. Eric
Lindner war geschockt und verängstigt. Am nächsten Tag stand ein Gig in
Kanada an. Auf dem Pariser Flughafen habe er noch versucht, seine Freundin telefonisch zu erreichen. Sie antwortete nicht, erst als Lindner es mit
einer unterdrückten Nummer versuchte, nahm sie den Anruf entgegen. Einige Stunden später, in
Montréal angekommen, fiel er mit der Stadt augenblicklich in Liebe. Er vergass die unschönen Ereignisse
in Paris, das merkwürdige Verhalten seiner Freundin. In einem
Internet-Café erhielt er eine Mail, die ihm seine gute Laune verderben
und den zweiten Schock innert zwei Tagen verpassen sollte: Seine Freundin gab ihm den Laufpass. In Montréal hatte er zwei Konzerte zu spielen, aber Polar war wie gelähmt. Entsprechend schwer
fielen ihm die Auftritte. Darauf hätte er nach Paris
zurückzukehren müssen, aber kaum etwas zog ihn nach Frankreich zurück.

Mit Abstand zum Ziel
Polar fragte seinen Manager, ob es möglich
sei, für eine befristete
Zeitdauer eine Wohnung in Montréal zu kriegen. Wenn möglich genau auf der sprachlichen Grenze zwischen dem
französischen und englischen Teil – ein Wunsch, der ihm erfüllt wurde.
Während eines Spaziergangs durch die Stadt kam ihm dann die Idee zu einem
Song: einem französischen, und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Zurück
in Europa, hatte er 26 Songs geschrieben. Polar wünschte sich jemanden,
der einen möglichst objektiven Blick auf seine französischen Texte
werfen würde. Seine Plattenfirma zog den französischen Schriftsteller
Pierre-Dominique Burgaud hinzu. Bei ihrem ersten Treffen erzählte Polar dem Autor von den berüchtigten Schaf-Plakaten der Schweizerischen Volkspartei. „Das erste, das du siehst, wenn du im Genfer Bahnhof aus dem Zug steigst.“ Eine Stunde, nach dem sie auseinander gngen, war berets ein Text zum Thema von Burgaud in Polars Inbox. „Wenn ich Ausländer wäre …“ singt Polar nun im Stück „Avec De Si“, das auf einem älteren Song basiert, den Polar vor sieben Jahren mal mit Stephan Eicher aufgenommen, aber nie veröffentlicht hatte. Polar schätzt die Zusammenarbeit mit anderen
Musikern. Die Ideen habe er selber, aber bei der Umsetzung sei
eine zweite Meinung immer sehr wertvoll. Für „French Songs“ arbeitete er auch mit zwei Produzenten zusammen.
Das Album ist massentauglicher als alles, was Polar zuvor aufgenommen hat. Er nennt Legenden wie Randy Newman, Tim Buckley, Nick Drake oder Beck als Inspirationen. Jene bemerkt aber nur, wer wirklich hinhört.  Auffälliger sind die relativ opulenten Orchestrierungen. Damit ging für Polar ein Traum in Erfüllung. „Ich bin verrückt nach Streichern in Pop- und Rockmusik“, gibt er zu. In „Amène le vent“ sind östliche Bläser zu hören, in „Ne te laisse pas éteindre“ wunderbare Country-Streicher, die Single-Auskopplung „Assez pour nous“ besticht durch satten Northern-Soul-Groove. Grössenteils ist „French Songs“ aber ziemlich glatt produziert, und eingängig genug, um Polar auch zum kommerziellen Durchbruch in der Deutschschweiz zu verhelfen. Alles in allem wiederspiegelt „French Songs“, was Polar auch ist: Ein personifiziertes Aufeinandertreffen von Kulturen – die Wahl des englischen Titels zum französischsprachigen Album gibt es bereits vorweg.

Die nächsten Wochen und Monate in Polars Leben sind ganz der Promotion seines neuen Albums gewidmet. Sein Label zieht alle Register. Nach zwei Konzerten in der Schweiz (Genf, 6. März;  Luzern, 7. März) gibt er eine Woche lang Konzerte in Paris. Und darauf? Er wolle wieder ein Album in Englisch schreiben. „Und Streicher sollen mit drin sein.“

Polars Lieblinge:
> Neil Young – Harvest
> Little Jimmy Scott – The Source
> Nina Simone – … Sings The Blues
> Bob Dylan – Blonde On Blonde
> Beck – Seachange