Exit Music
Michael Beck
Michael Beck

Michael Beck

Erstellt am: 28.06.2010
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Erstellt am: 28.06.2010   Autor:

Portraits

Richtungen einschlagen: Michael Beck sah ich bisher zum ersten und einzigen Mal an einem Geburtstagfest in einer WG in Zürich, die früher Teil einer Fabrik war. In gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre genossen die Zuschauer auf Sofas und Sesseln verzückt und teilweise erstaunt eine Stunde Musik.

Zeitsprung: Wenn die Aare für den Sommerschwimmer bloss noch kühl ist, wird Michael Beck an ihrem Ufer und im Wasser zwei Konzerte geben. Die Stimmung und das Drumherum scheint ein wichtiger Bestandteil seiner Musik zu sein, so dass der Raum und die Natur selbst die Musik beeinflussen und umgekehrt. Becks Musik lebt von der Inspiration und den Verhältnissen: Er kündet Sprachen, Bezeichnungen und Stimmungen an und versucht dann live mit seinen Vorstellungen darin auf- und einzugehen.

Der Song „Nora Noreen“ geht noch einen Schritt weiter: Michael Beck sagt, dass er in diesem Song „seine irischen Wurzeln besinge, die er sich selbst gegeben habe, jedoch gar nicht habe“. Er schlägt eine neue Richtung ein, um zu sehen, was sich darin verbirgt. Bei seinen Songs hat man des Öfteren das Gefühl, ihn ganz genau zu verstehen, vielleicht weil man gewisse Vorstellungen teilt, vielleicht aber auch, weil er Sprachen und Kulturen mit Gefühlen und Musik glaubhaft vermitteln kann. Das Tatsächliche ist dabei nebensächlich.

Vor einer Weile hat der Gitarrist Beck sein Schwyzerörgeli aus der Fribourger Kindheit hervorgekramt und versucht mit dessen Hilfe sich zu erinnern und mit den aktuellen Gefühlen und Ideen eine neue alte Identität zu kreieren. „Es ist immer ein Ausprobieren“ meint Beck auf die Frage, ob er mit seiner vielseitigen Stimme und seinem abwechslungsreichen Gitarrenspielspiel sich einem Stil besonders nahe fühlt. Als Vorbild nennt er bloss den italienischen Liedermacher Gianmaria Testa, „dessen Gitarrenspiel und tiefe, warme Stimme den ganzen Konzertsaal in den Arm zu nehmen vermag“. Er selbst lässt sich begeistern und probiert aus, was er fühlt. Dann präsentiert er das Ergebnis.„Glücklicherweise habe ich eine ganze Palette an Gefühlen, welche in mir rumwandern. Mein Set oder Programm ist lediglich ein Spiegel davon“, meint Beck. Die guten Stücke hat er eben auf einer ersten Demo „Sentipensando“ aufgenommen, um die Inspiration und das Gelungene ein bisschen setzen zu lassen.

Man merkte schon: Das WG-Konzert war bloss eines von vielen. Trotz oder gerade wegen aller Spontanietät ist mittlerweile Routine in seinem Auftreten zu verspüren. Und es ist ihm wohl auch nicht unangenehm, dass einzelne Zuschauer bei den gelungenen Kopfstimmpassagen sich leicht irritiert anschauen, nachdem sie die folkige Ballade zuvor noch still genossen haben. Beck findet die Reaktionen, die er auf seine Musik bekommt interessant und manchmal sogar amüsant. „Aha, so klingt das für dich“ ist seine ernste Antwort darauf.

Die Wiederentdeckung „Musik“ hat Michael Beck nach längerer Abstinenz in der Jugend sichtlich gut getan. Vor einigen Jahren war er noch unzufrieden mit wesentlichen Dingen im Leben. Mit dem Einstieg ins Singen und Schreiben hat sich diese Unzufriedenheit allmählich aufgelöst und „alles Hand in Hand“ verbessert.
Die ersten Schritte vor Publikum hat Beck als Strassenmusikant gewagt, obwohl er sich „nie wirklich wohl gefühlt habe“ und der Hintergrund immer entweder zu laut oder zu leise war. Trotzdem vergleicht er diese Zeit mit einer „Lebensschule“, wo er Erfahrungen gemacht und Schönes, Trauriges, aber auch Eigenartiges erlebt habe. Das Gefühl sich vor Leuten mit Musik frei ausdrücken zu dürfen, empfand er als grosses Privileg, welches ihm wohl auch Mut und Sicherheit schenkte.
Mittlerweile geniesst er die offiziellen Konzerte, die „Zeit zur Verfügung stellen“, um mit dem Publikum auch eine Verbindung aufzubauen.

Auf der Demo EP „Sentipensando“ sind viele gute Songs vom Konzert leider nicht zu hören, vor allem fehlt das frankophone „Jacqueline Jodel“, das mit dem Örgeli begleitet wird. Bei „Corner Man“ und „Nora Noreen“ hat man das Gefühl Cat Stevens zu hören. Daneben wird deutsch, spanisch und italienisch gesungen, gespielt und gefühlt. Persönlich finde ich am säuselnden Titelstück und an der Ballade „El Zuzurro de los Jovenes“ besonders grossen Gefallen.

Michael Beck erzählte zwischen den seinen Songs immer wieder von alten, neuen und fremden Wurzeln. Als Kind ist er von Fribourg nach Schaffhausen gezogen und hat dabei viele Wurzeln verloren. Heute lebt er zwischen diesen Orten, in Bern, und versucht sich zu erinnern. Dabei will er sich nicht festzulegen und kann auf diese Weise seine Wurzeln verkörpern.

Ich stelle mir Michael Beck auf dem Barhocker in der Aare sitzend vor: Alle Zuschauer können davon ausgehen, dass er sich dabei stabil und vor allem wohl fühlt. Mit seiner Musik.