Exit Music
Max Prosa
Max Prosa

Max Prosa

Erstellt am: 01.03.2012
Autor:
Erstellt am: 01.03.2012   Autor:

Portraits

De)montage des Künstlertums: „Der Bob Dylan von Berlin“, hallt das Medienecho noch nach. Er, der mit lyrischem Folk irgendwo zwischen Realität und Illusion balanciert. Er, Max Prosa – Dichter, Musiker und Getriebener.

Er ist der Inbegriff des heutigen Künstlers – dieser gestandene Mann am Nebentisch. In seinem schwarzen Rollkragenpullover und der Baskenmütze. Die Augen mit strenger Miene auf das Mac Book gerichtet, in unhaltbarem Stakkato tippend, das Ziel fest vor Augen. Er hält kurz inne, richtet sich auf und lässt den Blick gedankenverloren auf der Eingangstür ruhen, durch die Max Prosa das Café betritt. Die rote Hose und schwarzen Schnürstiefel wirken zu gross für die schmächtige Statur. Das etwas wirre rötliche Haar fällt ihm, der Seitenscheitel zum Trotz, ins Gesicht und umrahmt die neugierigen, blauen Augen. Der junge Mann strahlt Leichtigkeit aus – und vergleicht sich selber gerne mit einem Segelboot: „Man kann zwar am Steuer grob bestimmen, in welche Richtung es gehen soll, letztlich ist man aber immer auf die Laune des Windes angewiesen“. Unter dieser Bedingung hat die Geschichte des 22-jährigen Berliners damals seinen Anfang genommen.

Weltenreise in Berlin
Damals, das ist vor fünf Jahren und einer ganzen Welt. Max Podeschwig, wie Prosa mit bürgerlichem Namen heisst, ist erst Abiturient, dann Student der Physik. Aufgewachsen in einer konservativen Familie und verwurzelt im gutbürgerlichen Stadtviertel Charlottenburg, fühlt er sich fremd in diesem Milieu – und hat doch noch keine Idee, wie das Leben sonst  aussehen könnte. Über was er verfügt, ist Affinität zum Wort, Begeisterung für die Musik und die Ahnung, dass er sich nur ausserhalb der heimischen Mauern entfalten kann.

„Tief im Gefängnis der Welt rebellier ich und weiss nicht wozu. Vertraute Gesichter im Licht, ich lieb sie alle doch ändert das nichts“.
(aus „Flügel“)

Deshalb wagt der junge Mann ein erstes Mal den Ausbruch. Er reist auf einem Dampfer nach Irland, erspielt sich auf den Strassen Dublins seinen Lebensunterhalt. Die Lieder Bob Dylans, eine Akustikgitarre und eine Mundharmonika sind seine einzigen Gefährten. Abseits vom Bürgerlichen lernt Prosa das Künstlerleben kennen. Die Freiheit ist Metamorphose – vom Studenten zum Musiker. Von Podeschwig zu Prosa, dem Synonym für „ungebundene, geradeaus gerichtete Sprache“.
Zurück in Berlin folgt der endgültige Bruch: Prosa zieht Hals über Kopf zuhause aus und schlägt sein Lager im verrufenen Stadtteil Neukölln auf. Es ist seine persönliche Flucht – vom Bürgerlichen ins Unkonventionelle. Es fühlt sich plötzlich an wie Freiheit, auch wenn die schmuddelige Dreizimmer-WG sein Dach über dem Kopf und Bratkartoffel seine Mahlzeiten sind. Noch studiert er Philosophie, aber nur zum Alibi. Der junge Mann verbringt seine Tage ausserhalb des Hörsaals, mit Schrieben und Komponieren. Zu dieser Zeit hat Prosa zwar keine Aussicht, irgendwann mit Musik seinen Lebensun-terhalt bestreiten zu können – aber die innere Stimme ist zu stark als dass er damit aufhören könnte. Und der Instinkt hat recht behalten: bald darauf fährt der junge Berliner in den Zughafen, dem freien Erfurter Künstlernetzwerk um Clueso, ein. Der Rest ist in Prosas Fall nicht Geschichte sondern Gegenwart: eigenes Album, eigenes Publikum, eigene Tour.

Lyrik, Folk und Prosa
Künstler sein heisst Schöpfer sein. Harte Arbeit, die sich gerne entschädigen lässt, mit Ruhm und Völlerei. Max Prosa jedoch tut den Erfolg als Abstraktum ab. „Das Drumherum, Karriere, Verkaufs- und Zuschauerzahlen, das ist etwas, was mir nicht nahegeht“, sagt Prosa. Der lauwarme, distanzierte Tonfall und durchdringende Blick strafen den jungen Mann nicht Lügen. Für ihn zählt, dass sich die Leute in seiner Musik wiederfinden. Er nippt an seiner bräunlich-dickflüssigen Kartoffelsuppe, beisst in das halbe Stück Brot. Der Erfolg an sich – der berührt den Lyriker emotional einfach nicht.

Tragt nur euer Leben in die totgesagte Welt,
wir haben uns lang genug verstellt,
warm sind die Paläste, doch wir bleiben lieber hier,
tanzen draußen vor der Tür.

(aus „Totgesagte Welt“)

Die Kunst, das ist seine Welt. Der Kosmos, in dem kein grauer Geist diktiert. Lyrik und Folk – wenn Prosa über sie sprechen kann, dann weicht alles Monotone aus seiner Stimme. In ansteigend mitreissendem Wortfluss, der den tosenden Lärm der Kaffeemaschine an der Theke zu bezwingen vermag, berichtet der Jungpoet von seiner Achtung gegenüber Bob Dylan, dem Musiker unter den Dichtern. Gegenüber Allan Ginsberg, dem Beat-Poeten. Und gegenüber Rainer Maria Rilke, dem grossen deutschen Lyriker. Dessen Buch „Briefe an einen jungen Dichter“ hat für Max Prosa eine besondere Bedeutung: Es ist die Geschichte eines jungen Poeten, der sich seines Weges unsicher ist und Rilke um Rat fragt. „Und der schreibt unheimlich gefühlvoll zurück“, erzählt Prosa pathetisch und fügt an, dass „Rilke sagt, dass es keine Kritik geben kann für Kunst, die aus einem gewissen Bedürfnis, aus der Dringlichkeit heraus, erschaffen wird. Das ist grossartig“. Der junge Künstler streicht sich eine rot-braune Strähne seines ungebändigten Haars aus dem Gesicht, lässt die Hand an der Schläfe liegen, denkt kurz nach. „Dringlichkeit“, setzt er an, „das ist nicht das Bestreben, etwas Cooles zu schaffen, sondern eine Art der Gefühle – wie ein Kind, das nach seiner Mutter schreit. Etwas das da ist und ausgesprochen werden muss“. Damit meint der Berliner aber keine Statements oder das Erzählen von persönlichen Erlebnissen. Sondern vielmehr die Gedanken, die sich bilden, wenn er beim Lesen über einen für ihn bedeutsamen Satz stolpert.

Diese Gedanken sind die Inspiration aus der Prosa schöpft: Mit Worten zeichnet er eine Welt, die irgendwo zwischen Realität und Illusion liegt. Die feinsinnigen Gedichte erzählen von beschwingten, flüchtigen Augenblicken, in denen einem der Geruch von Freiheit und unendlicher Weite um die Nase weht. Max Prosa vermag es, solche Szenen mittels lyrischen Folks aufleben zu lassen. Dabei sind die Metaphern schnörkellos und zartbitter. Seine Stimme dunkel und weich wie frischer Asphalt. Und die musikalische Begleitung, meist Akustikgitarre, Bass, Klavier und Schlagzeug – gelegentlich auch Mundharmonika und Hackbrett –  erlaubt es dem  Sänger, seine Verse gelegentlich etwas nachlässig über die Melodie hinaus zu schleifen. Das Gesamtbild ist ein euphorischer Eskapismus, der den Hörer mit sanfter Gewalt gefangen nimmt.

Und ich tanze in Gedanken, dort wo es mir gefällt,
barfuß auf den Straßen am Ende dieser Welt,
und auf den Eisenbahnbrücken ins Nichts,
nur nicht hier.

(aus „Abgründe der Stadt“)

Zukunftsmusik
Applaus zu ernten, das reicht der drängerischen Truppe nicht aus. Sie will nicht innehalten, sondern sich weiterentwickeln – um den Moment auf der Bühne, befreit von räumlichen und zeitlichen Gren-zen, zu bewahren.
Sprachlich zeichnet sich gemäss des jungen Liedermachers eine Annäherung an das Künstlerge-schlecht ab: lyrische Prosa, die sich von Reim und Versmass losspricht. Und auch die instrumentelle Gestaltung soll sich ändern. Bob Dylan wandte sich damals vom Folk dem Rock zu – nur „ist der Elek-ro heute das, was der Rock damals war“, meint der Musiker. Prosalyrik und Elektro? „Ich würde es nicht auf Teufel komm raus forcieren. Wenn, dann passierts irgendwie“, relativiert der Berliner und meint lakonisch: „Naja – man wird sich überraschen lassen… müssen“. Wenn es nach dem Willen des Künstlers geht, so soll das nächste Album nicht lange auf sich warten lassen – genug Material exi-stiert jedenfalls schon.

Jetzt lass uns gehn nicht stehn,
der Geist der Zeit ist hinter uns
ich will dass das so bleibt.

(aus „Tasunoro“)

Er scheint seinem Segelboot-Vergleich treu zu bleiben: Die grobe Richtung ist vorgegeben. Ein Anker-punkt ist sporadisch gesetzt. Alles andere alleine von der Laune des Windes abhängig. Der Sitzplatz am Nebentisch ist mittlerweile leer; Rollkragenpullover und Baskenmütze sind verschwunden. Der junge Berliner wendet sich seiner Suppe zu. Auch das üppigste Mahl wäre inzwischen kalt geworden. Der Inbegriff des heutigen Künstlers – Max Prosa entspricht ihm so gar nicht.