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Lonesome Southern Comfort Company

Lonesome Southern Comfort Company

Erstellt am: 04.07.2009
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Erstellt am: 04.07.2009   Autor:

Portraits

Einzelgänger

Die Klangästhetik der amerikanischen Südstaaten findet am Lago Cerosio ein Zuhause: Ein Portrait des vielleicht verheissungsvollsten Alt-Country-Musikers der Schweiz.
Die Instrumente und die hypnotischen Moll-Akkorde auf dem ersten Album von Lonesome Southern Comfort Company (LSCC) evozieren Bilder von weiten, kargen Landschaften in drückender Hitze. Die Instrumentierung ist oft spartanisch und von spröder Schönheit, erklingt manchmal aber auch in voller Pracht, wenn US-Indie-Rock-Elemente hinzukommen. Und da ist diese volle dunkle Stimme, die manchmal die Sonorität Bob Dylans und den Druck Bruce Springsteens zu vereinen scheint und dann wieder wie keine andere klingt, kraftlos und kraftvoll zugleich. Diese Stimme gehört dem 27-jährigen Luganesi John Robbiani, dem Mann hinter LSCC. Mag sein erstes Album stellenweise noch etwas unausgereift sein und würde es durch mehr instrumentale Finesse keinen Schaden nehmen, so ist dennoch erfreut festzustellen, dass nicht nur im Stil Ähnlichkeiten mit Künstlern wie Bonnie Prince Billy oder Bill Callahan zu finden sind sondern auch in der Qualität des Gebotenen.

Künstler wie diese oder auch Micah P. Hinson, Centro-Matic, Uncle Tupelo, Iron & Wine, Songs:Ohia oder Gillian Welch sind es auch, die John Robbiani zurzeit begeistern. Früher sei er noch ein grosser Pink Floyd-Fan gewesen, sagt er. Eine Liebe, die nicht wirklich bis heute anhielt. Aber was er noch immer in gleichem Masse schätzt wie früher sei Roger Waters politische Herangehensweise beim Songwriting. Das hat auf Robbianis erstem Solo-Album Spuren hinterlassen und klingt hörbar nach, genauso wie Bob Dylan oder Neil Young, deren Musik Robbiani später kennen und lieben lernte.

John Robbiani begann Musik zu machen, als er 16 oder 17 Jahre alt war. „Irgendwie ging es mir zu dem Zeitpunkt nicht besonders. Ich fühlte mich deprimiert und kaufte mir eine Gitarre.“ Die spielt er noch immer, an Konzerten ausschliesslich, aber im Studio auch alles weitere, so greift er auch in die Keyboard-Tasten oder zu Drumsticks und anderen Saiteninstrumenten.

Einige Jahre lang spielte Robbiani in der Post-Rock-Formation “Far From the Madding Crowd“. Nach einer CD war’s allerdings vorbei. Robbiani fühlte sich eingeengt. „Ich habe bemerkt, dass ich mehr Raum zur Entfaltung brauchte.“ Ob dies nun die Grenzen rein instrumentaler Musik waren oder die immer öfter werdenden Uneinigkeiten unter den Band-Mitgliedern – nach einer CD war Schluss, den nächsten Schritt ging Robbiani alleine. Beinahe allein. Während er sein Album aufnahm, gesellten sich immer wieder Freunde dazu und unterstützten ihn, darunter etwa Yuri von Lake Nation oder die Musiker von Peter Kernel. Und dennoch: „LSCC gibt meine Sicht der Dinge wieder“, sagt John Robbiani. „Persönliche Ansichten und persönliche Meinungen, das heisst auch: Keine Kompromisse mehr.“

Im Alltag arbeitet Robbiani in einer Bank. Er sei kein guter Schüler gewesen, und nie hätte er versucht, daran etwas zu ändern. Lange habe er davon geträumt, Journalist zu werden. Er arbeitete schliesslich auch eine Weile als Journalist für die lokale Presse, aber wandte sich dann doch dem Bankenwesen zu. „Da ist mehr zu verdienen“, sagt er. Der Tod des einen Traums liess aber einen anderen erst recht erblühen: In der Welt fern des Arbeitsalltags spielt die Musik eine gewichtige und entscheidende Rolle. Zurzeit sei er daran, Geld zu sparen, um sich ein Ticket nach San Francisco leisten zu können. Eine Rückkehr eigentlich, so lebte Robbiani eine Zeit lang an der kalifornische Westküste. „Ich möchte in der Bay Area ein richtiges Country-Album aufnehmen.“ Noch wohnt er in seinem Geburtsort Lugano. “Eigentlich weiss ich nicht wieso.“

Eine wirkliche Country- oder Folk-Szene gibt es am Lago Cerosio nicht, sagt er. „Vermutlich existiert gar keine Musikszene im eigentlichen Sinn.“ V.A.C., Peter Kernel, Stendeck, Nüfenen, Lake Nation oder auch Francesca Lago seien allesamt sehr starke Künstler, sagt er weiter, aber als Folkmusiker ist er im Tessin ein Einzelgänger.

John Robbiani geht seinen Weg weiter. Bereits sind wieder einige neue Songs aufgenommen, im August oder September dürfte etwas Neues kommen. Und vielleicht wird er mit Abraham und Duke, zwei Freunden, die ihn auf Tour begleiten, doch wieder als Band etwas aufnehmen.

John Robbianis Lieblinge:
Micah P. Hinson & The Gospel of Progress
Built To Spill – You in Reverse
Neil Young – Harvest
Bob Dylan – The Freewheelin’
South San Gabriel – Welcome Convalescence
Arial M/Papa M – Hole of Burning Alms

 

Diskographie:
> Lonesome Southern Comfort Company (2008)