Exit Music
Icky Undressed
Icky Undressed
Erstellt am: 29.05.2009   Autor:
29.05.2009 – Autor: Lukas Meyer-Marsilius

Portraits

Icky Undressed

Einfach weitermachen

Nach dem Ende der Sidewalkpoets begibt sich deren Gitarrist als Icky Undressed in Singer/Songwriter-Gefilde.
Es ist Ende April. Wir befinden uns im gedrängt vollen La Catrina in Zürich – ein zu kleiner Raum für Konzerte, eigentlich, aber gerade deswegen ist er so stimmungsvoll. Auf der sehr kleinen Bühne stehen zuerst Mothers Pride aus Luzern, die zu zweit einen Querschnitt durch ihre drei Alben spielen. Danach geht es unplugged weiter mit Icky Undressed. Zu dritt stehen sie auf der Bühne, Sänger und Gitarrist Icky, Bassistin Leylah und Schlagzeuger Lukas, und spielen ihr Set von zehn Liedern. Mehr hätten sie nicht, darum könnten sie auf keinen Fall eine Zugabe spielen, warnt Icky gleich zu Beginn. Darum ist nach etwas mehr als einer halben Stunde Schluss, obwohl das Publikum gerne mehr gehabt hätte. Mehr von diesen melancholischen, ruhigen Liedern, die nicht tieftraurig, düster oder verzweifelt wirken, sondern einfach von den dunklen Seiten des Lebens handeln wie zum Beispiel der Liebe und ihrem Verlust, dem Verlassenwerden oder von Krankheit. Der Sänger ist aber kein verschlossener oder trauriger Mensch, sondern offen und heiter und freut sich über jeden Gast, von denen er fast alle persönlich kennt. Es ist schliesslich ein Heimspiel und eine Art vorgezogene CD-Taufe.

Das nächste Konzert findet Mitte Mai an der Open House-Party eines Gemeinschaftsateliers von Architekten, Grafikern und dergleichen statt. Da Kreative sich immer etwas zu sagen haben, ist der Geräuschpegel während des Konzerts sehr hoch und die Band muss ohne Soundcheck auskommen, aber sie spielen unbeeindruckt ihr Set und wissen durchaus zu gefallen. Sie bringen einige neue Songs, von denen einer ein Versuch ist, „Akustik-Punk“ zu machen. In der Presse ist der Stil von Icky Undressed so bezeichnet worden. Darum versucht er, ihnen den Gefallen zu tun – und es gelingt gar nicht schlecht. Die Bezeichnung ist sicher besser als „Soul/Bossa Nova/Soundtracks/Filmmusik“, was spasseshalber auf der MySpace-Seite steht. Die Leute von 20 Minuten und Radio 24 fielen prompt darauf herein.

Ich treffe Tommy im Casablanca an der Langstrasse in Zürich. Er ist der Initiator, Frontmann, Sänger und Songwriter von Icky Undressed – oder ist er Icky Undressed? „Ich bin Icky Undressed. Das ist mein Pseudonym. Ich bräuchte jetzt eigentlich noch einen Namen für meine Band.“ Aber trotzdem ist es kein Selbstverwirklichungs- oder Soloprojekt eines Mitglieds einer einen Sommer lang gehypten Schweizer Rockband, der Sidewalkpoets, sondern einfach die Fortführung der musikalischen Karriere eines deren Mitglieder. Das plötzliche Ende der Sidewalkpoets war der Anfang von Icky Undressed. Was war das Ziel? Veränderung, bewusst ein neuer Stil? Vom punkigen Indiepop zu klassischen Singer/Songwriter-Sachen? „Ich habe einfach nicht aufgehört, Songs zu schreiben. Irgendwann zeigte ich das Ergebnis einem Freund und der meinte: Pack das auf eine CD! Ich kauf’ sie.“ Dass es so schnell dazu kam, war allerdings Zufall. Er wurde von Tobi Gmür von Mothers Pride angefragt, ob er eine Band wisse, die gerade aufnehmen wolle, er hätte in seinem Chevalac Studio ein paar Tage zwischen zwei anderen Aufnahmen anzubieten. Da schlug er gleich selber zu, ohne überhaupt zu wissen, mit wem er aufnehmen würde. Schnell fand er in Lukas Gasser, mit dem er schon bei den Sidewalkpoets zusammengespielt hatte und in Leylah Fra (Death of a Cheerleader) spontan Unterstützung an Bass und Schlagzeug und das Resultat dieser Sessions ist jetzt auf einer EP herausgekommen. Im April gingen sie noch einmal ins Studio. Das Material soll bald als 7- oder 10-Inch erscheinen, ein Lied davon kann schon auf MySpace gehört werden.

Und wie kam er auf den Namen? Undressed könnte man als Hinweis zum Stil verstehen, auch als Bekenntnis zur Ehrlichkeit – aber icky? Was klingt wie ein Name, heisst eigentlich – was ich auch erst nach Konsultation eines Wörterbuchs gewusst habe – „eklig“ oder „kitschig“. „Eine lustige Geschichte. Eine Bekannte aus Brasilien war mit ihrem kleinen Sohn bei mir zu Besuch und als ich morgens in Boxershorts zum Bad schlurfte, sah er mich und war so erschreckt, dass er nur die Worte ‚icky undressed’ herausbrachte, weil er es eklig fand, wie ich mich halbnackt durch die Wohnung schleppte.“ Und wie soll’s weitergehen? Grosse Pläne für die Zukunft gibt es nicht. Viele Konzerte spielen vor allem, und nicht nur, in Zürich. Musik machen und Lieder schreiben wird er wohl immer, komme was wolle. Auch wenn er irgendwann kein „nerdy late twenty-something“ mehr ist, wie er sich selbst gerne beschreibt.

Die Debüt-EP trägt den ein Fragezeichen hinterlassenden Titel „Looking For Natalie Portman Committing Murders Along The Way“. Es gibt vier Lieder und ein verstecktes. Die Musik ist undressed, aber sicher nicht icky – schön, ruhig, reduziert.  Bass und Schlagzeug unterstützen Ickys akustische Gitarre und seinen unaufgeregten und doch ergreifenden Gesang unauffällig. Sein Ziel ist es, authentisch und intensiv zu sein, etwas zu erzählen und nicht einfach sinnfreie „baby I miss you“-Texte zu singen. Das schönste Beispiel ist der Hidden Track namens „Teardrop“, der unter die Haut geht. Er zeigt auch Mut zum Pathos und versteckt sich nicht hinter postmodernem Zynismus; wer würde heute noch singen „I close the door to keep the cold outside“ und eine Zeile vorher, fast noch besser „oh boy, Bob Dylan sings it’s getting dark, to dark to see“. Hier wirkt das echt und authentisch und kein bisschen aufgesetzt.

Die handgeschriebenen Linernotes stehen unter dem Motto „a true son of one great city“ – eine Bekenntnis zu seiner Heimatstadt Zürich? „Klar, Zürich ist super. Es ist aber auch ein Statement gegen die grassierenden Bekenntnisse zu vermeintlichen Superstädten wie Berlin oder New York.“ Es ist ja kein schlechtes Los, in der Schweiz geboren zu sein und erst recht nicht in Zürich, trotz oder gerade wegen all der „happy-sad moments“, im Leben wie auf dem Album.

Seit  22. Mai 2009 im Handel.

Diskographie:
> Looking For Natalie Portman Committing Murders Along The Way (2009)

Icky Undresseds Lieblinge:
> Weakerthans – Reconstruction Site
> Rocky Votolato – Makes
> The Gaslight Anthem – 59 Sounds
> The Hold Steady – Positive
> Primitive Lyrics – Halbi nüni Chlorzicht