Exit Music
FROM KID
FROM KID
Erstellt am: 27.01.2015   Autor:
27.01.2015 – Autor: Tobias Imbach

Portraits

FROM KID

In einer globalisierten Musikwelt gelingt From Kid aus der Alpenstadt Chur das, was nur wenigen Schweizer Musikern gelingt: Sie verschaffen sich dort Gehör, wo es wirklich zählt.

In einer abgelegenen Berghütte hinter dem Calanda haben sich vier junge Männer einquartiert. Ein warmer Sommertag neigt sich seinem Ende zu. Nach Sonnenuntergang versammeln sich die vier Musiker im Innern der Hütte und greifen zu ihren Instrumenten. Sie arbeiten weiter an den Songs, an denen sie schon seit Monaten schreiben und tüfteln. Ein Recorder läuft, es sind die ersten Probe-Aufnahmen zu einem Album, das in der Schweizer Musikszene für Furore sorgen wird.

Einige Monate später, mittlerweile ist es Winter, sind die Songs in einem professionellen Studio eingespielt und auf ein Album gepresst worden. Der Release des Debütalbums von From Kid steht kurz bevor.

Andrin Berchtold und Gian Reto Camenisch, die beiden Köpfe hinter From Kid, sitzen draussen vor einer Bar in Zürich. Die Kälte macht den beiden bärtigen Churern nichts aus. Gian Reto nippt an seinem Bier, während Andrin langsam an einer Zigarette zieht. „In einer kleinen Stadt wie Chur begegnen sich Gleichaltrige früher oder später immer“, sagt Andrin. So kreuzten sich vor rund drei Jahren auch ihre Wege. Andrin spielte zu der Zeit mit seiner Rock-Band Enter Kingdom und suchte nach personeller Verstärkung für deren Live-Auftritte. Bis zur Begegnung mit Andrin hatte Gian Reto die vielen Instrumente die er als Kind spielen gelernt hatte, links liegen lassen. „Ich habe mich ganz auf den Sport konzentriert“, erinnert er sich. Andrin, der im Alter von 16 Jahren mit dem Schlagzeug erste musikalische Erfahrungen sammelte, motivierte Gian Reto neu zum Musikschaffen.

Nach vier Konzerten war aber bereits Schluss mit Enter Kingdom, die Band löste sich auf. Andrin und Gian Reto trafen sich fortan zu zweit, um weiterhin miteinander zu spielen. Ihr gemeinsamer Bekannter Romano Zoppi, der dem kleinen Indie-Label Sonic Service vorsteht, motivierte die beiden, ernst zu machen, worauf sie vor nunmehr eineinhalb Jahren From Kid ins Leben riefen.

From Kid machen Musik zwischen Pop, Folk und feiner Electronica. All ihre Songs sind von einer tiefen Melancholie geprägt. „Es ist Musik, die viel Raum lässt für Stimmen, Musik, die nicht überladen ist“, sagt Andrin. Wenn er seine Texte schreibt, liegt ihm viel am Klangbild der Worte. Die Worte selbst bilden genau so oft alltägliche Geschichten wie sie gesellschaftskritische Themen behandeln.

Gian Reto und Andrin inspirieren sich in der Natur – auf und abseits des Wanderweges oder der Skipiste. Die Ideen konkretisieren sich im Jam, wenn sie sich ihre Gedanken gegenseitig vorstellen, vorspielen. Mittlerweile wohnen die beiden in einem alten Bauernhaus am Rande von Chur, zusammen mit sechs weiteren Mitbewohnern. Andrin bringt die Texte zu Papier, an den Melodien und Songstrukturen tüfteln sie zu zweit. Beide sind sie Lead-Sänger, Gian Reto spielt dazu Klavier und Synthies, Andrin greift in die Gitarrensaiten. Die Songs schreiben sie zu zweit, bevor sie mit den anderen zwei Bandmitgliedern zusammensitzen und diese zu viert einspielen, umschreiben und finalisieren: Gianluca Giger am Bass und Produzent Sascha Frischknecht an den Drums vervollständigen die Band.

Mit Romano Zoppi und seinem Label Sonic Service pflegen From Kid ein freundschaftliches Verhältnis. Zoppi ist für die Band mehr als nur eine anonyme Kontaktperson. Sonic Service gewährt der Band absolute künstlerische Freiheit. Den Vertrieb des Debüt-Albums “You Can Have All The Wonders“ übernimmt mit Sony ein grosser Player im Musikgeschäft. In Zeiten von Streaming-Services und Youtube-Playlists halten From Kid an einem physischen Album-Release fest. „Wir wollen etwas in den Händen halten, an Konzerten etwas mitgeben können“, sagt Andrin.

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Der bislang grösste Hit der Band fand seinen Weg nicht aufs Debütalbum: „Sun“, nur kurz nach Bandgründung veröffentlicht, erhielt Airplay auf populären Radiosendern und steigerte den Bekanntheitsgrad der Band immens, weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber: „Er hätte nicht auf das Album gepasst“, begründen Andrin und Gian Reto die Weglassung des Tracks.

In diesen Tagen spielen die Radiostationen allerdings sowieso einen anderen From Kid-Song rauf und runter: “Come In“, die nächste Single des Bündner Kollektivs wurde gar von der BBC in England gespielt. „Plötzlich erreichten uns Tweets von englischen Radiohörern, die uns fragten, wann wir in England auftreten würden …“, schmunzelt Gian Reto. „Wahrscheinlich nicht in diesem Jahr“, sagt Andrin. Eine umfassende Tour führt die Bündner erst mal durch alle Landesteile der Schweiz und für zehn Tage in zehn Städte Deutschlands.

Bereits schreiben die Bündner an neuen Songs. „Wir sitzen wieder vermehrt zu zweit zusammen“, sagt Andrin. Ende des nächsten Jahres soll das zweite Album kommen. Für From Kid läufts rund. „Das ist nicht selbstverständlich“, weiss Gian Reto. „Wir hatten wirklich Glück, dass die Radiosender unsere Songs so oft spielten“, sagt Andrin. Ihr Sound kommt an, auch einflussreiche Radiostationen und Musikblogs in England oder den USA schreiben über die Bündner. Das liegt auch daran, dass From Kid die Gratwanderung zwischen Tiefgang und Zugänglichkeit gelingt. „Wir wollen nicht anecken, wir wollen zugänglich sein“, sagt Gian Reto. Und wenn die beiden, wie zurzeit, positive Reaktionen von Jung und Alt vernehmen dürfen, wissen sie, dass sie mit ihrer Musik einiges richtig machen.

„You Can Have All The Wonders“ erscheint am 30. Januar 2015 via Sonic Service/Sony.