Exit Music
Beck
Beck
Erstellt am: 16.03.2012   Autor:
16.03.2012 – Autor: Nico Scheidegger

Portraits

Beck

Sensation der Musik: Von allen Musikern, die ich bewundere und die mich über lange Zeit hin begleiten, ist Beck Hansen der einzige, dessen Lebenswerk ich aus einer aktuellen Perspektive überblicken kann. Mit kindlichem Eifer folgte ich seinem Schaffen, seit er erstmals auf den grossen Bühnen erschienen ist.

Meinem musikalischen Enthusiasmus sind bis heute kaum Grenzen gesetzt. Mit der Zeit verlor ich den Glauben an ein bestimmtes Muster, welchem die eigene Aufmerksamkeit folgt. Attraktion und Gefallen haben sich als ebenso vielfältig herausgestellt, wie die begehrten Objekte dieser Launen. Es ist die Reifeprüfung des Musikverständnisses, wenn auf die Frage nach dem Musikgeschmack nur stummes Kiemenflattern folgt. Zu sagen wäre Vieles, soviel versteht sich. Die Antwort lässt sich aber im besten Fall bruchstückhaft und um wesentliche Anteile beschnitten übermitteln.

Marcel Proust erkannte den Geist der darstellenden Kunst als Wahrheit, die einer wirklicheren Welt angehört als jener, in der wir leben. Und er bezeichnete das Vergnügen, welches den Konsum begleitet, als „unerlässliche Form, in der ich diese Wahrheiten in mein Bewusstsein überführen konnte [..]“. Ein Moment der Transzendierung also, wo Musik in Geist übergeht. Ein guter Happen New Age für die einen – aber sicher auch mit ein Grund, weshalb auf die Frage nach musikalischen Vorlieben vielsagend geschwiegen wird.

Mein Gefallen an der Musik von Beck Hansen sehe ich in engem Zusammenhang mit dem Glück, den Künstler im Zeitverlauf beobachten zu können. Moden, Trends und die Dynamik, welcher seine Musik in diesem Spannungsfeld folgte – das sind Faktoren, woraus sich die anhaltende Attraktion geformt hat. Sie steht in einem Gegensatz zu anderen Künstlern, die ich verehre, deren grosse Werke aber weit älter datiert sind, als diejenigen von Beck.

Das Lebenswerk von Beck hat sich losgelöst von sonst gültigen Qualitätskriterien. Es ist ein heikles Unterfangen, für eine Sache einzustehen, welche man unter anderen Voraussetzungen anders einschätzen würde. Sich dabei selber auf die Schliche zu kommen, braucht Übung. Denn offensichtlich entwickelt man Strategien, die Vorliebe zu decken, wenn immer man sie in Frage gestellt sieht. Hier wird mit verschiedenen Ellen gemessen. Und wenn darüber Rechtfertigung eingefordert wird, kann das Reflexe provozieren, die nicht weniger entblössend wirken, als der berühmte Windstoss unter den Rock. Alle Übung kann einen nicht von diesem peinlichen Eingenommensein befreien. So bleibt an der Attraktion dieser Sorte immer etwas Kindliches lebendig, das sich mit grossen, glänzenden Augen bestaunen lässt.

Aufnahmen und Effekte

Die Faszination nahm mit Loser und dem Album „Mellow Gold“ 1994 ihren Anfang. Ungezählte Stunden verbrachte ich als Vierzehnjähriger rücklings auf dem Boden liegend, in die roten Deckenlichter starrend. Müssiggang von einem aufreibenden Teenagerleben, was meinem Anspruch an eine wirklichere Welt vollends Genüge tat. In den zwei Jahren bis „Odelay“, dem nächstbesten Albumrelease von Beck, hatte sich keine Sekunde der 70 Minuten Spielzeit von „Mellow Gold“ totgehört. Im Gegenteil: was sich zum soliden Fundament für die neue Wirklichkeit verfestigt hatte, verlangte nach neuen Baumaterialien. Dieser vermeintliche Eskapismus eines Halbwüchsigen war in Wirklichkeit keiner. Es gab nichts, was mich „Mellow Gold“ oder „Odelay“ hätten fliehen machen können. Die ganze Brühe fing mit dieser Musik erst an zu leben – es dauerte eine Weile, bis ich dem Prinzip der Wirklichkeitsanreicherung auf die Spur kam, was ich ebenfalls der unendlichen Gunst der Musik verdanke. Die Erklärung dafür folgt an späterer Stelle.
Es waren weitere zwei Jahre zu überbrücken, bis einer meiner Favoriten in Beck’s Katalog erscheinen sollte. Für mein Verständnis hatte sich alles bisher veröffentlichte von Beck bewährt, dass ich nun meine Rechercheinstinkte geweckt sah. Ich war bereit, den Abwegen dieser Musik zu folgen, was zur wohl deutlichsten Prägung in meinem Leben als Musikenthusiast werden sollte. Viele Inspirationsquellen von Beck haben sich mir seit dieser Zeit erschlossen, während sie gleichzeitig Beck’s Status als offener Kreativer weiter festigten.

In dieser Zeit machte ich meinen Frieden mit „One Foot in the Grave“, welches amerikanische Musiktradition durch einen Trailerpark defilieren lässt. Diese Musik begann in ihrer Bedeutung weit über ihre einzelnen Komponenten hinauszuwachsen. Es war von nun an nicht mehr Vorrecht des Klangs, einziger Mittelpunkt der Musik zu sein. Ein Schlüsselerlebnis initiiert von einem Album, das im Wesentlichen primitive Grundzüge aufweist.
Mit „Mutations“ hat Beck eins seiner wichtigsten Alben geschaffen. Seine Versatilität und Stilsicherheit gewann ganz neue Horizonte. Inmitten dieser trägen Melancholie voller uferloser Melodien wächst ein Lied mit dem Namen Tropicalia. Eine Kühnheit, die zusammen mit der durchgängigen Psychedelik des Albums surreale Formen annahm und meine Wahrnehmung von Musik aufs Neue veränderte.

Kurz darauf folgte das verkannte „Midnight Vultures“, in dessen Folge sich mir die erste Möglichkeit bot, Beck auf der Bühne zu erleben. Mit einer gut viertelstündigen Version des Soul Crooners Debra erfüllte sich mir im Volkshaus einer der tiefst gehegten Wünsche jener Zeit. Das Album ist seither unverrückbar mit diesem Ereignis gekoppelt und weckt noch heute unnachgiebig die typischen, kleinen Sinneseindrücke jener Nacht. Erklingt der Song Peaches & Cream, meine ich bis heute die Bodenauskleidung des Armee VW Busses zu riechen, mit welchem wir zum Konzert unterwegs waren.

„Sea Change“ wurde vorab Stück für Stück auf Beck’s Webpage veröffentlicht. Es blieb das Album von Beck, mit welchem ich die weiteste Strecke zurückgelegt habe. Es hörte sich keine Zweimal gleich an. Irgendwann begann ich mir eine Vorstellung von der Kraft zu machen, die den Hörenden wie mit Geisterhand bewegt, immer weg vom vergangenen Hörerlebnis. Und ich war gerührt davon. Damit „Sea Change“ die Bedeutung zukommen konnte, die es verdiente, musste es im ersten Moment irritieren. Diese Verwandlung der Musik machte es mir von nun an schwer, absolute Aussagen zu treffen über sie. Sie nährte allgemein ein Misstrauen, gegenüber der gängigen Interpretation von Geschmack. Welche Bewandtnis sollte es damit haben, wenn diese Musik so dynamisch und unberechenbar an Orte vorstiess, die ich mit meinem Geschmack hermetisch abgeriegelt hatte?

„Guero“ war Beck’s Ode an die Strassen Los Angeles‘. In seinen Songs schwang dieses sehr konkrete Stadtgefühl. Es färbte meine Erinnerung an die Stadt komplett neu ein. L.A. hatte sich mir auf meiner Reise durch die USA nicht richtig erschlossen. Songs wie Earthquake Weather eröffneten mir neuen Zugang. Das war ein tiefer Eindruck einer Stadt, die real so nicht existiert – eine angereicherte Wirklichkeit eben. Das Resultat aus Erinnerung plus Musik.
Die Vertragserfüllung, welche Beck mit den beiden kommenden Alben „The Information“ und „Modern Guilt“ erreicht haben würde, gab mir hinter allem Einfallsreichtum den Arbeiter zu erkennen.

Mit der DVD, welche zusätzlich zum Album „The Information“ geliefert wurde, hielt die Freude Einzug in unser Haus am See. Als handelte es sich um den neuesten Blockbuster, sassen wir gespannt vor dem TV und verfolgten die simplen Clips. Unzählige Stunden vibrierten die Bässe das Sägemehl aus den Ritzen der alten Balken. Dieses Haus sah Jahrhunderte ins Land ziehen. Vermutlich hatte es sich nie so bewegen lassen, wie es mit dieser Musik der Fall war. Die ehrwürdigen Hausgeister waren von so viel lautstarker Heiterkeit angetan und versorgten das alte Stadthalterhaus einen Herbst lang mit einer grossartigen Energie.

Hüter der Sache

Beck’s Präsenz im Internet machte es leicht, auch zwischen seinen regulären Veröffentlichungen Projekte aufzuspüren, an welchen er sich in unterschiedlicher Weise beteiligte. Darunter Stücke für Hollywood Film-Produktionen oder solche, an welchen er als Produzent und Gastmusiker mitwirkte. Ganz deutlich aber trug seine Handschrift, was manche seine Homepage nennen. Diese hatte Beck mit unkonventionellen und ausgebufften Innovationen gefüllt. Mit seinem Record Club entwarf er ein zukunftsweisendes Konzept, das mit ad hoc Musikerverbänden eine neue Perspektive auf ein nichtkommerzielles Angebot eröffnete. Zum Ende seiner Geffen Records Karriere stellte sich Beck also wieder die Gretchenfrage. Das oft exponierte und dargestellte Spüren nach alternativen Absatzwegen und die Verwirklichungsfrage allgemein, liessen für mich immer die nötige Demut der Musik gegenüber erkennen. Andererseits reiht sich diese Orientierung ein in die Vielfalt der Verwertungskonzepte unserer Unterhaltungsindustrie. Dass er aber den Schritt Richtung proklamierter Subversion gegen die Mechanismen der Musikindustrie konsequent verweigerte, imponierte mir zusätzlich. In der Einsicht, dass alles Wirken am Ende der grossen Maschine zudiene, wähnte ich ihn als Bruder im Geist.

Der grossen Konstante Musik wurde mit Beck ein Hirte und Schutzpatron zur Seite gestellt. Über der fortwährenden Suche nach meiner Musik schwebt seine hütende Hand. An viele Orte dieser Reise bin ich nur durch ihn gelangt. 18 Jahre mit dieser Musik haben mir Wahrheiten eröffnet, die meine Welt wirklicher machen.