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Telefoninterview mit Carlos Ebelhäuser (Blackmail)
Telefoninterview mit Carlos Ebelhäuser (Blackmail)

Telefoninterview mit Carlos Ebelhäuser (Blackmail)

Erstellt am: 27.03.2008
Autor:
Erstellt am: 27.03.2008   Autor:

Interviews

Aufgrund des baldigen Erscheinens des neuen Albums ’Tempo Tempo’ der wohl besten Gegenwartsrockband Blackmail bot sich mir die Gelegenheit, ein Telefoninterview mit Carlos Ebelhäuser, dem Bassisten der Band, zu führen. Ich plauderte gut 20 Minuten mit ihm über das neue Album, die Band, die Vergangenheit, die Zukunft, über Musik und die Schweiz und den Rest. Hier eine versuchsweise originalgetreue Abschrift meiner Notizen.

Philipp Gautschi: Guten Tag Carlos, mein Name ist Philipp Gautschi, ich schreibe für das Onlinemusikmagazin exitmusic.ch die eine oder andere Rezension zu aktueller Musik jenseits des Radios. Ich bin seit gut sechs Jahren ein grosser Bewunderer eurer Musik und danke schon mal im Voraus  für deine Zeit…
Carlos Ebelhäuser: Danke ebenfalls, kein Problem.

Gleich zu Beginn möchte ich herzlich zum neuen Album ’Tempo Tempo’ gratulieren, ganz grosses Kino. Ich bin überrascht von der Vielseitigkeit des Albums, die orientalischen Elemente, die Streicher, die teilweise ungewohnt ruhigen Songs…klasse, ich bin begeistert.
Dankesehr.

Auf Tempo Tempo werde ich teilweise an eure ersten Platten ’Blackmail’ und ’Science Fiction’ erinnert (zum Beispiel ’U Sound’ oder ’False Medication’), insbesondere die ausufernden Gitarrenparts, die Stücklänge und die brachialen Riffs erinnern an euer frühes Werk. Gleichzeitig höre ich eine ungewohnt ruhige Seite (’The Good Part’). ’Aerial View’ war verglichen mit ’Tempo Tempo’ relativ poppig (’tschuldigung für dieses Unwort), kurz und prägnant. Kann man dies als einen Schritt zurück, also wieder hin zum Frühwerk verstehen? Was habt ihr im Vergleich zu den Vorgängern anders gemacht, woran habt ihr euch orientiert?
Wir haben während der Arbeit an ’Tempo Tempo’ nicht gross an unsere alten Platten gedacht, doch der Vergleich wurde schon mehrmals gemacht. Wir haben uns nur mehr Zeit gelassen, mehrere Minuten lange Instrumentals eingebaut und das gemacht, worauf wir Bock hatten. Nach dem ziemlich ausufernden Album ’Friend or Foe’ kam ’Aerial View’, auf diesem Album haben wir die Sache rascher auf den Punkt gebracht. Tatsächlich war dieses poppiger. Gefühlsmässig war es für uns nun wieder an der Zeit, mutiger zu spielen und den Stücken ihren Platz zu geben.

Zum neuen Album ’Tempo Tempo’: wie versteht man den Titel? Die Songs sind ja nicht zwingend die schnellsten ….es ging jedoch ziemlich schnell, bis die Platte fertig war, ’Aerial View’ war 2006, seither ist ja erst ein gutes Jahr verstrichen?
Wir wollten absichtlich nach ’Aerial View’ rasch eine neue Platte nachschieben. Der Name der Platte entstand ursprünglich aus einem Jux während den Aufnahmen im Oktober. Wir hatten zuerst viele Mid-Tempo Songs und waren der Meinung, dass da was Schnelleres her muss, die Forderung nach mehr Tempo wurde im Studio geäussert. Daher passte der Titel ’Tempo Tempo’ bestens. Es half uns, den Titel der Platte bereits relativ früh gefunden zu haben, er hat jedoch trotzdem keinen Bezug zur tatsächlichen Schnelligkeit der Songs. Tempo gefiel uns, da es aus der romanischen Sprache stammt und soviel wie Zeit oder Geschwindigkeit heisst, das lässt eine gewisse Interpretationsfreiheit. Ausserdem ist es nicht Englisch und wird trotzdem von jedem verstanden.

Die mir vorliegende Pressemitteilung beschreibt den grossen Druck, dem ihr in letzter Zeit ausgesetzt wart, jeder sprach seit langem von grossem Durchbruch, von der meist unterschätzten Band Deutschlands etc. Dieser Druck habe das neue Album nicht beeinflusst, ihr spielt frei und entfesselt auf. Das hört man gut. Wie kam’s zu dieser Entlastung?
Wir haben uns von allem frei gemacht. Während die Major Labels einander gegenseitig auffressen, zogen wir unser Ding durch. Nach dem leicht poppigen ’Aerial View’ hat die gesamte Presse von ’Geheimtipp schlechthin’ und ’Durchbruch’ gelabert, das nervte uns tierisch, ausserdem schreibt in den Medien eh jeder dem anderen ab. Wir alle leben von der Musik, produzieren andere Bands, spielen Konzerte und haben Spass an der Sache. Was soll also das Wort Durchbruch? Wir haben kein Bedürfnis nach Gold in Deutschland. Wir bleiben uns und unserem Stil treu, wir sind so wie wir sind. Ausserdem wächst die Band stetig, das ist gesund. Es bestand schon mehrmals die Gefahr, dass es die Band zerreisst, doch dank der regelmässigen und gesunden Entwicklung gibt’s uns noch heute. Wir wollen den grossen Erfolg nicht auf Teufel komm’ raus. Mit ’Tempo Tempo’ haben wir nochmals so richtig die Sau rausgelassen, nicht denken, sondern unbekümmert spielen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit in der Band? Man hört und liest ständig von deinem Bruder Kurt als dem ‚musikalischen Direktor’, Produzenten und ’studio wizard’. Wer ist wofür zuständig, wie entstehen die Ideen? Und gibt’s Uneinigkeiten mit dem Bruder?
Kurt ist permanent kreativ, er produziert auch andere Bands im eigenen Studio. Einzelne Songs, wie zum Beispiel ’The Good Part’ sind zu 90% Kurts Geburten. Sonst arbeitet die Band zusammen. Stücke wie ’(Feel It) Day by Day’ oder ’It’s always a fuse to live at full blast’ wären ausgeartet, wenn Kurt sie mit einer anderen Band gespielt bzw. aufgenommen hätte. Bei ’It’s always a fuse…’zum Beispiel war Kurt nicht damit einverstanden, dass in der Strophe keine Gitarre, dafür Streicher eingesetzt werden, im Refrain folgt dann jedoch der grosse Knall. Wir müssen ihn manchmal ein bisschen bremsen. Jeder macht seine Arbeit, Kurt ist die treibende Kraft. Er hat Visionen, wie das Ganze klingen könnte, er bastelt gerne rum und tobt sich im Studio aus. Aydo bringt mit seinen Texten die Seele rein. ’Shshshame’ entstand zum Beispiel so, dass ich aus Jux drei Akkorde (wir nennen es AC/DC-Riff) gespielt habe. Kurt war sofort begeistert, die psychedelischen zweistimmigen Vocals von Aydo kamen dazu und prompt hatten wir den Ohrwurm. Wir sind sehr situationsbedingte Musiker, alles läuft spontan ab. Dies ist sozusagen unser Lebenselixier. Auch nach 15 Jahren sind wir eine ’one-take-Band’, das hält uns am Leben. Wenn ein Song innerhalb einer Stunde nicht funktioniert, wird er weggeschmissen und nach ’ner neuen Idee gesucht.

Eure ersten Alben, ’Blackmail’ und ’Science Fiction’, werden eurer Homepage zufolge neu aufgesetzt, mit jeweils 2 neuen Songs. ’Londerla’ oder ’Red Rum’ sind die Blackmail Songs, die mich nun seit etwa 6 Jahren begleiten und noch lange nicht verleidet sind. Danke dafür. Sind diese Alben vergriffen? Warum bringt ihr sie nochmals?
Das war schon lange überfällig. Die Platten sind aus den Jahren ’97 und ’99, und wir haben gesehen, dass Leute bereit sind, die Platten für über 100 Euro zu ersteigern, das kann nicht sein. Sie sind vergriffen und wir fühlen uns verpflichtet, die Platten zu vernünftigen Preisen anzubieten. Ausserdem wurden sie echt verbessert, Feintuning sozusagen. Die Songs tönen nun echt besser, deftiger, 20% mehr Sound. Durch das Remastern haben wir sie dem heutigen Niveau angepasst. Ausserdem haben wir jeweils zwei Bonustracks von damals dazugetan.

Wer beeinflusst euch in eurem Schaffen? Wer inspiriert euch? Woher kommen die Ideen? Wenn ich jemandem erzähle, dass ich Blackmail gerne höre, und der fragt nach, wie die denn tönen, fällt mir selten eine Referenz ausser Scumbucket ein. Und die sind den meisten auch nicht bekannt.
Wir lassen uns nur indirekt beeinflussen. Vor kurzem habe ich The Police wieder neu entdeckt. Eine alte Aufnahme zeigte die unglaubliche Energie der drei auf der Bühne. Diese Energie inspiriert uns mehr als die Musik. Jeder von uns hat seine eigenen Favoriten und unterschiedliche Interessen. Wir haben schon versucht, gewisse Sachen nachzuahmen, doch das klappt nicht. Unser Stil ist mittlerweile gefestigt, wir sind halt Blackmail, musikalisch gibt es kaum Einflüsse. Ganz zu Beginn, so ’92 bis ’94, haben ich und Kurt sehr viel Soundgarden gehört, deren tiefe Gitarren hatten bestimmt einen gewissen Einfluss auf unsere Musik. Vergleiche mit Placebo oder ähnlichem kann ich jedoch überhaupt nicht nachvollziehen.

Nur so dazwischen: weißt du ob bei Scumbucket oder Ken etwas Neues läuft? Soviel ich weiss hast du bei Ken auch mal mitgespielt.
Ach, das war nur so zur Aushilfe. Die beiden Projekte sind für den Moment auf Eis gelegt, momentan läuft nur Blackmail.

Am 7. Mai seid ihr wieder in der Schweiz, ich bin dann ganz bestimmt wieder da und werde euch zum etwa sechsten Mal live geniessen. Freu mich drauf. Was hältst du von der Schweiz, was magst oder hasst du an ihr?  Das Schweizer Publikum wird ja ab und zu als relativ lahm bezeichnet.
Die Schweiz funktioniert immer gut, wir spielen gerne und so oft es geht bei euch. Das Publikum ist sogar meist euphorischer, vielleicht ist’s auch nur ein Ausländerbonus, ich weiss nicht. Und wir freuen uns auch auf das Konzert in der Roten Fabrik, erstaunlich wer da schon alles war!

Zum Schluss noch zur Zukunft: Wie geht’s mit Blackmail weiter? Welche Ziele verfolgt ihr?
Die ’Tempo Tempo’-Tour startet am 28. April in Frankfurt, im Sommer folgen dann die Festivals bis im September. Von Oktober bis Dezember folgt dann eine zweite, ausgiebigere ’Tempo Tempo’-Tour. Wir werden vermehrt in Clubs spielen, auch in der Schweiz. Ausserdem haben wir eine Überraschung parat, man kann also gespannt sein.

Okee, dann danke ich freundlich für das Gespräch, war nett. Und man sieht sich bestimmt am 7. Mai in der Roten Fabrik.
Danke ebenfalls und schönen Tag noch.

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