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Interview mit Two Gallants

Interview mit Two Gallants

Erstellt am: 20.03.2006
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Erstellt am: 20.03.2006   Autor:

Interviews

Interview mit den Two Gallants am 05. März 2006 in der Schüür, Luzern.

„Wir sind nicht Bright Eyes!“

„Es ist merkwürdig, aber von jedem, der verschwindet, heisst es, er sei hinterher in San Francisco gesehen worden.“ Das wusste Oscar Wilde damals. Und ich weiss jetzt auch, wieso.
Wie geht es euch?
Adam: Mir geht’s gut, danke.
Tyson: Ich schliesse mich an.

Wie hat euch die Tour bis jetzt gefallen?
Adam: Die Shows waren gut, soweit ich das beurteilen kann. Und auch sonst hat es viel Spass gemacht.
Tyson: Ja, die Tour hat all unsere Erwartungen übertroffen.

Hattet ihr die Gelegenheit, etwas von Luzern zu sehen, abgesehen vom Schnee?
Adam: Ich war vorhin ein wenig spazieren, da waren aber nur überall Züge.

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Nun, es gibt hier, nebst Zügen, auch eine nette kleine Radio-Ansage, die euren Auftritt proklamiert. Dabei werdet ihr „die Band vom Bright Eyes-Label“ genannt. (Adam und Tyson lachen) Ich kann mir vorstellen, dass dies die gängige Assoziation ist. Wie geht ihr damit um, „eine weitere Saddle Creek-Band“ zu sein?
Tyson: Das ist nicht immer ganz einfach, das gebe ich zu. Andererseits muss man auch beachten, wie viele Möglichkeiten es uns eröffnet hat und noch immer eröffnet. Ich meine, wir reisen zu so vielen Orten, wo wir noch nie zuvor waren. Wir haben Leute kennenlernen dürfen, die wir sehr schätzen. All das ist Part davon, bei Saddle Creek unter Vertrag zu stehen. Wir sind glücklich, Teil dieses Ganzen sein zu dürfen. Und die ganze Bright Eyes-Sache ist sowieso verrückt. Viele, die zu unseren Konzerten kommen, tun dies, weil sie Musik erwarten, die jener von Bright Eyes ähnelt. Um das ein für alle Mal klarzustellen: Wir sind nicht Bright Eyes!
Adam: Allerdings. Die Leute haben einfach diese falsche Vorstellung davon, wie Saddle Creek funktioniert. Viele denken, es sei Conors Label, was es natürlich nicht ist. Weder besitzt er, noch leitet er es. Es besteht sogar die Chance, dass er nicht mehr lange bei Saddle Creek sein wird. Trotzdem ist es so, dass die Leute ihn damit in Verbindung bringen, weil er wohl von allen Künstlern dort am erfolgreichsten ist.
Tyson: Trotzdem muss gesagt werden, dass es ein sehr gutes Label ist, darüber beschweren wir uns auch nicht. Dort wird wirklich hart gearbeitet.

Dann seht ihr es trotzdem eher als Vorteil, dort unter Vertrag zu stehen?
Adam: Als was?
Tyson: Als Vorteil. Sie sagt das bloss so britisch mit diesem langgezogenen A. (lacht)
Ja, als Vorteil. (so amerikanisch wie möglich akzentuierend)
Tyson: Nein nein, ich mag das langgezogene A. (lacht) Und: Ja, ich sehe es als Vorteil.
Adam: Es geht mir nicht darum, ob es ein Vorteil ist oder nicht. Wir hätten ein grösseres Label auswählen können, mochten aber die simple Art, mit der die Leute von Saddle Creek an eine Sache herangehen. Die Tatsache, dass dort nicht die Atmosphäre eines Grossunternehmens, sondern die eines netten Abendessens mit Freunden herrscht.
Es sind bodenständige und liebenswerte Leute, darauf kommt es an. Insofern macht es keinen Unterschied, ob wir es als Vorteil sehen oder nicht. Es ist, was das Label repräsentiert und das mögen wir.
Welche andere Saddle Creek-Band mögt ihr denn am liebsten?
(Beide überlegen)
Gibt es überhaupt eine, die ihr mögt?
Tyson: Ich persönlich höre mir keine an, tut mir leid.
Schon gut, ich werde darüber hinwegkommen. (Tyson lacht) Wie sieht das bei dir aus, Adam?
Adam: Das Einzige, was ich mir ab und zu anhöre, ist das Album der Desaparecidos, Conors anderer Band. Von denen halte ich sehr viel. Aber The Faint oder The Good Life und den ganzen Rest kenne ich eigentlich gar nicht.

Was hört ihr euch denn so an?
Adam: Die Clancy Brothers und Eric Dolphy.
Tyson: John Coltrane und Alan Lomax.

Euer Name, Two Gallants, stammt aus einem von James Joyce‘ Büchern, also nehme ich an, dass ihr ihn mögt. Was lest ihr sonst noch?
(Beide wenden den Blick ab und machen keine Anstalten, zu antworten.)
Lest ihr manchmal?
Adam: Ja, wir beide lesen von Zeit zu Zeit.
Gut zu hören.
Adam: (lacht) „Look Homeward, Angel“ von Thomas Wolfe hat mir gefallen.
Tyson: Ich lese meist Kurzgeschichten, für mehr reicht meine Aufmerksamkeitsspanne nicht. (lacht)

Alles klar. Nun, ihr seid aus San Francisco. Oscar Wilde hat damals etwas, wie ich finde, Wundervolles über diese Stadt gesagt: „It’s an odd thing, but anyone who disappears is said to be seen in San Francisco.“ Was meint ihr dazu?
Tyson: Ich schätze, zu der Zeit hat es besser gepasst als heute.
Vermutlich, ja.
Adam: Ich denke, es ist eine Destination für viele Leute. Sie fühlen sich durch San Francisco magisch angezogen, es ist wie ein Magnet.

Erzählt ihr mir etwas über eure Kindheit dort und wie sie eure heutigen Wesen und eure Musik beeinflusst hat?
Adam (nach langem Überlegen): Ich war oft auf dem Land. Dort habe ich all meine Sommer mit Gartenarbeit, Fahrradfahren und Schwimmen verbracht. Ausserdem war ich häufig im Wald anzutreffen, dort konnte ich Stunden verbringen. Das schätze ich wirklich sehr, insbesondere, da viele Kinder sozusagen eingesperrt waren in der Stadt und nie etwas zu sehen bekommen haben, das ausserhalb lag.
Tyson: Was mich sehr beeindruckt hat – zu dem Zeitpunkt war ich zwar etwas älter und ging zur Highschool – war, Leute kennenzulernen, die der Underground-Musikkultur San Franciscos angehörten und einen ganz anderen Lebensstil pflegten als es damals schicklich war. Das waren so unglaublich kreative Leute, die ihre Musik aus ganz verschiedenen Elementen zusammengesetzt haben. Ausserdem waren die Shows sehr speziell; die meisten fanden in industriellen Bereichen der Stadt statt, auf den Strassen waren überall Fackeln verteilt. Ab und zu wurde auch in fremden Kellern gefeiert. (lacht)
Diese Leute haben ihr Leben so kreiert wie sie es haben wollten. Aus etwas Furchtbarem haben sie etwas Wunderschönes gemacht.
Wie meinst du das?
Tyson: Nun, die meisten haben die Schule nicht beendet und sich mit legalen bis illegalen Jobs irgendwie durchschlagen müssen. Und all den Schmerz, den so was mit sich bringt, haben sie in ihre Musik fliessen lassen. Das hat einen grossen Effekt auf mich ausgeübt.

Das erinnert mich ein wenig an eure eigenen Konzerte, die ihr früher in Küchen und Kellern von Freunden zu geben gepflegt habt. Steht das in direktem Zusammenhang damit?
Tyson: Auf jeden Fall, ja.
Und wie denkt ihr jetzt darüber? Was ist euch denn lieber; diese persönlichen, intimen Auftritte oder die grossen Bühnen vor fremdem Publikum?
Adam: Wir mögen beides. Mit erstgenannten Auftritten haben wir angefangen und es hat uns gut getan. Wenn du so nah bei den Zuhörern bist, überträgt sich ihre Energie automatisch auch auf dich, weißt du? Das ist nicht mit den Konzerten zu vergleichen, die man auf Tour gibt. Es ist ein ganz anderes Gefühl. Allerdings sind viele dieser Shows komplett falsch organisiert; die Instrumente funktionieren nicht, oft taucht auch die Polizei auf und bereitet dem Ganzen ein Ende. Im Gegensatz dazu sind die grossen Shows eine angenehme Abwechslung, es wird auf dich Acht gegeben und du kannst sicher sein, dass alles klappt.
Trotzdem, ich mag diese Art von Unvorhersehbarkeit, die diese spontanen Gigs mit sich bringen. Wir versuchen, so oft wie möglich bei Freunden zu spielen, wenn wir zu Hause sind, aber es kann hart sein, die Balance zwischen diesen beiden Polen zu halten.
Das kann ich mir vorstellen. Aber das muss eine ganz tolle Sache sein.
Tyson: Ja, es macht wirklich Spass. Das muss man einfach erleben.

Etwas ganz Anderes: Eure Songs tendieren dazu, sehr lang zu sein. Das kürzeste Lied auf „What The Toll Tells“ ist ungefähr vier Minuten und 30 Sekunden lang, das längste dauert ganze fünf Minuten länger. Dies ist nicht unbedingt die perfekte Radiodauer.
Tyson: Darüber machen wir uns keine Sorgen. Die Songs sind, was sie sind. Wir versuchen so natürlich wie möglich zu bleiben und dementsprechend sind es auch unsere Lieder. Es ist nicht so, dass wir versuchen, sie künstlich in die Länge zu ziehen. So werden sie eben einfach.

Ein etwas kürzeres Lied, „Nothing To You“ vom vorherigen Album „The Throes“, hat mich sehr beeindruckt. Erzählt mir doch bitte etwas darüber. Eine Geschichte, die sonst niemand kennt.
(Die Beiden sehen sich an und murmeln etwas Unverständliches.)
Adam: Nun, ich könnte… Nein. Das ist fast zu privat. (Pause) In Ordnung. Also: Wann immer wir es vor der Person spielen, für die es geschrieben wurde, lacht sie. (Pause) Und das ist ziemlich traurig.
Ein glückliches Lachen?
Adam: Ja, aber auf eine naive Art und Weise, weißt Du? In Anbetracht des Inhalts ist es nicht angemessen. Es ist irgendwie schade.
Das tut mir Leid, wirklich. Aber ich danke dir dafür, es mir erzählt zu haben.

Könnt ihr mir zwei Songs pro Person nennen, die in eurer Biographie erwähnt werden müssten, weil sie euch an ganz spezielle, wichtige Momente in eurem Leben erinnern?
Adam: Ja, aber darüber muss ich erst nachdenken.
Klar. Lass dir Zeit.
Adam: Ich habe meine. Obwohl, nein, das ist zu intim.
Ist die Frage zu persönlich? Ihr müsst sie nicht beantworten.
Adam: Nein, das ist schon okay. Obwohl ich die zugehörigen Momente lieber nicht nennen würde, ist das in Ordnung für dich?
Selbstverständlich.
Adam: Dann nehme ich „Dream“ von Bob Dylan und „Your Feet’s Too Big“ von Fats Waller.
Diese beiden Lieder sind mit bezeichnenden Augenblicken meines Lebens gekoppelt.
Gut, vielen Dank. Tyson? (Tyson versteckt sich hinter seiner Kapuze.)
Tyson (enthüllt sein Gesicht wieder): „Statesboro Blues“ vom Blind Willie McTell. Und „Endless Nameless“ von Nirvana.

Nun, ihr Beiden, da ihr ja so galant seid: Wie würdet ihr eine Frau verführen? Habt ihr je versucht, jemanden mit der Tatsache, dass ihr Musiker seid, zu beeindrucken?
Adam: Nein.
Wirklich?
Adam: Musiker denken immer, dass sie jede Frau kriegen können, bloss, weil sie Musik machen. Das ist doch bescheuert.
Ich finde, das wirkt sich schon positiv auf das Gesamtbild aus.
Tyson: Du hast schon Recht. Im Grunde haben wir ja die Band auch gestartet, um gewisse Frauen zu beeindrucken.
Selbstverständlich. Weshalb auch sonst? Ein tiefes inneres Bedürfnis? (lacht)
Tyson: Natürlich nicht. (lacht)

Dann kommen wir auch langsam zu Ende. Eines noch: Gibt es etwas, das ihr euren hiesigen Fans mitteilen möchtet?
Adam: Wir wussten nicht, dass wir hier Fans haben.
Einen habt ihr ganz bestimmt.
Tyson: (lacht) Wir haben dich also nicht abgeschreckt?
Bis jetzt nicht.
Adam: Ihr habt ein sehr schönes Land. Lasst es nicht zerstört werden durch Amerikas Exporte.

Weise Worte. Nun, vielen Dank. Weil ihr so nett wart und alle meine persönlichen Fragen beantwortet habt, habe ich euch auch Schokolade mitgebracht.
Adam: Du bringst uns Schokolade? Wie toll! Vielen Dank!
Tyson: Das ist echt cool, vorher hatte ich so sehr das Verlangen nach Zucker, aber es war nichts Derartiges da. Danke, das ist sehr lieb von dir!
Gern geschehen.
Tyson: Bleibst du und siehst dir die Show an?
Klar, das lasse ich mir nicht entgehen.

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Foto: Nadja El Kinani

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