Exit Music
Interview mit Tomte

Interview mit Tomte

Erstellt am: 19.04.2006
Autor:
Erstellt am: 19.04.2006   Autor:

Interviews

Interview mit Tomtes Frontmann und letztem Königskind Thees Uhlmann am 02. April 2006 im Abart, Zürich.

Von Womanizern und
warmen Herzen

Was für ein reizender Mensch
dieser Thees Uhlmann doch ist. Diese Worte gehen mir permanent durch
den Kopf, als ich ihm gegenüber in Tomtes Tourbus sitze –
dies, nachdem ich während des Soundchecks eingeschlafen bin,
ganz so, als wäre es der tausendste, den ich miterlebe und als
würde ich diese fünf Jungs auf der Bühne schon mein
ganzes Leben lang kennen. Dieses Gefühl intensiviert sich, als
wir uns unterhalten, um dann seinen Höhepunkt zu erreichen, als
der nette Mann am Mikro sich auf der Bühne mit Worten aus Dirty
Dancing verabschiedet: „I’ve had the time of my life“.

Well, me too.
Herzlichen Dank.

Wofür schreibst du denn?
Für exitmusic. Das ist ein
Onlinemagazin.

Kenne ich doch.
Wirklich?
Wirklich. Woher kenn‘ ich das denn?Ja, woher kennst du das?
Exitmusic.ch?Genau.
Irgendwas macht da schon Klick, aber
ich erinnere mich nicht mehr.
Überleg!
Ich weiss es nicht.
Überleg mehr!
Das ist bestimmt etwas vom Grand Hotel,
vermutlich habe ich das da mal gelesen.
Stimmt, das kann gut sein.
Vielleicht wegen des Interviews mit Death Cab For Cutie, die ja auch
bei euch unter Vertrag stehen.

Genau. Gut möglich, dass das über
meine Hände gelaufen ist. Waren die nett?
Und wie. Habe
mich mit Chris Walla unterhalten, ein unglaublich herzlicher Mensch.

Wo haben die hier gespielt? In
Zürich?
Ja, auch im Abart. Und am Tag zuvor in Fribourg.

theesuhlmann

Was ich zu Beginn wissen möchte:
Wie geht es dir, Thees Uhlmann?

Mir geht es super. Wir sind ja auf Tour
seit dem 7. März, dem Geburtstag meiner Mutter, dann hatten wir
dazwischen fünf Tage frei, jetzt haben wir – denk, denk, denk
– wieder eine Woche gespielt. Heute ist der letzte Tag; morgen
haben wir frei und dann folgen die letzten fünf Auftritte und
zwei Konzerte in Hamburg, auf die ich mich natürlich wahnsinnig
freue. Das ist halt eine grosse Nummer, in Hamburg in der Grossen
Freiheit zu spielen.

Das kann ich mir vorstellen. Home,
sweet home.

Genau so. Ausserdem gab es keinen
einzigen Ausrutscher bisher. Natürlich variiert das von
Bandmitglied zu Bandmitglied, aber generell war jedes Konzert
mindestens eine zwei, da war noch nicht mal eine drei dabei.

Das freut mich für euch. Dreien
hättet ihr auch nicht verdient.

Morgen habt ihr also frei. Was habt
ihr vor? Was hast du vor?


Ich muss ganz spiessig sagen: Morgen
werde ich wenig reden. Des Weiteren ist ein Mädchen nach
Freiburg gezogen, das läuft bei uns in der Familie unter „unsere
Schwester“. Bei meinen Eltern dann analog dazu unter „ihre
Tochter“, obwohl sie dies gar nicht leiblich ist. Die werde ich
jedenfalls morgen besuchen.

Ja, und das Hotel wo wir uns einmieten,
das Merkur Hotel, rühmt sich mit einem Panorama Blick, dann
werde ich vielleicht einfach mal für eine Weile aus dem Fenster
gucken.

Das klingt doch vernünftig.
Erzähl mir ein besonders schönes, lustiges oder trauriges
Erlebnis der bisherigen Tour.

Ein trauriges Erlebnis war, als mir
jemand nach dem Konzert in Berlin einen Zettel zugesteckt hat, auf
dem stand, dass alle hier wären, bloss einer nicht. Dass er die
Karte nicht hat abholen können, weil er ein paar Tage vor dem
Konzert tödlich verunglückt ist.

Oh Oh Gott, wie furchtbar.
Ja, das war für mich schon ein
ziemlicher Schlag. Mir fallen halt ansonsten auch die ganz kleinen
Dinge auf, z.B. dass das jetzt der 21. oder der 22. Auftritt ist und
dass alle noch so gut gelaunt sind. Manchmal vielleicht ein bisschen
genervt oder so, aber die Laune fällt generell nicht ab. Die
Pale Jungs sind jetzt ja auch mit von der Partie und darüber
freue ich mich auch. Oder gestern, da haben wir vor 1800 Leuten in
Dresden gespielt, wobei ich mich dann manchmal echt frage, woher die
eigentlich alle kommen. Das ist dann schon eine grosse Sache für
mich.

Bald ist ja wieder Zeit für
Festivals – ich weiss gar nicht, darfst du mir überhaupt schon
sagen, wo ihr überall spielen werdet?

Das darf ich dir sagen, ja. Nun, das
Southside Festival ist hier in der Nähe. Ausserdem werden wir
auf jeden Fall auch bei zwei oder drei Festivals in der Schweiz dabei
sein. Das eine findet in Interlaken statt und ein anderes in St.
Gallen.

Ach, prima. Dann werde ich dort ja
wieder zum Stalken kommen.

Ja, mach das. Das ist noch kein
Stalking – ich meine, ich wurde ja mal gestalkt.
Echt? Erzähl!
Wir haben in Hamburg ja unsere Bars und
Kneipen, wo wir eben oft hingehen und dann steht da halt jemand in
der anderen Ecke des Raumes und starrt dich die ganze Zeit an.

Thees, das nennt man Flirten.
(lacht)

(lacht) Das ist kein Flirten. Flirten
beruht ja auch auf Gegenseitigkeit. Jedenfalls stellt man sich dann
woanders hin und dann positioniert sich die Person auch wieder so,
dass sie dich im Blickfeld hat, das ist so unangenehm.

Natürlich, ja. Welchen
Festivals werdet ihr denn als Zuschauer beiwohnen?

Ich bin ja gross geworden in einer
Zeit, in der – jedenfalls kommt es mir so vor – es gar nicht so
viele Festivals gab. Ich glaube, das ist eine dieser Erfindungen der
Spätneunziger. Als Fan bin ich, ehrlich gesagt, noch nie zu
einem Festival gefahren, aber ich geniesse es wirklich, auf einem
Festival zu spielen, bei dem das Line Up gut ist und mich dann – je
nachdem vor oder nach dem Auftritt – in die Menge zu verdrücken
und mir ein paar Konzerte anzusehen. Nachhaltig beeindruckt hat mich
beispielsweise Badly Drawn Boy, bei Rock Am Ring.

Der hat auch ein Lied namens
„Everyone’s stalking“, was dann wohl den Rahmen um das Thema
Festival schliesst. (Thees lacht)

Gibt es aussergewöhnliche
Ereignisse in deinem Leben als Musiker, bei denen du denkst: „So
was erlebe wohl auch nur ich.“?

Nun, ich gehe so was grundsätzlich
von der anderen Seite her an: Ich weiss nicht, ob das ein Marcus
Wiebusch- oder ein Olli Schulz-Satz ist, den Marcus mir gesagt hat.
Der fand nämlich: „Gute Geschichten passieren nur jenen
Leuten, die sie auch erzählen können.“
Beispielsweise bei mir ist es ja so,
dass ich über ganz normale Dinge singe, jedoch finde, dass in
eben diesen Dingen eine enorme Kraft liegt. Nehmen wir nur einmal
„Walter & Gail“ von der neuen Platte; zwei, die sich seit
dreissig Jahren lieben, das ist ja relativ normal. Zumindest handelt
jeder zweite Film aus Hollywood davon. Nun, auf jeden Fall geht’s
in diesem Song nicht um Weltrevolution oder um abgefahrene
Drogenparties in irgendwelchen Hip Hop Clubs. Das ist einfach eine
normale Sache, aber eine, wo dann bei mir das Herz warm wird oder das
Gehirn anfängt, zu arbeiten, woraus dann resultiert, dass aus so
einer Sache ein Song wird. Was ich für aussergewöhnlich
halte. Irgendwie ist es aber auch ganz normal. Und dann wird aus so
einer Sache ein Song. Und das ist dann für mich halt
aussergewöhnlich. Aber irgendwie ist es auch ganz normal.
Das ist schön. Auf dieses Lied
kommen wir dann auch noch zu sprechen.

Welche anderen deutschen Bands magst
du?

Kettcar und Olli Schulz.

Lieblingslied von Olli Schulz und
seinem Hund Marie?

Das ist definitiv „Das Letzte
Königskind“. Das finde ich so super, was wohl aber auch damit
zusammenhängt, dass ich den Künstler privat kenne und somit
genau weiss, was er damit weiss. Da wird echt mein Herz immer ganz
warm.

Ansonsten mag ich unsere letzte
Vorband, „The Kilians“, diese 17-jährigen Jungs aus dem
Ruhrgebiet, die Musik machen, als würden sie aus England kommen.
So abgebrüht und abgefuckt, und für die ist das auch gar
normal. Das hat mir auch die Schuhe ausgezogen. Bei Pale, unserer
momentanen Vorgruppe, ist es genau dasselbe: Da frage ich mich auch,
wie sechs Leute aus Aachen eine Band gründen können, die
sich anhört, als würden Paul Weller und was weiss ich wer
zusammen in einer neumodischen Popband spielen. Das macht mich
wirklich stolz, insbesondere, weil sie ja jetzt auch bei uns unter
Vertrag stehen.

Dann darf man ja gespannt sein.
Nächste Frage: Was irritiert dich auf Konzerten?

Ganz einfach, wenn auf der Bühne
herumgehuscht wird. Beim Singen bin ich immer relativ konzentriert
und wenn ich dann bemerke, dass irgendwo herumgezappelt wird, dann
bringt mich das einfach raus. Ansonsten sind das halt die üblichen
Dinge: Wenn zwei, drei Besoffene da sind und ihre eigene Party
feiern, was ich denen dann aber meist verbiete.
Natürlich. Du bist ja auch ihr
Herrscher. (lacht)

Klar. (lächelt) Nein, das macht
mich einfach ein bisschen nervös. Grundsätzlich bringt man
mich aber nicht so leicht aus der Fassung.

Das ist auch gut so. Wie sieht denn
der Kontakt aus, den du zu deinen Fans pflegst?

Der Kontakt zu den Fans? Das kann ich
gar nicht so genau sagen. Sagen wir mal so: Ich bin halt relativ
leicht zu erreichen. Was den Leuten auffällt, für mich aber
eine normale Sache ist, ist, dass ich nach den Konzerten nochmals in
den Raum gehe, die Atmosphäre geniesse und mich mit den Leuten
unterhalten.
Versteh mich nicht falsch, ich will das
jetzt nicht glorifizieren oder als besonders toll hinstellen – ganz
gewiss nicht -, ich wundere mich bloss über Leute, die sagen:
„Die Fans nerven so!“ Vielleicht haben die ja aber auch
schlechtere Fans.

Natürlich sind auch bei uns ab und
an so ein paar Besoffene dabei, die sich ein wenig komisch aufführen,
aber die meisten Leute sind einfach nett und reizend und durch dieses
Reden nach Konzerten habe ich garantiert 50 Leute kennengelernt, mit
denen ich ab und zu E-Mails austausche und das macht mein Leben nicht
schlechter, sondern das macht das besser. (lächelt sehr nett)

Schön zu hören.
Eine gute Freundin von mir erzählte
mir neulich, wie schade sie es findet, dass eure Lyrics – früher
noch ein Geheimtipp – inzwischen im Forum der BRAVO als Text für
die Valentinstagskarte der 14-jährigen Userin Sexyangel an den
Schwarm aus der Parallelklasse vorgeschlagen werden. Ganz im Stil
von: „Schreib doch etwas von diesem neuen Typen, Tomte heisst der,
glaube ich.“

Wir sehen also: Die Zeiten ändern
sich. Was hältst du von Sexyangel und dieser ganzen Entwicklung?
Nimmst du das auch so wahr?

Nun, ich bin natürlich auch nicht
in Valentinsforen unterwegs.
Natürlich nicht.
Aber, wir gehen mal davon aus, dass
Sexyangel vielleicht auf einem anderen Planeten wohnt als ich und
dass sie vielleicht auch einfach andere Baustellen bearbeitet als ich
und vielleicht auch nicht so ein Leben einschlagen wird, wie ich es
getan habe. All diese Dinge machen sie aber keineswegs zu einem
schlechteren Menschen. Und wenn die das irgendwie weiterempfiehlt,
sei es dem Schwarm aus der Parallelklasse, und ich als 31-Jähriger
die Gabe habe, für eine 14-Jährige zu sprechen, dann macht
mich das glücklich.

Man muss keinen Iro tragen und eine
drei Kilometer lange Punkplattensammlung zu Hause haben, um mir zu
gefallen. Und es kann sein, dass man sich mit einem 35-jährigen
Versicherungsvertreter unterhält und dass dabei dann halt
wesentlich mehr rauskommt, als wenn man sich mit einem anderen Typen
unterhält, der auch ein Independent Label hat. Es geht halt
darum, was im Herzen drin ist und nicht darum, was man beruflich
macht.

Gut gesagt. Bleiben wir bei den
schönen Worten – solche möchte ich jetzt nämlich von
dir hören, wenn ich dir gleich drei Songtitel nenne und du mir
zu jedem erzählst, was du denkst, was der typische Tomte-Hörer
tun sollte, während er das Lied hört.

Beginnen wir mit „Warum ich hier
stehe“.

Dann sage ich das ganz machomässig:
19-jährige Jungs sollen, wenn sie angefangen haben, zu
studieren, aus einem kleinen Dorf in die grosse Stadt gezogen sind
und sich eine 3er-WG gesucht haben, am Freitag Abend des ersten
Wochenendes zu Hause in der Bude Bier trinken und dann zum ersten Mal
in der neuen Stadt in die Disco gehen.

Hast du das auch so gemacht?
Ich habe das so gemacht, ja. Zwar nicht
zu dem Song, aber ich habe das auf jeden Fall gemacht. Man nennt das
ja ganz klassisch Vorglühen.

Das wusste ich nicht. Was man hier
nicht alles lernt. Das zweite Lied ist „Mit dem Mofa nach England“.

Wenn ich bei jungen Leuten bleiben
darf, würde ich sagen, dass ein 16-Jähriger diesen Song in
der zweiten Hälfte der grossen Pause hören soll, bevor er
eine anstrengende Klausur schreibt.

Prima, das werde ich meinen
16jährigen Freunden vorschlagen. (Thees lacht) Und schliesslich
wüsste ich auch noch gerne, wozu man „Ich sang die ganze Zeit
von Dir“ im Idealfall hören sollte.

Das sollte ich fast hören,
in den dreieinhalb Minuten bevor ich meine Freundin in Hamburg
wiedersehe.

Wie süss. Freust du dich?
Sehr.
Sie kommt ja aus Basel.

Echt? Wie nett.
Finde ich auch. Ich habe hier also auch
diverses erlebt, unter anderem habe ich beim Schweizer
Nationalfeiertag mitgefeiert, wobei ich mich noch ganz genau daran
erinnere, wie sehr es mich erstaunt hat, dass drei Hamburger am
Wochenende schon mehr Schmutz gemacht hätten als 3000 Basler.
Das ist ja echt unglaublich, da liegt keine einzige Bierflasche. Ich
stand da und konnte das überhaupt nicht glauben. Ich meine, was
ist das für eine Kontrollgesellschaft? Aber irgendwie…

irgendwie ist das ja auch gut.
Ja, irgendwie ist das auch
spitzenmässig.
Definitiv. Aber das ist nur in Basel
so, schätze ich.

Glaubst du?
Ja, ich bin aus Luzern und da ist es
nicht so.

Oh, wo die Brücke abgebrannt ist.
Ja. (aufgrund eigener, sehr spärlich
vorhandener Geschichtskenntnisse verwundert)

Da bin ich auch längst schon
hinübergegangen. (stolz)

Nicht schlecht. Dann habt ihr die
Schweiz so ein bisschen durchreist, du und deine Freundin?

Ja, die Eltern meiner Freundin haben so
ein kleines Häuschen in Ascona und auf dem Rückweg haben
wir noch kurz in Luzern vorbeigeschaut.

Eine gute Entscheidung, würde
ich sagen. Sprechen wir aber über „Walter & Gail“. Der
„grosse gelbe Vogel“ kommt von Conor Oberst, nicht wahr?

Genau. Das…
Und… Entschuldige, sprich ruhig
weiter.

Nein, du sagst.
Nein, du.
Nein, ich sage nichts.
Doch, erzähl.
Nein, du musst sagen.
In Ordnung. Die kanadische Band, die
traurige Lieder singt…

…Achso, nein, dann sag ich doch kurz
noch etwas zu Conor Oberst.

Eben.
Das ist ja knallhart geklaut. Ich
empfand es aber nicht als klauen.
Selbstverständlich nicht, du
hast es ja auch noch übersetzt.

Genau. Aber auch sonst: Auch wenn ich
mich musikalisch vielleicht ein wenig mehr in Mainstreamkreisen
bewege, finde ich, dass wir beide, so wie wir Musik machen, extrem
ähnliche Baustellen bearbeiten, Conor und ich. Ich meine, gewiss
wollte ich ihn am Anfang scheisse finden, mit diesem Hundeblick und
so, aber dann hab ich das gehört und frage den Praktikanten im
Grand Hotel: „Was ist das?“ Und er so: „Ja, das ist Bright
Eyes.“ Und ich so: „Scheisse.“
Ja, scheisse. Jetzt hasst du die
doch nicht, was für ein Mist.

Genau. (lacht) Dann hab ich mir das
angehört und war so weggepustet. Deswegen musste ich das einfach
aufnehmen. Und ich weiss auch, dass Leute deswegen anfangen, Bright
Eyes zu hören. Ich glaube ja an die grosse internationale
Gewerkschaft der Künstler: Eminem, Jay-Z, Conor Oberst, Tomte.
(lacht) Es gibt da etwas, dass die Leute verbindet.

(Ein netter Mann mit blauen Augen
und blauem Hemd, den ich fortan als Manager bezeichnen werde, obwohl
ich mir nicht sicher bin, ob er es auch wirklich ist, betritt den
Bus.)

Jetzt kommst du gerade zu spät,
soeben habe ich wieder eine Lobeshymne bezüglich Conor Oberst
gehalten. (Der Manager lacht)
Er (auf den Manager zeigend) hat ja
schon mit Conor Oberst Rotwein getrunken!

Reife Leistung.
Manager: Und in London habe ich ihn
dann wiedergetroffen.

Thees: Hat er sich an dich erinnert?

Manager: Ja, klar. Der hat mir seine
Nummer gegeben und mich auf die Gästeliste setzen lassen. (Thees
ruft aus) So à la: „Is it really true?“. (lacht)

Thees: Und du hast jetzt echt seine
Handynummer?
Manager: Ja.
Thees: Oh, lass uns den mal anrufen.
Obwohl er wahrscheinlich schon verloren ist im Suff.
Manager: Ich habe die gar nicht im
Handy gespeichert, damit ich den nicht im Suff anrufe.
Thees: Dann ist die jetzt in Köln
oder was?
Manager: Ja, im Büro.
Thees: Arsch.

Manager: So, ihr macht jetzt hier
weiter. Wie lange brauchst du noch, was meinst du?
Ach, so ungefähr sieben
Minuten.

Manager: Sieben Minuten, wunderbar.
Thees: Eine konkrete Ansage auf jeden
Fall.
Ja, nicht wahr? Vielleicht brauche
ich auch neun. Oder hundert.

Wir waren bei der kanadischen Band;
das sind die Weakerthans, oder?

Ja, das sind die. Die habe ich auch
schon in Winnipeg besucht.

Echt? Dein liebster
Weakerthans-Song?

Da habe ich allgemein dazu zu sagen,
dass meine ganze Entwicklung als Künstler untrennbar damit
verbunden ist, wie die Weakerthans Musik gemacht haben und wie John
K. Samson dichtet. (überlegt) Ich kenne die Songtitel so
schlecht.
Von der neuen Platte mag ich
beispielsweise dieses ganz, ganz kurze Stück, 1 Minute 20
Sekunden, wo er eine Freundin im Krankenhaus besucht. Das besitzt
einfach eine solche lyrische Dichtung, eine fast schon epochale
Gewalt. Was wiederum genau das ist, wo dann Leute ohne Herz bei Tomte
sagen, dass es zum Kotzen ist, wenn wir über Derartiges singen.
Aber der singt über dieses Phänomen, Leute im Krankenhaus
zu besuchen, so, dass man es kaum präziser ausdrücken kann.
Man könnte höchstens singen: Leute im Krankenhaus besuchen
ist scheisse, Leute im Krankenhaus besuchen ist scheisse. Aber das
können natürlich nur irgendwelche Punkbands machen.

Aber mit einer solchen Genauigkeit über
so etwas zu singen, das zieht mir echt die Schuhe aus. Ich bin total
stolz, dass ich die kenne. Was heisst stolz? Ich bin einfach froh,
dass ich die kenne.

Schön, das freut mich. Auf
„Left And Leaving“ findet sich mein Lieblingssong von ihnen, „My
Favourite Chords“.

Oh ja, da habe ich auch schon
tränenüberströmt vor der Bühne gestanden.
Würde mir bestimmt auch so
gehen. Dieses Lied mag ich ja auch immer ganz gerne auf Mixtapes
packen, deswegen würde ich dich jetzt gerne fragen – was für
ein nahtloser Übergang – welche Lieder du denn wählen
würdest, um ein Mädchen zu beeindrucken. (Thees überlegt)
Vielleicht zwei, drei. Lieder, nicht Mädchen. (lacht)

Oh, schwierig. Für ein Mixtape
muss man ja auch erst die Psyche der Dame ergründen.

Natürlich, das muss ja auch
perfekt abgestimmt sein.

Conor Oberst, Weakerthans und Tomte,
wobei Tomte dann in der Playlist ausgelassen werden. Ausserdem bin
ich zurzeit ein totaler Fan des Songs „In The Fade“ von den
Queens Of The Stone Age, die ich generell eigentlich eher mittel- und
vielleicht auch etwas zu hippiemässig finde, aber das ist ein
wirklich tolles Lied. Der helle Wahnsinn, echt. Ausserdem bin ich
auch ein The Streets-Fan. Davon würde ich auch etwas
draufpacken. Beispielsweise…
Could well be in.
Nein. (lacht) Von der letzten Platte,
also von „A Grand Don’t Come For Free“, das letzte Lied, dieses
11 Minuten-Stück. „Empty Cans“. Und – noch besser – wenn
ich das auch noch schneiden könnte, dann würde ich nur den
zweiten Teil draufnehmen.
Ja! „The end of
something I did not want to end…“. Das ist so toll!

Wahnsinn, ja. Unglaublich. Das ist der
neue Shakespeare.

Allerdings. Dein Lieblingsfilm? Ach
so, ich lege jetzt ja auch keinen Wert mehr auf ganze Sätze.

(lacht) Ich bin kein grosser Filmtyp,
ehrlich gesagt. Wenn ich Filme sehe, dann gehören die meist dem
pseudointellektuellen amerikanischen Emo-Kino an. So im Sinne von
Good Will Hunting oder Der Club der jungen Dichter und Derartigem.
(lacht) Das ist halt einfach so ein süsser Film.
Genau. Da stehen dann plötzlich
alle auf dem Tisch und man heult jedes Mal.

Ja, genau. (lacht) Ansonsten bin ich
wirklich kein Filmtyp. Mir ist das auch egal, was die Leute hier im
Bus gucken. Ich bin echt nur durch Musik so richtig zu begeistern.
Ich meine, ich gucke schon gerne Filme, aber die muss dann auch immer
Girl aussuchen, die aber auch einen phänomenalen Geschmack hat.

Gut so. Dann gibt es also keinen
Film, von dem du eine gewisse Szene mit einem eurer Songs
unterstreichen möchtest?

Ich kriege manchmal Mails, die
folgendermassen anfangen: „Hey, ich bin 17 und ich drehe gerade
einen Film.“ Was ich tendenziell schon mal total geil finde. Die
fragen mich dann eben, wie es rechtlich aussehen würde, wenn sie
Musik von uns benutzen. So was finde ich natürlich interessant
und auch schön, wenn die denken, dass unsere Sachen da perfekt
hineinpassen. Aber ansonsten würde vielleicht „Geigen Bei
Wonderful World“ zu einem amerikanischen Film passen. Aber nichts
beim deutschen Film, bitte. die sind mir echt alle zu spiessig.
„Halbe Kraft muss langen“ – das Motto des deutschen Films.

Gibt es eine Frage, von der du dir
immer erhoffst, dass sie dir gestellt wird, weil du die perfekte
Antwort darauf hättest, bloss fragt nie jemand danach?

Ich glaube nicht, nein. Aber ich bin
reiner Hasser der Frage „Hast du noch irgendetwas zu sagen?“ Dann
fällt mir echt nie etwas ein. Zu einer anderen Frage kann ich
das ganze Interview über reden, aber wenn jemand das fragt, dann
gibt es da nur noch gähnende, geistige Leere. Ansonsten werden
ja häufig auch immer dieselben Fragen gestellt, wobei es dann
aber auch immer auf den Grundvibe des Interviews ankommt. Gestern
beispielsweise, da waren so zwei Leite, die wollten so ein wahnsinnig
geiles Video-Interview machen und die waren wahnsinnig cool und so
wahnsinnig deepdown mit mir und das fand ich halt total ätzend,
weißt du? Und nachher, da kam so ein stinknormaler Typ von so
einer komischen Zeitung, von der ich noch nie etwas gehört habe
und es war halt einfach total nett, sich mit dem zu unterhalten.
Das ist schön, ja.

Ich schätze, du kennst
„Friends“?

Ja, die kenne ich.
Findest du die gut?
Ja, die finde ich gut. Willst du mich
fragen, wer mein Lieblingsfriend ist?
Nein, ich möchte wissen, wer du
sein würdest. (lacht) Du musst ja auch jemand sein.

Ich bin Chandler, ganz klar.

Natürlich, ich bin auch
Chandler. Da bin ich froh. Das ist die einzig gute Antwort.
Vielleicht noch – obwohl, nein.

Also, Leute, die sagen, sie möchten
gerne Monica sein, die gehen gar nicht. Auch süss natürlich
– wie heisst nochmals der Trottel?
Joey?
Nein! (hebt die Stimme
an) Das ist kein Trottel! (lacht) Das ist ein Womanizer! (wirft sich
in Positur)

Ich bitte dich: Wie geht’s denn
so? (lacht) Aber dann meinst du vermutlich Ross.

Genau, Ross.

Der mit dem Affen.
(lacht) Ja, stimmt.
Marcel. (lacht)
Der Affe heisst Marcel? (lacht) Ich
fand das so furchtbar, als er – Ross, nicht Marcel (lacht) – mit
dieser Engländerin zusammen war.
Emily. Ja, die habe ich auch nie
gemocht.

Aber am Ende weiss man nicht, ob die
zusammenkommen, oder?
Keine Ahnung. Gegen Schluss ist mir das
sowieso plötzlich alles entglitten.

Aber zurück zum Thema: Diese
verrückte Phoebe hat in einer der früheren Episoden ein
Spiel erfunden, mit welchem sie Joey zu einer wichtigen Entscheidung
verhelfen wollte. Erinnerst du dich daran?


Ja. Wie ging das
nochmal?
Sie hat ihm immer zwei
Auswahlmöglichkeiten gegeben und er musste sich dann ganz rasch
entscheiden und eine davon nennen.

Ja, genau.
Das mache ich jetzt mit dir. Ist das
gut?

Ja, klar.

Dann bist du jetzt Joey. Den magst
du ja sowieso. (Joey lacht)

Virginia Jetzt! oder die
Sportfreunde?

Sportfreunde.

Groupies oder keine Groupies ?
Keine Groupies. Oder – Moment –
Groupies ja, aber nicht bumsen.
OK.

Hamburg oder Paris?
Hamburg.
Nein.
Ach so, das war falsch? Dann nehme ich
Paris. (lacht)

Vergangenheit oder Zukunft?
Zukunft.

Traum oder Realität?
Realität.

Populär und seelenlos oder
unbekannt und sich selbst treu geblieben?

(lacht laut und etwas beängstigend,
aber auch lustig) Habe ich einen Joker?
Nein.
Das ist Quatsch, echt. Die Leute warten
ja bei Tomte so sehr darauf, dass wir sagen: „1800 Leute, da kannst
du nicht mehr rausgehen nach dem Konzert. Die Leute sind so asozial.“
Aber: Leipzig, 1600 Leute, wir sind
rausgegangen und es war so spitzenmässig, wirklich.

Schön. Ich schätze das ja
auch immer sehr.

Kinder oder Tiere?
Beides.
Nein.
Eine Sache muss ich wählen? Das
ist fies.
Ich weiss. (ein bisschen erfreut)
Tiere kann man sich kaufen, Kinder
werden einem geschenkt.
Also Kinder? Oder Tiere? Du musst
dich schon entscheiden, mein Freund.

Mann, ist das Investigativjournalismus
oder was? (lacht) Kinder sind zu heilig als dass man sie für
eine Interviewfrage benutzen dürfte.
(überlegt) Nein.
Doch.
OK, du hast gewonnen, weiter.

Aufklärung oder Sturm &
Drang?

Sturm & Drang.

Briefe oder E-Mails?
Verfasse ich beides bis zum Exzess.
Das ist schön.
Ja. Ich schreibe halt sehr gerne.

Mathematik oder Sprachen?
Sprachen.

Was nützt die Liebe in
Gedanken“ oder „Die fabelhafte Welt der Amélie“?

Ich kenne beides nicht.

Schwach.
Die fabelhafte Welt der Amélie
(hierbei sehr darauf bedacht, das akzentuierte E so abschätzend
wie möglich auszusprechen), ich gehe doch nicht in solche
Hippiefilme.
Vergiss es, echt.
Ist das ein guter Film, oder was?
Ja, natürlich. Das ist mein
Lieblingsfilm.

Und was war das andere? „Was nützt
die Welt in Gedanken?“?
„Was nützt die Liebe in
Gedanken?“. Mit Daniel Brühl und August Diehl.

Ein deutscher Film. Spiessig.

(Der Manager ist wieder mit von der
Partie.)

Death Cab For Cutie
oder Decemberists?

Death Cab, von den Decemberists kenne
ich nur einen Song.

Nochmals 14 sein oder schon 70?
Diese verdammten Fragen, echt. (zum
Manager sprechend) Schmeiss sie raus. (lacht) Nein, im Ernst jetzt:
Ich möchte nie wieder 28 sein. Ich möchte auch nie wieder
23 sein. Allerdings will auch noch nicht 70 sein, weil doch alles so
prima ist gerade. Und – hey – mein Kumpel hat die Handynummer von
Conor Oberst, ich will doch nicht 70 sein. (lacht)

Das ist allerdings verständlich.
Nie mehr Bier oder nie mehr Kaffee?

Nie mehr Kaffee. (überlegt) Nein,
Moment. Ich wähle den Kaffee. Ich will lieber Kaffee trinken als
Bier.
Gut.
Stell die Frage mit Rotwein.
Nein. Hier entscheide immer noch
ich, was gefragt wird.

Manager: Rotwein. (Er und Thees lachen
in männlicher Verbundenheit und schlagen die Handflächen
aneinander)

Prima, dann wären wir jetzt
auch zum Ende gekommen. Darf ich noch kurz ein Foto schiessen?

Sicher.

Und weil du auch so gut warst und so
gut mitgemacht hast, habe ich dir Schokolade aus der Schweiz
mitgebracht. Ich weiss, dass ihr selber welche habt, aber: Unsere ist
besser.

Oh ja, ich stand ja mit Girl vor so
einem riesigen Regal, weil ich meinen Eltern auch welche mitbringen
wollte. Da habe ich sie gefragt: „Hey, sag mal, welche ist denn
hier die beste Schokolade?“. Und sie nur: „Thees. Wir sind in der
Schweiz; alle sind gut!“ (lacht)

Da hat sie auch Recht. (mit der
Kamera überfordert) Oh, das mit dem Foto geht auch gerade gar
nicht.

Wieso, das ist doch mit Blitz,
oder?
Keine Ahnung, wieso das jetzt nicht funktioniert.
Vielleicht habe ich ja etwas verstellt.

(betont gelangweilt auf den Tisch
trommelnd) Das alte Klischee.

Probierst du das mal?
Klar, gib her.

Bitte. (Thees die Kamera hinhaltend
und dabei bemerkend, dass der nächste Interviewer wartet) Oh,
jetzt muss er auch noch draussen warten, weil ich so schlecht bin.
(lacht reuevoll, derweil hantiert Thees mit der Kamera)

Jetzt sollte es gehen. Du musst halt
einfach durchgucken.

OK. (macht das Foto)
Du musst aber richtig durchgucken, mein
Kind.
(sieht sich das Foto an) Wie
schlecht. Ich muss noch eines machen, sonst bringen die mich um.

Wer sind die? (lacht) Die Regierung?
(lacht) Die verfluchten Demokraten.
Also, auf ein Zweites. Lächeln, bitte. (lacht und kann nicht
mehr aufhören)

Wie gut, dass du schon lachst, während
du das Foto machst. (sich erneut an den Manager wendend) Wie gesagt:
Alter, schmeiss sie raus.
Ach was, du magst mich. (lacht)
Stimmt. Und danke für die
Schokolade, das ist echt super von dir.

Keine Ursache. Die hast du dir auch
verdient.

Bleibst du und siehst dir den Auftritt
an?
Ich weiss es noch nicht.
Wieso, sind wir dir zu kommerziell oder
was?
Genau so ist es. Und deine Antworten waren auch immer so
bescheuert. (lacht, der Manager stimmt ein) Nein, ernsthaft: Mein
Ex-Freund wird da sein und den mag ich nicht treffen.

Ach was, den schmeissen wir raus! Wir
wollen nicht deinen Ex, wir wollen dich dabeihaben!

Na gut. Vermutlich werde ich schon
kommen. Ich weiss ja jetzt auch, was dich irritiert, dann kann ich
das gleich machen. (lacht)

> Hören und Kaufen > Rezension des aktuellen Albums > Offizielle Webseite

Foto: Nadja El Kinani

{mos_sb_discuss:11}