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Interview mit The Hirsch Effekt im Kultcaff an der Universität Siegen (D)

Interview mit The Hirsch Effekt im Kultcaff an der Universität Siegen (D)

Erstellt am: 18.10.2012
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Erstellt am: 18.10.2012   Autor:

Interviews

Ich soll mich schon am frühen Abend mit The Hirsch Effekt treffen, doch die Vorbereitungen laufen schlechter als gedacht, das Mischpult ist ausgefallen. Mehr oder weniger schnell wird ein neues herbeigeholt. Vor dem Kultcaff gibt es wenigstens bequeme Sitzgelegenheiten, die Verspätung ist also kein Problem.

Kurz vorher hängt Bassist Ilja Lappin noch ein improvisiertes Schild auf: „Please Smoke Outside! The Band Is Thankful! Cheers“ und freut sich darüber, dass sich tatsächlich jeder daran hält. Nils Wittrock, dem Sänger und Gitarristen, fällt dazu eine Anekdote aus der Hardcore-Historie ein: „At The Drive-In wollten doch mal ein Konzert abbrechen, wenn irgendwo einer raucht, weil Cedric, der sowieso immer völlig schief singt, sich aufregt, dass er so nicht singen könnte.“  Das Eis ist gebrochen.

Stand Eure Musikrichtung von vornherein fest, als ihr angefangen habt, Musik zu machen, oder habt ihr auch in andere Richtungen experimentiert?
Nils: Also, Epistel war unser erster Song, auf der ersten EP, das ging eigentlich musikalisch von Anfang an so wie heute.

Euer erstes Album hat ja sehr gute Kritiken bekommen. War das für euch eher Druck, einen würdigen Nachfolger aufzunehmen, oder ist das eher ein Ansporn?
Nils: Nein, das war Druck.
Ilja: Es hat auf jeden Fall mit einem „writer´s block“ angefangen. Ich erinnere mich noch an die erste oder zweite Probe, wo wir versucht haben, neue Sachen zu schreiben, das war jedenfalls eine sehr komische Atmosphäre. Es ist nichts Vernünftiges dabei entstanden und wir haben dann erstmal nicht mehr geprobt.
Nils: Wir haben dann erstmal viele Konzerte gespielt…
Ilja: …und es nicht darauf angelegt, ein neues Album zu schreiben. Es gab zwar Schnipsel und Ideen, die zu Hause am Rechner entstanden sind, aber bis wir zusammen als Band was geschrieben haben, hat es über ein Jahr gedauert.

Spielt Ihr lieber in einem kleinen Club, wo die Leute euch kennen, oder auf Festivals vor größerem Publikum, das aber vielleicht auch nichts mit eurer Musik anfangen kann?
Nils: Wir spielen eigentlich lieber Konzerte, bei denen die Leute wegen uns kommen, wobei Festivals da eine Ausnahmesituation sind.
Ilja: Wenn das Publikum groß ist, überblickt man ja nicht, wer wegen Dir da ist, das verläuft sich dann.
Nils: Wir haben auf dem Kapitän Platte-Festival gespielt, das war eher ein Postrockfestival Wir waren so ein bisschen die Klabautermänner da, aber weil das Forum in Bielefeld einfach der Oberknaller-Laden ist, war das trotzdem cool. Aber eigentlich ist es ein schöneres Gefühl, wenn man weiß, die Leute kommen wegen uns. Auf der anderen Seite haben wir zum Beispiel in München auf dieser Tour gespielt, auf einer Party im „Backstage“, wo wir auf einer der Areas der Opener waren. Da war also auch viel Laufpublikum. Das finde ich auch interessant, wenn man sich nicht sozusagen auf einer Stimmung schmeißen kann, sondern sich das Publikum ein bisschen erkämpfen muss. Das war auch spannend, aber natürlich ist es schöner, die Früchte zu ernten, die man gesät hat.

Ihr habt auf eurer aktuellen Tour ja ein Tourfilmprojekt gestartet. Könntet Ihr das mal kurz vorstellen?
Nils: Ich mag gerne Dokumentarfilme von Bands, und das hätten wir auch gerne für uns gehabt. Das war eigentlich der Ansporn, und da wir aber nicht selber dafür Geld auf den Tisch legen wollten, haben wir uns umgehört, ob es Menschen in unserem Hörerkreis gibt, die das auch interessant finden. Beim Crowdfunding bekommen die Spender ja eine Gegenleistung für ihre Spende, was in den meisten Fällen der Film selbst als DVD war. Einiges von dem gesammelten Geld wurde dann auch für die Postkarten verwendet, die manche Leute bei dieser Aktion bekommen haben. Mit dem Rest haben wir den Film finanziert.

Läuft das Projekt momentan noch?
Nils: Nein, der Film wird jetzt geschnitten. Da derjenige, der sich damit beschäftigt aber auch noch andere Projekte annehmen muss, wird sich das noch ein bisschen hinziehen. Der Film wird wohl etwa im Februar/März 2013 fertig sein.

Könnt ihr uns ein paar eher unbekannte Bands nennen, die Fans von eurer Musik unbedingt mal antesten sollten?

Nils: Between Tue Buried And Me, falls die bei manchen Leuten noch nicht angekommen sind, muss man sich  mal anhören. Zen Zebra sind super Jungs und auch Die Leoniden sollte man mal hören.

Seid ihr immer noch eine reine Studentenband?

Nils: Nein, nur noch einer ist Student, seit kurzem. Ilja und ich sind Musiker und verdienen uns als Musiklehrer unseren Lebensunterhalt. Ich arbeite einen Nachmittag an der Musikschule und einen Nachmittag gebe ich zu Hause Privatunterricht. Das habe ich mir gerade erst aufgebaut, aber es ging doch relativ schnell, dass ich einen Nachmittag voll hatte.

Zu guter Letzt, macht ihr auf eurer Tour noch Station in der Schweiz?

Nils: Im nächsten Jahr. Das ist in Planung und es gibt auch ein paar Veranstalter, die daran interessiert sind. Es steht also schon fest, wir kommen in die Schweiz.

Vielen Dank für das Interview, und viel Spass bei Eurem Auftritt!

An der Siegener Universität spielte das Mathcore-Trio gemeinsam mit Racquets, die Bassist Ilja Lappin beim Interview als „Drum´n´Base-Indie-Groove-Rock mit Postrock-Ansatz“ bezeichnet. Die vierköpfige Instrumental-Band macht zu Anfang dann vor allem in Person des Schlagzeugers ordentlich Wind. Ein gutes Aufwärmprogramm bieten Racquets auf jeden Fall, als Liveband klingen sie noch mal wuchtiger als auf ihrer Debüt-EP „No Time for Beggars“.
The Hirsch Effekt toppen das aber mühelos, streuen in die komplette Darbietung des neuen Albums „Holon:Anamnesis“ immer wieder alte Stücke, wie den beängstigend guten „Vituperator“. Und schon nach wenigen Songs merkt man, es gibt keine Füller bei dieser Band, alles hat den Platz, den es verdient. Selbst „Mara“, das auf der neuen Platte noch das anstrengendste Stück war, begeistert das Publikum, das von Studenten über langhaarige Metaller bis zu älteren Prog-Anhängern alles abdeckt. Trotz fortgeschrittener Uhrzeit, dem Mischpult sei Dank, vermögen die Hirsche noch für phänomenale Atmosphäre zu sorgen. Ein gewaltiges Erlebnis.

Setlist The Hirsch Effekt:
(Anamnesis / Intro)
Limerent
Absenz
Vituperator
Ligaphob
Zoetrop
Hiberno
Mara
Irrath
Ira
Agitation
Datorie
Lentevelt
Epistel

Review Holon: Anamnesis