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Interview mit The Divine Comedy
Interview mit The Divine Comedy

Interview mit The Divine Comedy

Erstellt am: 30.10.2006
Autor:
Erstellt am: 30.10.2006   Autor:

Interviews

 

Interview mit dem göttlichen Neil Hannon AKA The Divine Comedy im Zürcher Kaufleuten am 6. Oktober 2006.

 

The Divine Changeling

 

Es gibt Leute, die sich über warmen Wein oder kalte Speisen ärgern. Neil Hannon dagegen bleibt auch ruhig, wenn er sein ganzes Equipment verliert oder mit der irischen Teufelsbrut höchstpersönlich in Verbindung gebracht wird.

 

Wie geht es dir, Neil Hannon?
Gut, danke der Nachfrage. Gerade bin ich ein wenig erschöpft, aber im Grunde geht es mir gut.

Das freut mich. Und ich kann mir vorstellen, dass das Leben auf Tour sehr ermüdend sein kann.
Ja, das ist es, aber es lohnt sich. Heute zum Beispiel erhole ich mich von Spanien, die Leute dort sind so freundlich und zuvorkommend.

neilhannon (1)
Das kriege ich immer wieder zu hören. Haben sich irgendwelche erwähnenswerten Dinge ereignet?

Nun, etwas Seltsames ist vorgefallen, ja: Unser ganzes Equipment befindet sich in einem Trailer, der am Tourbus festgemacht ist. Oder jedenfalls festgemacht sein sollte. (lacht)
Als wir von Köln nach Mannheim fuhren, haben wir plötzlich bemerkt, dass er rückwärts davonrast, geradewegs in eine Barriere hinein. Und jetzt haben wir einen Van. (lacht)

Oh je, habt ihr das Equipment noch retten können?

Einigermassen, ja.

Wenigstens das. Nun, in wenigen Stunden wirst du ja auf der Bühne stehen. Gibt es bei dir sowas wie eine Sache, die du routinemässig vor jedem Auftritt durchziehst?

Wie meinst du das?

Na ja, kennst du Ally McBeal?

Ja.

Weißt du, wer John Cage ist?

Ja. (lacht) Der kleine Seltsame, oder?

Genau. Und er hat doch diese Barry White-Sache, die er vor jedem wichtigen Gerichtstermin macht. Er tanzt doch immer zu „You’re The First, The Last, My Everything“ und das gibt ihm dann die nötige Kraft. Sowas in der Art habe ich gemeint. Hast du sowas?

Ich schätze, das fehlt mir noch. (lacht) Nein, ich bin generell überhaupt nicht abergläubisch und ausserdem sind jeder Gig, jede Location und jeder Ort wieder so anders, dass es mir wohl schwer fallen würde, immer dasselbe zu tun.


Wie ist es denn beim Publikum; gibt es Dinge, die deine Zuschauer immer wieder tun? Dinge, die dich irritieren oder sogar stören?

Das kommt ab und an vor, aber nur bei den Iren. (lacht)

Alles klar. (lacht)

Es ist wirklich so. Das irische Publikum – und auch das schottische – ist allgemein viel unruhiger, sie reden viel und zwar nicht nur während der Pausen.


Und umgekehrt: Tun sie manchmal Dinge, die dich wirklich und aufrichtig berühren?
Bist du beispielsweise gerührt, wenn die Leute mit Tränen in den Augen in der ersten Reihe stehen?

Ich versuche, nicht hinzusehen.

Ehrlich?

Ja. Ich meine, natürlich versuche ich, eine Art Reaktion heraufzubeschwören; aber ich möchte nicht, dass die Leute weinen.

Und wenn sie es doch tun?

Dann ist es schon okay.

Wie gütig von dir. (lacht)

(lacht) Aber am schönsten finde ich es schon, wenn sie lachen und glücklich sind.


Wo wir aber gerade dabei sind: Ich habe mich ein wenig in deinem Gästebuch und auf deiner myspace.com-Seite umgesehen, dort reihen sich „Love ya!“’s und „Love ur music“’s aneinander; berührt dich denn sowas?

Ich sehe mir sowas im Grunde gar nicht wirklich an, um ehrlich zu sein. Ich bin so schon eingebildet genug. (lacht) Meinem Ego geht es gut genug.
Nein, ernsthaft – es ist sehr, sehr lieb und ich finde das sehr nett.
Andererseits gibt es da auch noch das Forum auf meiner Webseite; dessen Inhalt regt mich von Zeit zu Zeit wirklich auf.

Wie das?

Oft kritisieren die Leute Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Ich schaue da wirklich selten rein, weil ich jedes Mal antworten und ihnen sagen möchte, dass sie das nicht verstehen und dass diese Dinge kompliziert sind. Darum…

…ignorierst du es einfach.

Genau. (lacht)


In Ordnung. Du hast dich bei „Victory For The Comic Muse“ von einer Aussage Albert Camus’ inspirieren lassen, die besagt, dass alles, was wir tun, bloss dazu dient, jenen Moment wiederaufleben zu lassen, in welchem sich unser Herz zum ersten Mal geöffnet hat.

Exakt.

Glaubst du wirklich, dass das stimmt?

Irgendwie schon, ja. Ich schätze, dass dieser erste Moment ziemlich entscheidend und halt auch ausschlaggebend dafür ist, wer du bist und wer du sein wirst.
Natürlich wollen wir gerne glauben, dass es tausende solcher Augenblicke gibt, aber ich vermute, dass dem nicht so ist.

Eine ziemlich radikale Ansicht, nicht?

Ja, auf jeden Fall. Aber momentan halte ich sie für wahr.


Mein Lieblingslied von dir ist  „Perfect Lovesong“ und deswegen würde ich gerne eine kleine Geschichte darüber erfahren, die die meisten nicht kennen. Ginge das?

Klar. Okay, lass mich kurz überlegen.
Nun, was die meisten nicht wissen, ist, dass ich die Melodie zu diesem Song schon ungefähr acht Jahre vor der Veröffentlichung hatte. Ich habe sie auf einer alten Demo-CD gefunden, die ich mit ca. 22 Jahren auf dem Dachboden meiner Eltern aufgenommen hatte.
Und – na ja, was soll ich sagen? – sie hat mich nicht mehr losgelassen, also habe ich einen neuen Text dazu geschrieben.
Dann war es aber so, dass Nigel – mein Produzent – allergisch auf allzu romantische und kitschige Lyrics reagiert, deswegen musste ich den Text noch einmal überarbeiten und „ent-kitschen“, aber ich schätze, dass es gut geworden ist.


Das ist es definitiv. Jetzt wüsste ich gerne von dir, was der typische Divine Comedy-Hörer tun sollte, während er sich diesen Song anhört.

Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es einen typischen Divine Comedy-Hörer gibt.

Dann stelle ich die Frage anders: Was sollte ich tun, während ich mir das Lied anhöre?

(lacht) Gut aus der Affäre gezogen. (überlegt) Ich würde sagen, du solltest einem Menschen, der dir sehr viel bedeutet, einen Brief schreiben.

Das lässt sich machen. Was würdest du selbst tun wollen?

Ich würde auf einen Baum oder auf einen Berg klettern und mir das Lied mit maximaler Lautstärke anhören.


Das klingt auch gar nicht so übel. Wir kommen langsam zum Ende, was ich jetzt noch gerne von dir wüsste, ist, welche drei nicht-musikalischen Dinge dich beim Musikmachen am meisten beeinflussen.

Gute Frage, darüber muss ich erstmal kurz nachdenken. (überlegt) Wer mich bestimmt sehr geprägt hat, ist mein Grossvater, der mir immer die fantastischsten Geschichten erzählt hat, als ich noch klein war. Er gehörte zu diesen Jagen-Schiessen-Fischen-Gentlemen, weißt du?
(lächelt) Und obwohl ich mit Jagen im Grunde nicht einverstanden bin, hat er meine Art, Geschichten zu erzählen, sehr beeinflusst.
Und dann gibt es da natürlich Stephen Fry. Ich bin mir nicht sicher, ob er auch hierzulande berühmt ist.

Doch, doch. Das ist doch der Comedian/Autor/Schauspieler und was immer er sonst noch gerade tut.

Genau, der ist es. Er ist unglaublich clever und wirklich cool. Er ist ein Genie. Ich möchte sein wie er. (lacht)

Natürlich. (lacht) Und die letzte Sache?

Wäre es sehr pathetisch, Marc Chagall zu nennen? (Beide lachen.) Ein bisschen schon, was?

Vielleicht ein bisschen. (lacht)


Dann hätte ich noch eine letzte Sache: Vorhin habe ich mit einer guten Freundin telefoniert, letzte Woche hat uns ein von Irland begeisterter Englischlehrer von den dort vorherrschenden Legenden und Sagen etc. erzählt. Du weißt schon, von den banshees und diesen ganzen Kreaturen.

Ach, in Ordnung. Alles klar. Cool.

Auf jeden Fall habe ich am Rande erwähnt, dass Du aus Irland stammst, woraufhin sie dann meinte: „Aus Irland und musikalisch begabt… Nadja, frag ihn ob er ein changeling ist!“ (Neil lacht)

Ob ich ein changeling bin? (lacht)

Ja. (lacht) Diese übernatürlichen Bälger, die von ihren Eltern gegen Menschenkinder ausgetauscht werden – woraufhin sie deren Haushalte dann ganz schön auf den Kopf stellen – und ausserdem unglaublich talentiert sind.

Ich weiss schon. (lacht noch immer) Ich kann deiner Freundin aber versichern, dass ich ganz bestimmt kein changeling bin, denn:
a) Meine Liebe, das sind nur Geschichten. Das ist nicht real! (lacht)

Das kann ich ihr doch nicht sagen. (lacht)

Und b) Alles, was ich tue – jede Geste, jeder Blick – erkenne ich in meinen Eltern und restlichen Verwandten wieder. Ich bin also definitiv nicht vertauscht worden. (lacht)
Das ist aber ein interessanter Gedanke, sowas hat mich noch nie jemand gefragt. Bestell deiner Freundin liebe Grüsse von mir.

Werde ich machen.


Somit sind wir auch schon beim Ende angelangt.

Ach so, die Sache mit den changelings war also der grosse Höhepunkt?

Ja, so in etwa. Ich dachte, es wäre gut, das am Schluss zur Sprache zu bringen, damit ich gleich hätte verschwinden können, falls dich das verärgert hätte. (lacht)

So schnell lasse ich mich nicht verärgern, keine Angst. (lächelt)

Prima. Und zum Dank dafür habe ich dir Schweizer Schokolade mitgebracht.

Wirklich? Wie lieb, danke!
Keine Ursache. Danke für das Gespräch und viel Spass heute Abend.


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Foto: Nadja El Kinani

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