Exit Music
Interview mit Neurosis
Interview mit Neurosis

Interview mit Neurosis

Erstellt am: 27.09.2008
Autor:
Erstellt am: 27.09.2008   Autor:

Interviews

Interviewtermin mit Neurosis am VNV Rock Altitude in Le Locle – ich war nervös. Ungefähr 15 Jahre ist es her, seit ich die Band das erste Mal gehört habe und obwohl ich ihr Schaffen nicht die ganze Zeit über verfolgt habe, halten sie einen besonderen Platz in der Reihe härterer Bands inne, um die man unmöglich einen Bogen machen kann.

Endlich war der Tag gekommen, an dem ich mich selbst von den viel gepriesenen Livequalitäten der seit 1985 aktiven Kaliforniern überzeugen konnte.

Ein Kamerateam kommt aus dem Backstage-Bereich, hinterher Steve von Till und Scott Kelly, die beiden Sänger/Gitarristen von Neurosis. Sie sehen etwas müde aus und begeben sich an die frische Luft. „One more…the last one“, sagt Scott zu Steve, den Blick auf die Holzkonstruktion des Pationoire von Le Locle gerichtet, wo sich im Innern gerade der Sänger der ersten Band des Abends beim Soundcheck warm grunzt. „Das wäre dann mit mir, dieses letzte Interview“ richte ich mich zurückhaltend an die beiden.  „Ah ok, so let’s do it“!



Hello Steve, hello Scott, wie geht es Euch, wie läuft die Tour?

Steve von Till (SvT): Danke, es geht uns gut. Die Shows sind gut gelaufen bisher, es waren ja nur einige wenige und wir sind schon fast am Ende.

Ihr wart seit vielen Jahren nicht mehr in der Schweiz, seid ihr euch dessen bewusst?
Scott Kelly (SK): Yeah, we know…(grinst, als hätte er sich dafür heute bereits 10 Mal entschuldigt) – Die Sache ist die, dass wir in den letzten Jahren unsere Touraktivitäten stark reduziert haben. Wir spielen bloss noch wenige aneinander gereihte Konzerte und einige Festivals. Wir können uns die Rosinen herauspicken.

Ihr schreibt sehr dichte und intensive Musik, die nicht nach klassischen Songstrukturen gegliedert ist und eure Songs sind öfters auch ziemlich lang. Wie funktioniert bei Neurosis das Songwriting?
SvT: Wir haben nicht in dem Sinne einen Songwriter, die Songs schreiben sich quasi selbst…
SK: Wir versuchen im Prinzip die Musik nicht zu schreiben, sondern lassen aus einer tiefen inneren Ruhe die Musik entstehen. Die Musik ist da, wir sind von ihr umgeben. Wir  versuchen unseren eigenen Willen völlig auszuschalten, wie in einem Zustand tiefer Meditation – wir sind wie Gefässe, die Musik fliesst durch uns und unsere Instrumente und wird dadurch hörbar und wir werden Teil des Klangs.

So sind immer alle von Neurosis am Entstehen neuer Musik beteiligt? Trefft ihr Euch regelmässig oder gezielt vor Aufnahmen?
SvT: Oh, das ist unterschiedlich, manchmal schicken wir auch Ideen hin und her, um beispielsweise etwas auszuprobieren…auf jeden Fall benötigt Neurosis immer viel Zeit und totale Hingabe zur Musik von uns allen. Wenn wir uns treffen, beginnen wir aber von Null, es gibt nichts Vorgefertigtes, es kann alles passieren.

Wie wichtig ist für Euch die Technik, ihr klingt sehr unverwechselbar, verwendet viele Effekte, Keyboards?

SK: Für mich ist das nicht so im Vordergrund, ich bin nicht so stark an diesen Sachen interessiert, das sind eher Steve und Noah(Landis, Keyboarder)
SvT: Yeah, Ich liebe es. Ich habe schon eine Menge Amps und Equipment gespielt und experimentiere gerne mit Sounds. Dies geschieht aber meistens ausserhalb der Band, ist eine Art privates Hobby, das dann auch in Projekte wie meine Soloalben einfliesst und natürlich dann auch wieder Rückwirkung auf Neurosis hat – im Grunde ist alles was wir tun immer an Neurosis geknüpft und zu Gunsten von Neurosis…
SK: Mir helfen die Sounds von Steve und Noah, Vorstellungen zu entwickeln, sie tragen dazu bei, die Stimmung zu erfassen, wir benutzen aber die Technik nicht, um noch an der Musik zu feilen – das gilt auch für Aufnahmen, nie könnten wir uns vorstellen, für Wochen ins Studio zu gehen und dort noch lange an den Songs herumzubasteln.

Der kreative Prozess ist also vor dem Gang ins Studio abgeschlossen?

SvT: Ja, definitiv. Die Songs sind fertig, wenn wir ins Studio gehen und werden nur noch eingespielt.
SK: Deshalb arbeiten wir auch mit jemandem wie Steve Albini (der die letzten 3 Alben produziert hat), mit jemandem der eine Ahnung hat, wie man Amps mikrofoniert und seine Technik beherrscht. Wir gehen immer sehr gut vorbereitet ins Studio und wissen was wir wollen, dann spielen wir die Songs rasch und am liebsten auf analogem Weg ein.

Spielt Ihr Eure Songs komplett live ein?

Ja, wir spielen alle zusammen und in der Regel gibt es da auch nicht mehr viel nachzubessern.

Die Antwort überrascht mich eigentlich nicht, sie ist im Prinzip eine logische Konsequenz daraus, wie ihr die Musik von Neurosis versteht. Ist Euch der analoge Signalweg wichtig?
SK: Ich glaube für Rockmusik ist es von Vorteil, wir haben beide auch schon anders gearbeitet, bei Neurosis wollen wir aber so lange es geht auf diese Weise arbeiten.

Ihr habt beide kürzlich Soloalben veröffentlicht, die ich für sehr gelungen halte. Was ihr über die Verwendung von Effekten etc. vorher gesagt habt, widerspiegelt sich darin irgendwie – Dein Album („The Wake“ von Scott Kelly) ist eine Art „Reduce To The Max“, nur eine akustische Gitarre und deine Stimme, während Steve von Till mit vielfältigeren Sounds und Gastmusikern gearbeitet hat, die wie ich finde, alle auch hervorragende Arbeit geleistet haben.
Waren diese Alben schon lange geplant, wie ist es dazu gekommen?

SvT: Ich hatte inzwischen eine Menge Songs neben Neurosis geschrieben, obwohl natürlich irgendwie der Geist von Neurosis in allem was wir tun mitschwingt. Ich traf also eine Auswahl und habe die Gelegenheit genutzt, diese aufzunehmen.
SK: Bei mir war es anders, die Songs sind alle spontan entstanden. Während zwei Wochen schrieb ich mehr oder weniger pro Tag einen Song. Daraus ist dann eben „The Wake“ geworden.

Zum Schluss möchte ich noch auf die Live-Situation zu sprechen kommen. Ihr habt schon sehr früh damit angefangen, mit Licht und Visuals euren Sound zu untermalen, Josh Graham kümmert sich seit nun acht Jahren um diese Belange und wird auch als Bandmitglied aufgeführt. Welchen Stellenwert haben die Visuals für euch?
SK: Früher waren Neurosis viel mehr unterwegs auf Tour, da war es oft schwierig, jeder Club ist anders und eine Unmenge Bands kommen da vorbei auf ihren Tourneen. Die Visuals sind ein Teil der ursprünglichen Vision, es brauchte aber Zeit, herauszufinden, wie es umsetzbar war. Wir wollen am Konzert diese Orte so vollständig wie möglich in Beschlag nehmen und Teil unserer Vision werden lassen, für die begrenzte Zeit, die wir spielen und dann weg.
SvT: Josh Graham, der uns schon lange begleitet und sehr gut versteht, hatte mit seiner Art wie er arbeitet, seinen konzeptionellen Ideen und seinen technischen Fertigkeit auch einen grossen Einfluss darauf.

Was ist ein perfektes Neurosis-Konzert, was ist es für euch als Musiker, was für die Fans, was wollt ihr erreichen?
SK: (stöhnt) Aargh – das gab es noch nie. Nie.
SvT: Nun ich denke, für die Zuschauer können wir nicht viel machen, das liegt an jedem Einzelnen, wie er sich auf die Musik einlassen kann und will. Wir wollen uns als Personen ausblenden, wollen verschwinden in der  Musik und nichts anderes reinlassen, aber es gibt immer Faktoren, die dieses Ziel stören, Leute die uns mit Sachen bewerfen, Blitzlichter (verzieht das Gesicht, als hätte es ihn soeben geblendet)…
SK: Ich versuche immer, keine Gedanken zu haben. Sobald ich auf der Bühne einen klaren Gedanken fasse, läuft etwas falsch…aber es gibt wohl immer etwas, was diesen Fluss stört.
Wir hatten noch nie eine perfekte Show, ich glaube, als Künstler bist du nie ganz zufrieden. Wenn du es wärst, wärst du vielleicht kein Künstler sondern etwas anderes, ein Performer oder ich weiss auch nicht.

Wie geht es weiter mit Neurosis?
SvT: Ich denke, nach diesen Konzerten werden wir wohl nicht mehr live auftreten, kann gut sein dass Roadburn (Festival Ende April 2009 in Tilburg, Holland) unser nächstes Konzert wird.
In der letzten Zeit haben wir alle gespürt, dass neue Musik um uns herum ist, es wird Zeit, um an neuen Songs zu arbeiten.

Ok – das wär’s. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit, ich freue mich auf die Show.

Der Auftritt von Neurosis war von einer vernichtenden Intensität. Glasklarer Sound, eine Songauswahl die vor allem auf dem letztjährigen Meisterwerk „Given To The Rising“ basierte und fantastische Visuals von Josh Graham. Das Bild, das Scott Kelly, Steve von Till, Noah Landis, Dave Edwardson und Jason Roeder auf der Bühne boten, war das einer Band, die genau weiss, was sie tut und wie sie es tut. Alle waren komplett auf die Musik fokussiert. Keine Ansage. Keine Zugabe. Ein sechzigminütiges Feuerwerk und dann weg. Gesagt, getan. Mir hat es für eine ganze Weile die Sprache verschlagen.

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb