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Interview mit Malediva

Interview mit Malediva

Erstellt am: 08.11.2006
Autor:
Erstellt am: 08.11.2006   Autor:

Interviews

Interview mit Lo Malinke von Malediva im Miller’s in Zürich am 28. Oktober 2006.

Lo And The City

Nach zwei Stunden köstlicher und bissiger Unterhaltung treffe ich einen ungeschminkten und unkomplizierten Lo Malinke, der sich spontan die Zeit für ein kleines Schwätzchen nimmt.

In Ordnung, lass uns gleich richtig anfangen. Was würdest du als das Schwierigste an deinem Beruf bezeichnen?
Ich glaube, es sind die Begleitumstände, die für uns so schwierig sind. Nie zu Hause zu sein; ganz, ganz wenig Zeit mit Freunden und zwei Drittel des Jahres in einer Situation zu verbringen, die eben alles Andere als normal ist.lomalinke_malediva

Wie lange macht ihr das jetzt schon?

Zehn Jahre lang.
Mein Gott. Wenn man jetzt rechnen könnte…
Ja. (lacht) Viele Orte.
Es macht ja aber auch Spass, oder?
Ja, natürlich. Jeder neue Ort bedeutet ein neues Publikum und viele neue aufregende Sachen; das Programm verändert sich ja auch ständig, was halt auch ganz, ganz wichtig ist – wir spielen das ja in der Regel ungefähr 2.5 Jahre lang. Wenn das immer gleich bliebe, würden wir ausrasten, glaube ich.
Ja, das haben wir vorhin auch besprochen. Wir waren also die, die immer so laut geredet haben in der hintersten Reihe. (lacht)
Ach, das warst du. (lacht)
Quatsch.
Also zusammenfassend wäre das wohl wirklich das Schwierigste. Wobei wir natürlich das grosse Glück haben, dass wir nicht bloss Arbeitskollegen sind, sondern uns halt auch wirklich lieben.
Schön gesagt.

Nervt es, wenn – bei einem netten Abend, an dem man mit Freunden kocht und  sich dann noch einen britischen Film anschaut – immer erwartet wird, dass man lustig ist? So im Sinne von: „Ja, klar, laden wir die ein. Die sind immer so gutgelaunt.“ Bis ihr dann irgendwann mal denkt: „Nein. Heute Abend nicht. Heute keine Spässe.“ Kommt das vor?
Also bei den Meisten ist es so, dass die uns einfach zu lang kennen. Die wissen, dass wir auch mal einen ganzen Abend lang gar nichts sagen, was aber zugegebenermassen sehr selten vorkommt. (lacht) Und dann gibt es die Anderen, die uns neu kennenlernen und auch da gibt es – Gott sei Dank – keine Erwartungshaltung, das fände ich wohl ziemlich anstrengend. Aber das ist nie so gewesen. Glück gehabt.

Sieht so aus. Und jetzt mal ehrlich: Würdet ihr euch als Diven bezeichnen?

Ganz im Gegenteil, meine Liebe, ganz im Gegenteil. Also das ist schon eine Bühnenposition, die wir uns immer wieder hart anschminken müssen.
Ja, ich habe auch selten Jungs interviewt, deren Augen Make-Up raffinierter ist als meines. (beide lachen)
(lacht) Hat mich auch viel gekostet, das zu lernen. Das war wirklich so à la „Malen nach Zahlen“ am Anfang. Nein, also allgemein würde ich uns als extrem unkompliziert bezeichnen; das sind meiner Erfahrung nach fast alle Künstler, die viel reisen. Man gewöhnt sich alle Zickigkeiten ab.
Ja, man wird langsam genügsam, nicht?
Genau. Irgendwann denkt man einfach: Okay, wenn alle Basics erfüllt sind, bin ich überall zufrieden.
Fliessendes Wasser und so?
Genau. Saubere Handtücher und dann ist man bereits sehr, sehr glücklich. Und dann ist es auch so, dass wir eine sehr, sehr gute Agentur haben.
Oh ja, das habe ich gemerkt. Ganz süss.
Die sind goldig, wirklich. Was ein sehr grosser Glücksfall für uns ist; ich meine, es kommt praktisch nie vor, dass wir blöde Hotels haben oder doofe Auftritte. Es ist ein gutes Ruhekissen, zu wissen, dass ja jemand ist, der sich um den ganzen Krempel kümmert.

Was siehst du dir so an, wenn du die Zeit dazu hast?
Wir machen das meistens so, dass – wenn uns jemand sagt, etwas sei ganz, ganz toll – wir uns die DVDs besorgen und uns dann einfach mal ein Wochenende Zeit nehmen dafür. Bei Sex And The City haben wir das beispielsweise so gemacht.
Super, das liebe ich ja auch. Wer würdest du sein?
Also Tetta wäre auf jeden Fall Samantha; einfach schon vom Männerverschleiss und vom Trinken her. (lacht) Und ich schätze, ich wäre Miranda.
Die coole und zynische Miranda.
Ja, ich glaube, ich bin auch eher der Typ, der zu Hause bleibt und seine Wohnung einrichtet…
…und chinesisches Essen bestellt.
Genau, chinesisches Essen nicht zu vergessen. Der, der das alles von der Ferne beobachtet und bewundert und ganz spannend findet, was die ganzen durchgeknallten Hühner machen, aber nicht mitmacht. Das ist schon so meine Art.

Und was macht ihr kurz bevor ihr auf die Bühne geht?

Wir haben so eine Stunde für uns – gegen sieben beginnt das jeweils – wo wir dann damit anfangen, uns zu schminken. Und das ist unsere Stunde, die ist dann ganz ruhig. Florian sitzt drüben und wir quasseln viel, aber wir hören dabei keine Musik oder so. In dieser Stunde schminken wir uns unsere Figuren auf und das muss dann mit Ruhe und viel Spass passieren. Aber ich weiss, dass andere Gruppen so komische Rituale haben und sich an den Händen fassen…
…und Blut trinken…
…genau, und Hühner schlachten. (lacht) Das hat’s bei uns nie gegeben.

In Ordnung. Ich habe gesehen, dass ihr sogar an Weihnachten auftreten werdet. Das ist ja ganz schön hart.

Wir sind alle drei keine Feiertagsmenschen, das hat für uns keine Bedeutung. Wir haben sowieso immer an Terminen frei, an denen niemand sonst frei hat.
Von Montag bis Mittwoch haben wir beispielsweise meist frei, wo sich dann immer alle durch den Anfang der Woche quälen, das ist schon Urlaub für uns.

Ich bin ja gerade mit meiner Mama hier und mit einem Freund und seiner Mama. Euer Publikum ist also sehr breit gefächert. Nehmt ihr das auch so wahr?
Ja, definitiv.
Immer nette Menschen?
Nein, das sind nicht immer nette Menschen. (lacht) Die sind natürlich auch nicht immer gleich. Es gibt durchaus auch Abende, da sitzen 250 Leute im Saal und du denkst: „Ja, das ist ja eine schöne runde Zahl, da wird es von alleine laufen.“
Und dann gibt es Leute, die so konsterniert sind – die lassen sich durch das Zusammenspiel von Text und Musik schon so rausbringen.
Ausserdem sind es dann ja auch noch zwei schwule Jungs, die selbstverständlich eine Beziehung haben; auch das ist schwer zu verstehen. Darüber hinaus geschieht der Wechsel zwischen höchster Ironie und anrührenden Balladen ja meist fliegend, das bringt die Leute dann auch aus dem Konzept. Aber meist haben wir schon ein ganz tolles Publikum.

Schön, das freut mich. Nun, du hast sie eben angesprochen; die anrührenden Balladen. Ich freue mich ja immer wieder über Gesellschaftskritik, aber was ich wirklich liebe, das sind eure Liebeslieder. Von Liebe, Abschied, Tränen und dem ganzen Gefühlswirrwarr scheint ihr verflucht viel Ahnung zu haben. Wie kommt das?
Danke erstmal. (lacht) Ich denke, das kommt daher, dass unsere Beziehung nicht immer geradeaus verlaufen ist. Mittlerweile sind wir seit 16 Jahren zusammen und anfangs haben wir uns alle sieben Jahre getrennt. Und das war dann keine harmlose „Du schläfst jetzt mal zwei Wochen drüben“-Sache; wir haben dann wirklich die Wohnung gekündigt, mit dem Arbeiten aufgehört und sind auseinandergezogen – Tetta hat im Westen der Stadt gewohnt und ich im Osten. Ausserdem haben wir unsere Freunde durch zwei geteilt, das war ganz anstrengend.
Beim ersten Mal hat es fast ein halbes Jahr gedauert, bis wir wieder zusammengefunden haben und deshalb waren diese Gefühle immer sehr dramatisch. Ich schätze, dass wir davon immer noch zehren.
Darüber hinaus ist es so, dass, was bei Anderen immer unausgesprochen bleibt, bei uns nicht lange ungesagt bleibt. Es gibt ja immer wieder Phasen in einer Beziehung, während welchen man mehr am Anderen hängt und dann wieder solche, wo das ein wenig abnimmt. Und man fragt sich halt immer, ob das wieder zusammengeht oder ob man sich verliert. Diese Angst, die viele Leute nur untergründig spüren…
…die thematisiert ihr.
Genau.

Und trotzdem muss ich sagen, dass ihr für mich sowas wie das perfekte Paar seid, ganz ehrlich. Darf ich dich indiskreterweise fragen, was du als das Geheimnis einer Beziehung bezeichnen würdest?
Ja, klar. (überlegt)
Muss auch nichts Ernstes sein.
(lacht) Wird es aber wahrscheinlich. Sowas ist mir dann doch immer zu wichtig, um Witze darüber zu reissen. Nun, ich glaube, das Geheimnis unserer Beziehung ist es, dass wir von Anfang an gesagt haben: Das ist für den Rest des Lebens.
Natürlich gibt es immer wieder Momente oder Wochen oder Monate, wo man denkt: „Oh Gott, wie habe ich mich nur so irren können?“. Aber darunter schimmert immer das Gefühl durch, dass der Andere eben doch der Richtige ist. Und dass sich daran auch nichts ändern wird.
Und dann hat es auch immer einen von uns gegeben, der im richtigen Moment – in dem Moment, als man die Leinen fast gelöst hatte – gesagt hat: „Okay, ich gehe jetzt noch einmal dahin und sage Entschuldigung.“. Die Einsicht, den Stolz runterzuschlucken und zu sagen: „Komm, es tut mir Leid. Lass uns noch einmal reden.“, die hat uns immer wieder gerettet.
Wow. Sehr schön.
Ja, Gott sei Dank. Ich bin auch froh. (lacht)
Das glaube ich dir.

Also, meine Freundin – sie ist gerade in Schottland, sonst wäre sie jetzt bestimmt mit mir hier – die nenne ich bloss noch Schmoisn. Der Horst meinte, das sei ein Kunstwort.
Ist es auch.
Achso, wirklich? Hat er also nicht gelogen? (lacht) Nein, ernsthaft, wie seid ihr denn darauf gekommen? Auf das ganze Lied und insbesondere auf den Begriff Schmoisn.
Das war recht kompliziert damals; die Melodie wurde uns von Florian irgendwann vorgestellt und keinem fiel etwas dazu ein. Aber es war eine bezaubernde Melodie, also haben wir immer weiter überlegt, bis ich schliesslich fand, dass es doch im Grunde gar keinen Text braucht. Und wie es dann schlussendlich geworden ist; ich schätze, das hat damit zu tun, dass wir zu der Zeit eine russisch-jüdische Sängerin gehört haben.
Oh, so in Richtung Klezmer?
Wir hatten auch zwei Klezmer-CDs gehabt, ja, und sehr viel jiddischen Text. Schmoisn ist so eine Mischung zwischen Skandinavisch und Jiddisch. Und es hat für uns auch immer etwas mit Schmusen zu tun. (lacht)
Natürlich. (lacht)
Ja, natürlich.

Dann wohnt ihr ja in Berlin.
Exakt.
Sag mir doch mal, wo in Berlin man jemandem einen Heiratsantrag machen könnte.
Gute Frage. Dann würde ich mit dem Motorschiff…
…das fängt ja schon mal gut an. (lacht)
Ja. (lacht) Dann würde ich mit dem Motorschiff über den Wannsee Richtung Potsdam fahren.
Ist das in der Nähe der Pfaueninsel?
Du fährst daran vorbei, genau. Das ist ganz, ganz toll. Man ist aus Berlin irgendwie raus, aber auch nicht zu sehr. Das fand ich immer hochromantisch. Und mitten in Berlin sind auch die Friedhöfe wunderschön. Der dorotheenstädtische Friedhof ist z.B. unglaublich schön; da gehen auch Familien und kleine Kinder im Sommer picknicken.
Wie makaber. „Pass auf, dass dir dein Brot nicht aufs Grab fällt, Liebling.“. (Beide lachen)

(Ein Angestellter kommt vorbei und erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei.)
Ja, alles super.
Ja, nein. (lacht)
Nein, ich bin in Not. Hilfe. (lacht)
Ich bin ja auch so angsteinflössend.
(lacht) Sie sind immer sehr besorgt um uns.
Ist ja auch gut so. Nun, lieber Lo, meine Fragen sind gestellt, ich danke dir vielmals fürs spontane Zusagen.
Kein Problem, habe ich gerne gemacht.
Schmoisn meinte ja, ich solle euch ein Schminkset mitbringen, aber ich habe mich dann doch für Schokolade entschieden. Dafür ist sie pink eingepackt. (lacht)
Oh, wie nett. Vielen Dank.

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Foto: Nadja El Kinani

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