Exit Music
Interview mit Infadels
Interview mit Infadels

Interview mit Infadels

Erstellt am: 05.06.2006
Autor:
Erstellt am: 05.06.2006   Autor:

Interviews

Interview mit den Londoner Blokes Matt Gooderson und Richie Vermin der Infadels am 24. April in der Longstreet Bar, Zürich.

London Calling

Zwischen rotem Plüsch und trübem Licht klären mich die waschechten Hackney Lads über Jack Kerouac, geheime Gärten und die Tatsache, dass sie so oft in Rotlichtvierteln auftreten, auf.

So, ihr Beiden, wie war die Tour bis jetzt?
Matt: Lang. Sie war verflucht lang.
Richie: So ist es. Es kommt uns vor, als wären wir überall gewesen. Dies ist ja jetzt die letzte Woche. Aber es war echt toll.
Matt: Allerdings, ja. Wir haben es sehr genossen und werden die ganze Sache nächste Woche in L.A. feiern.
Cool, ich wünsche euch jetzt schon viel Spass dabei.
Und wie sieht’s mit dem heutigen Auftritt aus, freut ihr euch darauf?
Richie:
Klar, es wird sicherlich eine gute Show.
Matt: Ja, das Lokal sieht sehr interessant aus. (lacht)
Nun, die ganze Strasse ist ziemlich interessant. (lacht)
Richie:
Das ist mir auch aufgefallen. Das ist der Rotlichtbezirk, oder?
Definitiv, ja.

 

Habt ihr euch das so gewünscht oder verdankt ihr dieses Lokal dem Zufall?
Matt:
Tatsächlich spielen wir sehr häufig in Rotlichtvierteln.
Richie: Stimmt. (lacht) Nicht, dass wir uns das wünschen würden, es ergibt sich einfach.
Matt: Wenn ich so darüber nachdenke, sind die Bars, in denen wir auftreten, wirklich immer sehr interessant platziert.
Wie erklärst du dir das?
Matt:
Nun, es ist bestimmt einfacher, in einem solchen Viertel für einen Auftritt gebucht zu werden.
Und mögt ihr es?
Matt:
Ich – für meinen Teil – denke nicht allzu oft darüber nach, wo genau wir denn spielen. Das befindet sich ausserhalb unserer Kontrolle und deswegen mache ich mir auch keine Gedanken darüber.
Richie: Und auf diese Art und Weise wird es auch nie langweilig. Du kannst dir nicht vorstellen, was wir tagtäglich zu sehen kriegen. (lacht)

 

Ehrlich? Mögt ihr mir etwas davon erzählen?
Matt:
Ich sage dir, was merkwürdig war: Das Rotlichtviertel in Hamburg.
Oh, St. Pauli.
Matt:
Genau, St. Pauli. Die Prostituierten stehen dort nach Alter geordnet, ist das nicht absurd? Mit der jüngsten fängt es an und dann geht’s aufwärts.
Richie: Das Ganze beginnt bei der Bushaltestelle und hört beim Burger King auf.
Matt: Und wenn wir in ein paar Jahren wieder hingehen, werden wir sehen, wie die Reihe sich verändert hat.
Richie: Genau, dort müssen wir auf jeden Fall wieder hin, um das zu beobachten. Das war wirklich interessant. (lacht sehr nett, wie fast während des ganzen Gesprächs)

 

In Ordnung. Und wie war euer Flug?
Matt:
Wir sind hierher gefahren.
Oh, dann konnte diese Liste auf eurer Homepage bezüglich der besten und schlimmsten Flüge also nicht aktualisiert werden. Wessen Liste war das denn nochmals? Ist das deine, Matt?
Matt:
Nein; Wag, unser Bassist, bewertet alle Flüge. Während der letzten Tage sind wir jedoch praktisch nur gefahren. Wir werden aber nach L.A. fliegen, die Liste wird also sicherlich bald aktualisiert.
Richie: Definitiv. Schau sie dir mal wieder an.
Das werde ich tun. Nun, welche Seiten auf der Website habt ihr denn gestaltet? (An Richie gewandt) Bist du der mit den Hunden? [Sehr sehenswert: www.infadels.co.uk]
Richie:
Du weißt von den Hunden? (lacht)
Natürlich. Ich liebe die Hunde! (Richie lacht)
Richie:
Ich sage dir jetzt etwas, das noch niemand weiss: Ich arbeite gerade an einer neuen Hundeseite. Die jetzige auf der Homepage ist bloss der Prototyp; die neue wird viel, viel besser.
Dann darf man ja gespannt sein. Nun, trotzdem erst mal: Was hat es überhaupt mit den Hunden auf sich?
Richie:
Als wir durch Deutschland gefahren sind, haben wir plötzlich diesen Hund gesehen, der am Steuer von einem kleinen Bus sass. Ich meine, offensichtlich sass der Hund auf dem Schoss des Fahrers, aber es hat lustig und echt ausgesehen.
Matt: Verdammt lustig sogar. Halb Mensch, halb Hund.
Richie: Darüber hinaus haben wir sehr, sehr viel Zeit. (lacht)
Ich sehe schon, ja. (lacht)

 

Also, ich möchte ehrlich zu euch sein: Ich habe eure CD nicht gekriegt, deswegen habe ich mir eure Musik nicht anhören können. Ich kenne bloss einen Song – den finde ich aber sehr cool – und das tut mir Leid.
Matt & Richie:
Wie ehrlich, wow. Das ist doch kein Problem, mach dir keine Sorgen.
Nun, ich musste also etwas kreativ sein, was die Fragen anbelangt.
Matt & Richie:
Super, wir mögen das.

 

In Ordnung. Gustav Mahler hat gesagt, dass, wenn ein Musiker in Worten ausdrücken könnte, was er sagen will, er dann nicht versuchen würde, es mithilfe der Musik zu sagen. Was denkt ihr darüber?
Matt:
Damit bin ich sehr einverstanden. Seit Dezember führe ich ein Tourtagebuch.
Das ist online, oder? Sehr amüsant geschrieben.
Matt:
Ja, genau. Danke, ich gebe mir grosse Mühe. Dennoch schaffe ich es nie, jene Dinge niederzuschreiben, die mir auf dem Herzen liegen oder die ich mitteilen möchte. Schliesslich endet es damit, dass ich mich in einem Haufen Nichtigkeiten verliere. Also gebe ich Gustav Mahler Recht. Musik gibt dir die Chance, Dinge auszudrücken, ohne sie sagen zu müssen.
Gut gesagt.

 

Ich habe gesehen, dass ihr einen Auftritt beim Secret Garden Festival habt. Ich habe früher schon einmal etwas darüber gelesen und finde, dass es nach einer ganz tollen Sache klingt. Was könnt ihr mir darüber erzählen?
Richie:
Nun, ich weiss nicht, es ist…
ein Geheimnis?
Richie:
Genau. (lacht)
Matt: Es ist ein ganz, ganz kleines Festival in England. Du wirst vielleicht wissen, dass die Festivals in England gemeiniglich schrecklich gross und unpersönlich sind, deswegen bin ich ein grosser Fan der Idee, welche hinter dem Secret Garden Festival steht. Es ist so klein und übersichtlich; beispielsweise gibt es dort Baumhäuser für die DJs.
Warst du schon einmal als Zuschauer dort?
Matt:
Leider nicht. Eigentlich wollte ich letztes Jahr hin, kurzfristig hat es dann aber doch nicht geklappt. Dieses Jahr haben sie uns angefragt, was ich sehr nett finde, und wir haben natürlich zugesagt. Es geht dort bloss um nette Musik für nette Leute, weißt du? Dieses Jahr wird es in Cambridge stattfinden, mehr wissen wir auch noch nicht. Aber ich freue mich sehr darauf.
Es klingt wirklich zauberhaft. Und ich freue mich schon darauf, alles in deinem Tagebuch nachlesen zu können.
Matt:
Echt? Das freut mich, insbesondere, weil ich dachte, dass es sowieso niemand liest. Weißt du was? Ich werde dich in diesem Eintrag grüssen.
Wie toll. Dankeschön.

 

Gibt es eine Frage, auf die ihr die perfekte Antwort hättet und von der ihr euch immer erhofft, dass sie euch gestellt wird?
Richie:
Das ist eine sehr gute Frage. Vielleicht diese hier.
Matt: Ich glaube eher, dass wir zu gar nichts eine perfekte Antwort auf Lager haben. (lacht)
Ich wette, schon.
Matt:
Spontan fallen mir bloss viele Fragen ein, die ich anderen Leuten gerne stellen möchte.
Beispielsweise?
Matt: Ich würde gerne wissen, weshalb alle finden, dass wir wie eine Band aus den Achtzigern klingen.
Da kann ich leider nicht wirklich mitreden, tut mir Leid.
Richie:
Die perfekte Frage für uns gibt es aber tatsächlich nicht, schätze ich.

 

Kein Problem. Dann wüsste ich jetzt gerne eure Meinung bezüglich eines Zitats von Samuel Johnson. Er meinte, dass das Besuchen von London ihm so viel vom Leben gezeigt hat, wie die Welt überhaupt zeigen kann. Hat er Recht?
Matt:
London zeigt tatsächlich sehr viel vom Leben, da stimme ich zu. Ich würde jedoch nicht behaupten, dass es jeden Bereich abdeckt, weißt du? Fast alles, aber nicht ganz alles, schätze ich. Aber auf jeden Fall hat es uns zu den exzentrischen, seltsamen Typen gemacht, die wir sind. Das Einzige, was es uns nicht beigebracht hat, ist abzuschalten und uns zu entspannen. London ist eben nicht Madrid; London würde sich nie nachmittags schlafen legen.
Richie: So ist es. Das Leben in London ist ultrahektisch. Es ist sogar auf eine fast lächerliche Art und Weise hektisch, könnte man sagen.

 

Und wie würdet ihr euer Verhalten auf der Bühne beschreiben? Worauf muss man sich einstellen, wenn man einen eurer Auftritte besucht?
Matt:
Wir sind die einzige Band, die ich kenne, die wirklich wild ist auf der Bühne.
Normalerweise ist es ja das Publikum, das tanzt und um sich schlägt, aber bei unseren Shows ist es anders herum.
Richie: So ist es. Ich weiss zwar nicht, wie es heute Abend wird, aber ich schätze, es wird unvergesslich. Es gibt hier ja viele Dinge, wo man draufsteigen und runterspringen kann. (lacht)

 

Nun, hat sich diese wilde Seite an euch im Laufe der Jahre eures Musikerdaseins entwickelt?
Matt:
Sprichst du auf Drogen an?
Eigentlich nicht, du Paranoider. (lacht) Wir können uns aber schon über Drogen unterhalten, wenn dir das lieber ist. (Matt und Richie lachen)
Richie:
Nun, sagen wir mal so, wir bekommen sehr, sehr viel Freibier.
Matt: Ich hatte neulich eine Alkoholvergiftung, so viel kriegen wir davon.
Und du armes Ding kannst dich ja nicht wehren, stimmt’s? (lacht)
Matt:
Genau. (lacht)
Richie: Wir haben bis jetzt aber keine Drogen erhalten.
Die Chancen stehen aber gut, dass sich dies heute Abend ändert, schätze ich. (lacht)
Richie:
Sieht so aus, ja. Wir befinden uns auf jeden Fall in der richtigen Nachbarschaft dafür. (lacht) Ich denke aber nicht, dass das mit dem Musikersein zusammenhängt.
Matt: Stimmt. Drogen passen zu Prominenten, zu normalen Menschen, zu glücklichen Leuten, zu traurigen Personen – es hat nichts mit der Berufswahl zu tun, glaube ich.
Richie: Ein Bekannter von mir führt ein ganz spiessiges, geordnetes Leben: Traumjob, Traumhaus, Traumfrau und so weiter, weißt Du? Und Kokain gehört bei ihm einfach dazu. So geht das im Leben.

 

Da habt ihr Recht. Hey, wäre es sehr pathetisch, euch nach euren Lieblingsdingen zu fragen?
Matt:
Lieblingsessen und so? Wie in diesen Büchern aus der Grundschule, die man seinen Freunden zum Ausfüllen gegeben hat? Cool, leg los!

 

In Ordnung. Eure Lieblingswörter?
Richie (aus der Pistole geschossen): Flanell. Das ist ein richtig tolles Wort. Flanell. Es zergeht so schön auf der Zunge. Flanell.
Matt: Meines ist Phantasmagoria.
Wie cool. Hast du gehört, dass Marilyn Manson das Gedicht verfilmen will?
Matt:
Im Ernst? Tragisch.

 

Eure Lieblingssongs?
Matt:
Ich fühle mich so hirntot gerade. Mir fällt beim besten Willen nichts ein.
Richie: Meiner ist “Higher Than The Sun” von Primal Scream. Das habe ich mir früher immer angehört, nachdem ich ein paar Pillen geschluckt habe. So ein richtig psychedelisch angehauchtes Lied.
Matt: Ich nehme „Subterranean Homesick Blues“ von Bob Dylan.

 

Wie siehts mit den Filmen aus?
Matt: Ganz klar „After Hours“ von Martin Scorcese. Niemand hat den Film je gesehen, aber das ist wirklich ein Meisterwerk.
Richie: Mein Favorit ist „Pi“ von Darren Aronofsky.
Sehr anspruchsvoll, wie vorbildlich.

 

Wie ist das bei den Büchern? Welche sind eure Lieblinge?
Richie: Keine Ahnung.
Matt: Das ist, weil du noch nie ein verfluchtes Buch in der Hand hattest. (lacht)
Richie: Doch! Das Guinness Buch der Rekorde! (lacht)
Matt: Lassen wir das. (lacht) Meines ist „On The Road“ von Jack Kerouac.
Ehrlich? Ich liebe dieses Buch.
Matt:
Ich auch, es ist einfach phantastisch.

 

Letzte Frage: Nennt ihr mir eure Lieblingszitate?
Matt:
Natürlich. Was ich sehr toll finde, von Captain Beefheart: „Further. Where exactly is further? And who, if anyone, is still trying to get out there?“
Richie: Oh ja, das ist cool. Meines würde definitiv von einem betrunkenen Rockstar stammen, aber gerade fällt mir nichts ein. Tut mir Leid, ich bin gerade wirklich geschafft von der Tour.
Kein Problem.

 

Vielleicht hilft euch das: Ich habe euch Schweizer Schokolade mitgebracht. Weil ihr so nett seid und weil es mir wirklich Leid tut, dass ich mich eurer Musik nicht widmen konnte.
Matt & Richie:
Wow, danke! Das ist ja eine Überraschung, normalerweise kriegen wir keine Geschenke. Und es macht doch nichts, dass du keine Gelegenheit dazu hattest.
Richie: Tut mir wirklich Leid, dass wir so müde sind. Aber vielleicht ergibt sich ja mal wieder eine Gelegenheit, wer weiss.
Das würde mich sehr freuen. Herzlichen Dank für das Gespräch und macht’s gut.

 

 

{mos_sb_discuss:11}