Exit Music
Interview mit Dresden Dolls
Interview mit Dresden Dolls

Interview mit Dresden Dolls

Erstellt am: 21.06.2006
Autor:
Erstellt am: 21.06.2006   Autor:

Interviews

Interview mit der unvergleichlichen Amanda Palmer von den Dresden Dolls am 28. Mai 2006 im Abart, Zürich.

Rock Love

Mit Amanda über Musik zu sprechen, das wäre eine enorme Zeitverschwendung, denn diese Frau mit den kunstvoll gezeichneten Augenbrauen hat so viel mehr zu erzählen.

Amanda, wie geht es dir?
Mir geht es prima und dir?

 

Ebenso, danke. Wie war denn die Tour bis jetzt?
Sie war vor allem eines und zwar verflucht lang. So etwas Hartes habe ich noch nie in meinem Leben durchgemacht. Auf der anderen Seite ist es auch eine der schönsten Erfahrungen, die man überhaupt machen kann.

amandapalmer

Das kann ich mir vorstellen. Nun, es ist so, dass ich mich am liebsten mit dir über Kleider, Frisuren und Make Up unterhalten würde, aber da ich nicht für ::exit.fashion:: schreibe, sollte ich das wohl besser sein lassen. (Amanda lacht)
Trotzdem wusste ich von dem Moment an, als ich deine selbstverfasste Biographie gelesen habe, dass sich unser Gespräch nicht um Musik drehen würde, also lass uns dieses ganze tausendmal gehörte Zeug einfach weglassen, denn ich finde, dass wir uns unbedingt über Rock Love unterhalten sollten. (Amanda reckt ihre Daumen in die Höhe.)

Fabelhaft.

 

Wie würdest du den Begriff erklären? Ich habe deinen Text einer Freundin geschickt, die unglaublich gerührt war und der ich versprechen musste, ihr nach dem Gespräch mit dir eine 1A-Definition von Rock Love zu liefern.
Rock Love ist ein Phänomen, das die komplette wundervolle Verbindung zweier Menschen auf musikalischer Basis beschreibt. Ich habe sie nie mit jemand Anderem als Brian gespürt. Allerdings muss ich auch anfügen, nicht mit allzu vielen Leuten vor ihm gespielt zu haben, insofern war ich wohl so etwas wie eine Rock Love Jungfrau.
Aber es ist ein unbeschreibliches Gefühl, es geht darum, die musikalischen Impulse des Anderen auf ganzer Linie zu begreifen und ein Stück weit vorauszuahnen, und so ist es bei Brian und mir.
Und es hält an?
Ja, das tut es. Ich meine, viele Dinge erschweren dir natürlich immer wieder den Weg und im Grunde ist es wie jede andere Art von Liebe, nämlich abgrundtief kaputt. Zur gleichen Zeit ist es aber das Schönste, was es auf der Welt gibt und wenn es nur stark genug ist, dann überwindet es diesen ganzen Mist, den wir täglich durchmachen müssen.
Daran glaubst du? Dass es eine Art von Liebe gibt, die ewig hält?
(denkt nach) Ja, daran glaube ich. Daran glaube ich definitiv.
Gut, da bin ich erleichtert. (lacht)

 

Weisst du was? Ich hatte das eigentlich nicht geplant, aber gerade finde ich, dass du die richtige Person für so etwas bist: Kennst du We Are Scientists aus New York?
Ja, das sind wahnsinnig komische Jungs. Ich habe mir neulich ihren Videoclip angesehen und bin seitdem total begeistert von ihnen.
Das sind sie wirklich, was mich auch dazu verleitet hat, mit ihnen eine „Have you ever…“-Liste durchzugehen. Hättest du Lust, das auch zu machen?
Ja, natürlich. Cool.

 

Super. Also, Amanda, hast du dich einem Fan gegenüber je unhöflich verhalten?
(überlegt) Ja, das habe ich.
Ehrlich?
Ja. Manchmal entgegne ich ihnen sehr distanziert und irgendwie strikt, jedoch nur, wenn sie sehr betrunken und aggressiv sind. Aber auch in einer solchen Situation bemühe ich mich, so freundlich wie möglich zu bleiben, ich würde niemals einem Fan mitteilen, dass er sich verpissen soll, wie andere Leute das ja zu tun pflegen.
Für eine der wichtigsten Devisen auf Tour – und im Leben – halte ich es, dankbar zu sein, insofern gebe ich mir wirklich grosse Mühe, geduldig und nett zu bleiben, auch wenn ich genervt bin.

 

Das kann ich sehr gut verstehen. Wie sieht es mit den Journalisten aus, hat dich je einer bei etwas erwischt, wobei du nicht erwischt werden wolltest?
Bisher nicht, nein. Und ich hoffe, dass das auch so bleibt. (lacht)

 

Habt ihr je eine Show in einer bestimmten Stadt wegen einer bestimmten Person arrangiert?
Soweit ich weiss, haben wir das bisher nicht getan, nein.
Würdet ihr so etwas tun?
Ja, auf jeden Fall. Ich noch mehr als Brian, aber ich glaube, dass wir beide sehr empfänglich für Gesten solcher Natur sind.

 

Das freut mich. Hast du je einen Trip gewagt, ohne es jemandem zu erzählen? Spontan deine Sachen gepackt und das Land verlassen?
Lass mich überlegen; ich glaube, dass ich nie impulsiv das Land verlassen habe, bei Städten sieht die ganze Sache aber schon anders aus.
Wo bist du hingefahren?
Gute Frage. Ich hatte während der letzten Jahre nie die Chance zu so einer Aktion, weil wir pausenlos auf Tour waren, aber das habe ich ganz bestimmt schon einmal getan. (überlegt) Ich suche nach einem guten Beispiel für dich.
Kein Problem, lass dir ruhig Zeit.
Vor zwei Jahren, ich war gerade in Boston, habe ich auf dem Weg zum Einkaufen zwei Mädchen über New York sprechen hören und bin dann intuitiv zum Bahnhof gegangen und habe mir samt Einkaufstaschen ein Ticket nach New York geholt, wo ich dann auch gleich hingefahren bin.
Wie cool.
Das war wirklich toll, wobei eine Zugfahrt von Boston nach New York bloss ungefähr drei Stunden dauert.

 

Wo wir gerade bei New York sind: Kennst du das Buch namens „The Year Of Yes“ von Maria Headley?
Ich glaube nicht, worum handelt es sich?
Es ist ein autobiographischer Erlebnisbericht, der sich über das Jahr erstreckt, in welchem sie sich entschieden hat, mit jedem auszugehen, der sie darum bittet, darunter diverse Rentner, Frauen und ein Freak, der sie andauernd gebissen hat. (Beide lachen)
Das klingt nach einer fantastischen Erfahrung. Schreibst du mir nachher kurz den Namen der Autorin auf?
Klar, das mache ich. Du wirst das Buch lieben, ganz bestimmt. Sie hat im Übrigen auch Marilyn Manson geküsst, ohne zu wissen, wer er ist.
Tatsächlich?
Ja. Unglaublich, nicht? Immerhin sprechen wir hier von Marilyn Manson. (lacht)

 

In Ordnung, lass uns mit der Liste weiterfahren. Warst du je für eine längere Zeit in Paris?
Mit 17 Jahren habe ich einen Sommer dort verbracht.
Echt? Wie war das für dich?
Ich habe die Zeit damals als grausam empfunden, weil ich meinen Freund so sehr vermisst habe.
Warte mal, war das Jason?
Ja, genau, Jason mit den deutschen Wurzeln. (lacht) Jedenfalls habe ich die meiste Zeit damit verbracht, ihm Briefe zu schreiben. Weißt du, es war schwierig für mich, weil ich nicht wusste, wie ich mich in einer fremden Stadt zu orientieren hatte; so etwas hatte ich nie zuvor gemacht and ich habe mich nur verloren gefühlt dort, wirklich.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte und habe mich dann dafür entschieden, stundenlang durch die Stadt zu spazieren, tote Tauben zu photographieren und LSD zu schlucken.
Oh. Hast du einen Friedhof besucht?
Ja! Das habe ich. Paris’ Friedhöfe finde ich wunderschön! Wie kommst du drauf?
Mir geht es genauso, dafür habe ich sehr viel übrig.
Cool, das hätte ich nicht gedacht. (lacht) Weißt du, wenn ich jetzt zurückdenke, dann war es gar nicht so furchtbar; im Grunde war es sogar wirklich schön. Paris ist ein Wunder.
Das ist es in der Tat. Hast du denn damals eigentlich bereits Französisch gesprochen?
Früher, man glaubt es kaum, habe ich die französische Sprache perfekt beherrscht, leider hat sich dieses ganze Wissen verflüchtigt, als ich Deutsch gelernt habe.
Ich meine, ich verstehe noch immer alles, aber wenn ich mich selbst ausdrücken muss, dann ist es einfach armselig, was ich zustande bringe.
Wem sagst du das? Ich weiss genau, was du meinst.
Auch Französisch?
Italienisch.
Auch schön. (lächelt)

 

Okay, neue Frage: Hast du je Eminem getroffen?
Nein, bisher nicht.
Würdest du ihn gerne kennenlernen?
Wieso nicht? Ich meine, wenn du mir sagen würdest, dass er vor der Tür steht, dann würde ich ihn definitiv hineinbitten. Ein Teil von mir ist auf absurde Art und Weise fasziniert von ihm, der andere – viel grössere – Part findet aber, dass er vermutlich ein Arschloch ist. Ich werde irgendwie nicht schlau aus ihm, ich weiss nicht, ob ich wirklich um jemanden herum sein möchte, der offensichtlich ein totaler Idiot ist.

 

Gab es einen Auftritt, bei dem du etwas völlig Lächerliches tragen musstest?
Ich musste nicht, ich wollte. (lacht) Ich liebe es, solche ausgefallenen Sachen anzuziehen, solange sie bequem sind. Auf der Bühne trage ich jedoch seit fünf Jahren dasselbe Kleid. Aber – klar – ich bin auch nur ein Mädchen; mit Brian einkaufen zu gehen, das macht mir beispielsweise unglaublich viel Spass. Neulich haben wir uns Perücken besorgt, du hättest uns sehen sollen; wie die Kinder, wirklich. (lacht)

 

Gibt es einen Satz, den du gerne auf eine Parkbank schreiben würdest? Eine Songzeile vielleicht, die dir einfach nicht mehr aus dem Kopf geht.
Gute Frage. Ich schätze, ich würde mich für ein Gedicht entscheiden.
Könntest du mir spontan eines nennen?
Ja, und zwar ist es ein sehr kurzes Gedicht, über das ich andauernd nachdenke, weil es sich so sehr und so tiefgreifend auf mein Leben übertragen lässt.

 

How sweet, how passing sweet, is solitude!
But grant me still a friend in my retreat
Whom I may whisper – solitude is sweet.

 

Im Grunde macht uns der Autor, dessen Namen ich übrigens vergessen habe, also darauf aufmerksam, wie wundervoll es doch ist, alleine zu sein, wie wichtig es jedoch ist, auch in dieser Einsamkeit einen Freund zu haben. Einen Menschen, zu dem man sich beugen und dem man zuflüstern kann, wie schön es ist, alleine zu sein.
Diese Zeilen berühren mich sehr. Wie du dir bestimmt vorstellen kannst, kann ich mich vor allem auf Tour sehr gut damit identifizieren.

 

Und nun die Stunde der Wahrheit: Wurdest du je festgenommen?
Ja. (lacht) Als ich 16 war, hat man mich beim Klauen erwischt, wie beinahe jeden Vorstadt-Teenager in dem Alter.
Was wolltest du denn unbedingt haben?
Na, was wohl? Klamotten und Hüte. (lacht)
Stimmt, darauf hätte ich selbst kommen können. (lacht)

 

Dann kommen wir zur letzten Frage; hast du schon einmal Schweizer Schokolade gegessen?
Mehrmals sogar. Ich liebe, liebe, liebe Schweizer Schokolade!
Prima, dann trifft sich das sehr gut, ich habe dir nämlich welche mitgebracht.
Exzellent! Du bist ein riesengrosser Schatz! (wirft mir eine Kusshand zu)
Keine Ursache, das habe ich gerne gemacht.

 

Schreibst du mir noch kurz den Titel des Buches und den Namen der Autorin auf?
Ja, mache ich, sobald ich hier einen unbeschriebenen Zettel finde. Oh, hättest du es gerne auf einem Bild von Penelope Cruz?
Penelope Cruz ist heiss, die nehme ich. (lacht und nimmt den Zettel entgegen) Fabelhaft. Und sie stammt aus New York?
Ja, die ganze Geschichte spielt in Brooklyn.
Super, besten Dank. Hey, lass mich dir auch eine Lektüre vorschlagen. (schreibt etwas auf) Die Autorin heisst Cintra Wilson und das Buch ist das beste, das ich seit Jahren gelesen habe.
Worum handelt es sich?
Es heisst „A Massive Swelling“ und trifft die lächerliche gottesähnliche Verehrung von Prominenten wirklich auf den Punkt; du wirst es lieben.
Ich werde es ganz bestimmt lesen und ich danke dir für das unterhaltsame Gespräch.
Ich danke dir, auch für die Schokolade, die teile ich mir später mit Brian, er wird ausflippen.

 

 

Foto: Nadja El Kinani

 

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