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Interview mit Death Cab For Cutie
Interview mit Death Cab For Cutie

Interview mit Death Cab For Cutie

Erstellt am: 06.03.2006
Autor:
Erstellt am: 06.03.2006   Autor:

Interviews

Interview mit Death Cab For Cuties Chris Walla am 19. Februar 2006 im Fri-Son, Fribourg.

Someone Still Loves You, Chris Walla.

Mixtapes sind so unnötig wie Raptexte mit Inhalt. Mixtapes sind nicht illegal. Mixtapes sind fresh. Mixtapes sind immer was Feines. Mixtapes sind eher seltener. Mixtapes sind ein immer gern gesehener Gast im Walkman. Mixtapes sind hammergeil.
Das sagt Google dazu. Ich sage: Mixtapes sind das perfekte Thema für ein Gespräch mit Chris Walla.

Ihr seid so unglaublich populär geworden während der letzten Monate, dass ihr ungefähr tausend Mal interviewt worden sein müsst.

Das ist allerdings wahr.

Deswegen habe ich mir gedacht, dass wir diesen ganzen seriösen Kram weglassen und uns einfach unterhalten, was denkst du?
Das finde ich toll. Toll, toll, toll.

Ach, prima. Nun denn, Chris Walla, wie geht es dir?
Sehr gut, danke. Wie geht es dir?
Alles in Ordnung. Freust du dich auf den Auftritt nachher?
Ja, sehr. Alle bisherigen Shows in Europa waren sehr, sehr cool, insofern freue ich mich auch auf die heutige. Ausserdem habe ich bis vor ein paar Minuten gar nicht realisiert, dass wir uns im französischen Sprachgebiet der Schweiz befinden. Darauf war ich gar nicht vorbereitet. Ich dachte, ich könnte ein wenig deutsch sprechen auf der Bühne.
Du sprichst deutsch?
Nur ein paar Sätze. Wir waren zuvor in Deutschland, daher kommt das.
Was hättest du denn gerne gesagt?
„Hello Schweiz, wie geht es euch?“. Stimmt das so?
Ja, das tut es. Ihr werdet ja morgen Abend in Zürich sein, dann wirst du sicherlich mit deinen Deutschkenntnissen brillieren können. Das Lokal [Abart], in dem ihr auftreten werdet, ist übrigens ganz, ganz toll. Eines der besten in der Schweiz, wie ich finde, da ich ja auch alle kenne.
Stimmt, das wurde mir gesagt. Es muss ganz schön klein sein, ist das so?
Schon, ja. Klein und reizend. Sehr charmant, wirklich. Anhand der Tatsache, dass ihr auf eurer Homepage ein Tagebuch führt und somit einen ziemlich nahen Kontakt zu den Fans zu pflegen scheint, schätze ich, dass es dir dort gefallen wird.
Das ist so eine Sache mit diesem Tagebuch. Wir sind nicht wirklich gut darin, es regelmässig zu aktualisieren. (lächelt reuevoll)
Darauf wäre ich noch zu sprechen gekommen. (lacht) Der letzte Eintrag ist vom November, soweit ich weiss.
(lacht) Es ist eine Weile her, ich weiss. Wir sind ein wenig langsam.
Trotzdem: Eine sehr nette Idee.

Kennst du „Almost Famous“ von Cameron Crowe?
Ich habe von dem Film gehört, ihn aber nie gesehen.
Das solltest du unbedingt nachholen, es ist ein ganz bezauberndes Stück Filmgeschichte. Daraus stammt auch folgende Aussage: „They don’t even know what it is to be a fan. To truly love some silly piece of music or some band so much that it hurts.“ Was sagst du dazu? Denkst du, dass die Leute wirklich verstehen, worüber ihr singt? Dass alle Botschaften verstanden und alle Herzen angesprochen werden?
Interessante Frage. Interessante Aussage. Um wen geht es?
Dies überlasse ich dir zur weiteren Interpretation.
(überlegt) Ich denke, darauf kommt es im Grunde gar nicht an. Ich weiss es nicht. Ich meine, sobald es jemanden gibt, der eine Beziehung zu einem Song herstellen kann, ist es doch so, dass dieses Lied es wert ist, aufgenommen worden zu sein.
Jeder Mensch reagiert so anders auf Musik und jeder einzelne hat eine so wertvolle Art, damit umzugehen, dass ich nicht sagen möchte, dass es den einen, richtigen Weg gibt.
Weißt Du, was ich meine? Dieses Zitat mag wahr sein, aber auch wenn es so ist, für mich spielt es keine Rolle.
Wenn ihr also an einem Song arbeitet, dessen Inhalt euch sehr am Herzen liegt, dann ist es euch nicht so wichtig, dass diejenigen, die ihn hören, ihn auch verstehen?
(überlegt) Das ist schon wichtig, doch. Ich hoffe, dass die Leute verstehen, was wir sagen wollen. Und doch gibt es so viele verschiedene Möglichkeiten, ein Stück wahrzunehmen. Das ist ziemlich komplex. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg.

(Ben Gibbard kommt rein und holt diverse CDs.)

Was habt ihr eigentlich für eine Beziehung zu „The O.C.“? Wie war es für euch, dort aufzutreten? Siehst du dir die Serie an?
Das hat sehr viel Spass gemacht. Ich habe keinen Fernseher, deswegen habe ich die Serie gar nicht gekannt. Uns wurde zwar ständig mitgeteilt, wie oft wir dort erwähnt und dass unsere Songs ständig gespielt werden, mehr wussten wir aber nicht.
Trotzdem war es eine wertvolle Erfahrung. Wir wurden so gut behandelt und all die Schauspieler waren sehr bescheiden und bodenständig.
Schön, das freut mich für euch. Gibt es, trotz der Tatsache, dass du keinen Fernseher besitzt, eine Serie, die du magst?
Keine bestimmte eigentlich, nein. Aber wenn ich in einem Hotelzimmer bin, dann… (hält inne und lacht) …das wird jetzt echt peinlich, aber dann sehe ich mir immer Cartoons an.
Ach, das ist doch toll. Welche denn?
Ich mag „The Family Guy“, bin aber grundsätzlich nicht so wählerisch und sehe mir an, was immer gerade läuft. (lacht)

(Ben Gibbard kommt rein und bringt diverse CDs zurück.)

Beim Lesen des bereits erwähnten sogenannten Tagebuches ist mir aufgefallen, dass ihr eure Einträge oft mit Top 5 Songs- oder Listen eurer momentanen Lieblingsalben und Ähnlichem beendet, also gehe ich davon aus, dass ihr zu den Menschen gehört, die gerne Mixtapes erstellen.
Zu denen gehören wir definitiv.
Okay, dann zähl mir doch mal auf, welche Songs du auf ein Tape für das Mädchen deiner Träume packen würdest.
(lächelt) Tolle Frage. (denkt nach) Aber gar nicht so einfach zu beantworten. Das kommt sehr auf die Umstände an. Auf jeden Fall darauf wäre aber „Dear Someone“ von Gillian Welch, ein grossartiges Liebeslied, von dem ich wahnsinnig begeistert bin.
Worum dreht es sich genau?
Es geht darum, ständig unterwegs und nie zu Hause zu sein. Darum, jemanden zu vermissen. Im Stil von: Ich will um die ganze Welt reisen, aber ich will es mit dir gemeinsam tun. Ein wirklich zauberhafter Song. Gillian Welch mag ich sowieso, sie ist eine der Besten.
Was noch? Viel von diesen alten Jazzstücken. Billie Holiday und Sarah Vaughan. Deren Lieder passen immer sehr gut auf Mixtapes.
Und dann gibt es da noch diese Band mit dem etwas schrägen Namen, die nennen sich Someone Still Loves You, Boris Yeltsin.
Wie geil ist das denn? (lacht)
Ja, nicht? Die haben diesen einen Song, „Oregon Girl“, den ich liebe. Ein ganz wundervolles Lied, das für mich eine spezielle Bedeutung hat, weil ich gerade nach Portland, Oregon gezogen bin und mich in ein „Oregon Girl“ verliebt habe. (lächelt)
Wie süss.

Was hörst du dir momentan sonst noch an?
Kennst du The New Pornographers?
Nein, die kenne ich nicht.
Die stammen aus Vancouver, Kanada und ihr jüngstes Werk ist wirklich toll. Eines dieser wunderbaren, grossen, verträumten Popalben.
Ausserdem gibt es noch ein Nebenprojekt eben dieser Gruppe, Destroyer, eine meiner All-Time-Favourite Bands. Deren neues Album kommt am Dienstag raus und ich kann es kaum erwarten.

Was hältst du von Rilo Kiley? Jenny Lewis wirkt ja bei The Postal Service mit.
Ja, Jenny ist eine gute Freundin von uns. Wir treffen sie ständig, wenn wir in L.A. sind. Rilo Kiley höre ich mir aber, wie ich ehrlich zugeben muss, nur ganz selten an. Allerdings arbeitet Blake [Sennet] gerade an ein paar sehr coolen elektronischen Sachen, da hat es teilweise wirklich gutes Material dabei.

(Von aussen hört man Musik.)

Das ist „Doll Is Mine“ von Blonde Redhead, oder?
Genau. Das muss Ben gewesen sein. Seit ein paar Tagen spielt er diese ganze Platte ununterbrochen ab. Sie ist aber auch wirklich gut.
Das finde ich auch. Insbesondere den Anfang dieses Liedes finde ich so prima.
Stimmt, sehe ich auch so. Das ist einer der Höhepunkte auf der Platte, sehr speziell.

In Ordnung, dann lass uns doch zur Abwechslung – grosszügigerweise – mal über euer Album sprechen. Der Titel lautet „Plans“. Was sind das für Pläne, wie sehen sie aus?
Ich denke, das Schöne am Titel dieses Albums ist, dass er meinen kann, was immer du möchtest. Du kannst ihn von jeder Richtung aus ansehen. Ich meine, es könnten meine, aber auch deine Pläne sein. Der Titel kann viele verschiedene Dinge bedeuten.
Das ist es, was ich daran so mag. Generell beschreibt „Plans“ diese Art Übergangsphase, die wir gerade durchlaufen. Wir entwickeln uns weiter, wir kennen das Ziel nicht, aber wir bewegen uns darauf zu. Es fühlt sich, so finde ich zumindest, an, als wäre „Plans“ die Basis dafür, was als Nächstes kommt.

Interessant. Insbesondere, da ihr darauf sehr viel düsterer daherkommt als auf dem vorhergehenden Album „Transatlanticism“. Wie kommt das? Weshalb konfrontiert ihr die Leute plötzlich mit Zeilen wie „Who’s gonna watch you die?“?
Das hat mit dem Älterwerden zu tun, schätze ich. Mit den Jahren beginnt man, die Dinge anders zu sehen und einige neu anzupacken. Ausserdem hängt es damit zusammen, was wir tun, wie wir unsere Leben gestalten. Ich meine, wir sind ständig unterwegs und bleiben nie lange an einem Platz. Wir kommen nie richtig zur Ruhe, alles ist so vorübergehend.
Und irgendwann realisiert man dann, dass man dreissig und die Jugend vorüber ist.
Klar, mit ein wenig Glück bleiben uns noch vierzig oder fünfzig Jahre, aber trotzdem, unsere Jugend ist vorbei. Wir denken nicht mehr in Tagen und Wochen, sondern in Jahren.
„Plans“ lebt vom Erwachsenwerden und davon, herauszufinden, wo man im Leben steht und wer man ist.

Und wie würdest du die Metamorphose beschreiben, die du persönlich in den letzten Jahren durchgemacht hast?
Ich schätze, ich kann jetzt besser mit den Leuten kommunizieren. Ich höre den Leuten zu und verweigere es nicht so schnell, ihre Ideen zu verwirklichen. Als Band haben wir gelernt, zusammen zu arbeiten und aufeinander acht zu geben.
Und natürlich befinde ich mich, rein körperlich gesehen, in einem viel schlechteren Zustand als noch vor ein paar Jahren. Ich bin ein richtiges Wrack geworden.
Ach was. Someone still loves you, Chris Walla. (lacht)
(bricht in schallendes Gelächter aus) Nett von dir, das zu sagen.

Keine Ursache. Dafür hätte ich allerdings gerne, dass du mir eine kleine Geschichte über meinen absoluten Lieblingssong von euch, „A Lack Of Color“, erzählst. Etwas, das sonst niemand weiss.
Okay, also, die Zeile „Calling at 7:03“ meint nicht wirklich 07:03 Uhr, es ist der Area Code von Washington D.C., 703, gemeint. Diese Nummer, die man wählen muss, bevor man jemanden in D.C. anruft. Dort wohnt jenes Mädchen, das auch im Postal Service Song „The District Sleeps Alone Tonight“ besungen wird.

Gut zu wissen, danke. Nun, da wir uns über Mixtapes und Musik unterhalten haben, ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt dafür gekommen, dir zu gestehen, dass ich es nicht unterlassen konnte, eines für dich zu machen.
Im Ernst? Wie süss! Das ist ja echt süss von dir. (nimmt es entgegen)
Süss und peinlich, ja.
Gar nicht peinlich, ich finde das wirklich ganz liebenswert. Sehr cool. (sieht sich die Playlist an) Coco Rosie! Grossartig!
Ja, die sind toll, nicht? Ist noch etwas Anderes darauf, was du magst?
Von ein paar Bands kenne ich den Namen, jedoch nicht die Songs. Oh, Pale Sunday mag ich sehr! Das ist echt cool, ich werde es mir später gleich anhören.
Schön, dass es dir gefällt. Für den Fall, dass du es nicht mögen solltest, habe ich dir auch Schweizer Schokolade mitgebracht. Du kannst sie ja mit deinem „Oregon Girl“ teilen.
Wow, das ist ja wirklich unglaublich. Vielen Dank, das werde ich. Gott, das ist so süss. (stutzt) Oh. (sieht sich die Verpackung der Kinderschokolade an)
Den solltest du besser nicht genauer unter die Lupe nehmen.
(lacht) Was für ein Kind. Der sieht ja richtig beängstigend aus.
Oh ja. Es kursieren die wildesten Gerüchte über ihn. (lacht)
(lacht) Das kann ich mir allerdings vorstellen.

Nun, ich weiss nicht, wie lange ich dich noch behalten dürfte, aber ich schätze, das wär’s jetzt. Danke für das Gespräch und viel Spass heute Abend.
Ich danke dir, Nadja. Siehst du dir die Show an?
Leider nicht. Ich muss nach Paris.
Wow, Paris. Das kann ich natürlich verstehen.
Ach so, wie gnädig, danke. (lacht)
(bricht ein weiteres Mal in herzerwärmendes Gelächter aus)

Die Rezension des aktuellen Albums „Plans“ findet ihr hier.

Foto: deathcabforcutie.com

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