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Interview mit Craig B (A Mote Of Dust)
Interview mit Craig B (A Mote Of Dust)
Erstellt am: 30.09.2015   Autor:
30.09.2015 – Autor: Michael Messerli

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Interview mit Craig B (A Mote Of Dust)

Nach den Bandalben mit Aereogramme und der Zusammenarbeit mit Iain Cook als The Unwinding Hours ist Craig B nun bei seinem ersten Soloalbum „A Mote Of Dust“ angekommen. Hört man sich sein Gesamtwerk und seine 9 neuen Songs an, drängen sich Fragen auf, die wir ihm stellen durften. Sie trafen dabei auf einen reflektierten und aufgeschlossenen Musiker, der trotz Bestnoten zwar nie den Durchbruch schaffte, dafür aber die wohl ehrlichsten Antworten gab, die man sich erhoffen durfte. „A Mote Of Dust“ erscheint am 02. Oktober 2015 digital sowie auf Vinyl.

(Das Interview in Englisch)

Craig, dank deinen F.A.Q. muss ich nicht mit der Frage starten, ob The Unwinding Hours sich aufgelöst haben. Du beschreibst dein neues Album als akustisch, ruhig und düster. Wenn “A Mote Of Dust” ein Buch wäre, was für eine Geschichte würde es uns erzählen?

Es wäre eine Momentaufnahme von jemandem, der sein halbes Leben hinter sich hat und versucht, Sinn in all dem zu finden, was bis hierin passiert ist. Es ist verbunden mit vergangenen Erfahrungen und Geschehnissen, welche wiederum zu neuen Fragen führen und zum Versuch beitragen, klarere Antworten zu kriegen. Obwohl mir bewusst ist, dass man nun leicht unterstellen könnte, es sei eine masslose Nabelschau, wird es ebenso vom Zitat von Carl Sagan eingerahmt, welches das ganze Album inspiriert hat. Es erinnert mich daran, dass mein Platz im Universum komplett bedeutungslos ist. Unser Planet ist nur ein winzig kleiner hellblauer Punkt in einem riesigen, scheinbar leeren Raum – welchen Sinn macht das Leben also, wenn man mit dieser Feststellung konfrontiert wird? Du kannst dir vorstellen, wie viel Spass es macht, mich morgens so reden zu hören, während ich meine Cornflakes mampfe.

Es scheint, als ob du nicht gerne fröhliche Songs schreibst. Bedeutet dies, dass du vor allem dann Songideen hast, wenn düstere Gedanken überwiegen?

Das ist keine falsche Vermutung. Aber es ist nicht der einzige Zeitpunkt, zu dem ich Songs schreibe. Ich habe Musik über die Jahre dazu benutzt, Dinge in meinem eigenen Kopf auszuarbeiten und Gefühle auszudrücken, über die ich wohl nicht fähig gewesen wäre zu sprechen. Aber ich habe ebenso versucht, andere, hoffnungsvollere Gefühle auszudrücken. Der Hauptgrund, warum ich Songs schreibe, ist völlig eigennützig. Doch ich wollte immer etwas ausdrücken, das hoffentlich jemand anderes, an einem anderen Ort verstehen und sich damit verbunden fühlen kann. Es gibt da ein grossartiges Zitat von F. Scott Fitzgerald über Literatur und ich denke, es ist genauso wahr in Bezug auf Musik: “That is part of the beauty of all literature. You discover that all longings are universal longings, that you’re not lonely and isolated from anyone. You belong.”

Ich habe auch nichts gegen Menschen, die fröhliche Musik schreiben (ausser gegen Pharrell Williams: es gibt nichts Schlimmeres als ein Millionär, der herumzieht und jedem erzählt, wie überglücklich er mit seinem Leben ist). Ich persönlich finde es schwierig, es selber zu tun. Ich habe versucht, über nichts Bestimmtes oder erfundene Songs zu schreiben. Aber es fühlt sich immer so an, als würde etwas fehlen. Ich kann dir versichern, ich bin nicht dauernd unglücklich. Musik zu machen kann jedoch förderlich für dein Wohlbefinden sein, indem es oft den Aspekt hat, sich Dinge von der Seele zu sprechen und mit ihnen umgehen zu können. Wenn ich zufrieden bin, muss ich mir nichts von der Seele sprechen, weil ich es auskosten und geniessen möchte.

Welche Rolle spielten Graeme Smillie und Paul Savage im Prozess, dieses Album aufzunehmen?

Grame Smillie spielte Klavier, Keyboard und Bass. Er kam mit Aereogramme auf Tour und spielte Bass bei unseren Konzerten von The Unwinding Hours. Er schrieb mit mir zusammen „Yield“ und machte diesen Song so viel besser, lieferte aber eigentlich zu jedem Song, an dem er beteiligt war, einen Beitrag. Wir nahmen die Mehrheit live im Studio auf und darum spielte er eine wesentliche Rolle dabei, das ganze Album zum Leben zu erwecken.

Paul Savage ist einer der besten Produzenten und Techniker, mit dem ich das Vergnügen hatte, zusammen zu arbeiten. Er hat keine Hemmungen, dich in verschiedene Richtungen zu schubsen, gleichzeitig aber auch einen wirklich inspirierenden kreativen und experimentellen Ansatz, der es den Songs erlaubt, sich im Studio spontan zu entwickeln. Er hat wirklich geholfen, dem ganzen Album eine Atmosphäre zu geben. Aereogramme arbeiteten mit ihm zusammen für unser erstes Album und seitdem wollte ich wieder mit ihm arbeiten.

Was ist dein liebstes Singer/Songwriter-Album? Gibt es eines, das einen grösseren Einfluss auf „A Mote Of Dust“ hatte?

Mein liebstes Singer/Songwriter-Album ist vermutlich “Songs of Love: Live” von Mark Eitzel. Ich war lange Zeit besessen von dieser Platte, weil sie es schafft, die rohe Emotion und Leidenschaft einzufangen, die eine Person mit einer Gitarre ausdrücken kann. Er macht Fehler, trifft die Töne nicht und vergisst Textzeilen und dennoch wirkt es unglaublich ehrlich und bewegend. Singer/Songwriter können manchmal die langweiligsten Musiker da draussen sein, aber oft schaffen sie es, etwas zu schreiben, zu spielen und zu singen, das dich fesselt und das Potential hat, kraftvoller zu sein als eine ganze Band. Songs wie “Re: Stacks” von Bon Iver, “Witches” von den Cowboy Junkies und “Brockwell Park” von Red House Painters fangen alle etwas Düsteres und Schönes über das Menschsein ein und ich versuche nun schon seit Jahren, dasselbe zu tun.

In “Home” singst du: “It’s clear that I don’t understand this life/ But I feel that I should try/ I’ve made mistakes/ But that’s how we find our way”. Welchen Rat würdest du deinem 18 Jahre alten Ich geben, wenn du zurückgehen und mit ihm sprechen könntest?

Ha! Gute Frage. Ich würde mir vermutlich gar nicht erst zuhören. Sollte ich es trotzdem tun, würde ich wohl versuchen zu erklären, dass sich die meisten Menschen über die Zukunft sorgen und versuchen, etwas daraus zu machen, während sie mit dem Leben fortfahren. Also sei nicht zu hart mit dir selber, weil du dich so verloren fühlst. Ich würde mit Sicherheit versuchen, es in meinen Dickschädel zu kriegen, dass „alles in Massen“ die beste Regel zum Leben ist (besonders hinsichtlich Rauschmittel) – und vermutlich erklären, dass sich die Mühe lohnt, sich gut anzuziehen, um nicht wie ein sackartig gekleideter Idiot auszusehen. Das Leben ist allerdings eine grosse Lotterie. Man muss versuchen, die Herausforderungen zu meistern, sobald sie auftauchen und dabei nicht verrückt zu werden.

Ein Song, der heraussticht, ist „Work of Our Hands“. Er klingt, als wäre eine ganze Band am Werk. Was ist für dich der Hauptunterschied zwischen einem Soloalbum und einem Bandalbum? Haben beide Wege ihre Vorteile?

Ich spiele in diesem Lied Bass und Rhythmusgitarre, habe die Gesangslinien eingesungen und die Pauke bin auch ich, wie ich mit meinem Fuss stampfe. Es hatte mehr damit zu tun, dass Paul und ich versuchten, etwas zu machen, das einem Popsong näher kommt. Es ist ein wiederkehrendes Motiv bei jedem Album, bei dem ich involviert bin (und manche könnten einwenden: ein wiederkehrender Fehler), dass ich nie eines machen will, das nur eine Art von Song beinhaltet. Zugegeben, „A Mote Of Dust“ ist vorwiegend ruhig, aber die Verzerrung in „Pull Me Back In“ und die Perkussionen in „Work of Our Hands“ waren wichtige Elemente, um mit dem etwas zu brechen.

Für sich alleine zu schreiben hat den Vorteil, dass man mit niemandem streiten muss. Aber Zusammenarbeit ist immer interessanter und kreativer. Ich musste dieses Album auf die Weise machen, weil ich Verpflichtungen an der Universität hatte und weil ich wusste, dass ich Glasgow verlassen werde. Auf der anderen Seite können mehrere verschiedene Meinungen in einer Band einen langsamen und umstrittenen Prozess zur Folge haben, aber diese Spannung führt oft dazu, dass die Musik passt. Es sind verschiedene Prozesse – aber ich vermisse es, in einer Band zu sein. Wenn es funktioniert, ist es das grossartigste Gefühl.

„Wolves in the Valley“ ist einer unter vielen schönen Songs auf “A Mote of Dust”, dies unter anderem auch wegen seinem Text. Wie wichtig sind dir die Texte in deinen Liedern?

Die Texte sind vermutlich das, womit ich am meisten ringe, wenn es ums Songwriting geht. Die Gitarrenparts kommen jeweils von selber, wenn ich herumspiele und die Melodien scheinen auf natürliche Weise zu entstehen. Aber es sind die Texte, die mich tage- wenn nicht wochenlang verfolgen können. Es gibt Songs, die bei mir für eine lange Zeit in der Schwebe bleiben, weil ich nicht die richtigen Worte dafür finden kann. Ich kann nicht wirklich erklären, wie es funktioniert oder passiert. Manchmal kommt mir die Idee für einen Song einfach so in den Sinn und entwickelt sich dann weiter. Und manchmal kommt mir nicht ein einziges Wort in den Sinn, das sich richtig anfühlt. Weil ich Musik so sehr liebe, kann ich Musik auch genauso sehr hassen und meistens passiert das dann wegen den furchtbaren Texten, die mich einen Song am meisten verabscheuen lassen. Also ja, Texte sind mir sehr wichtig und ich denke, dass ich mich immer darin verbessern kann. Wenn ich eine Textzeile höre wie “are we human or are we dancer?”, dann denke ich, der Verfasser muss 5 Minuten mit wahllosen Sätzen verbracht haben, ging sich einen Burrito holen und vergass danach, die Sätze zu beenden.

“Wolves in the Valley” hat auch ein vielsagendes Video, das von Brendan Smith gedreht wurde. Auf welche Weise entscheidest du, wie ein Video aussehen sollte?

Wir haben viel Material gedreht, das nicht verwendet wurde. Wir hatten aber auch noch mehr Ideen, für die wir nicht die Chance bekommen haben, sie auszuprobieren. Wir wussten nicht wirklich, wie das Video aussehen würde. Als wir dann aber einmal im schottischen Hochland waren, haben uns die Landschaft und das wechselnde Licht in gewisse Richtungen gelenkt. Das Video sieht dank Brendans Fähigkeiten als Regisseur und Fotograf grossartig aus. Du brauchst das Auge für eine tolle Einstellung und er hat diese Gabe plus das Wissen und die Erfahrung im Umgang mit digitalen Kameras (z.B. welche Linse man benutzen und wie man mit natürlichem Licht arbeiten muss). Mit ihm zu arbeiten, ist ziemlich ähnlich wie mit Paul Savage. Sie haben beide eine aufrichtige Leidenschaft für das, was sie tun und sind überragend im Ausprobieren von Ideen. Ich bin wirklich stolz auf das Video und es wäre nicht möglich gewesen ohne Brendans Kreativität und unschätzbarem Rat während dem Editieren. Er ist eine sehr talentierte Person.

Es kommt so viele tolle Musik aus Glasgow – und das nun seit Jahren schon. Was macht Glasgow zu einem solch kreativen Ort für Rockmusik?

Mir wurde diese Frage über die Jahre oft gestellt und ich bin nie ganz sicher, was die Antwort ist. Es gibt mit Sicherheit nicht nur einen Grund, das ist klar. Meine persönliche Erfahrung, eine Band in Glasgow zu starten, wurde definitiv durch die erstaunliche Liveszene sowie die vielen verschiedenen tollen Bars/Veranstaltungsorte, in denen man auftreten kann, beeinflusst. Zudem auch von der Kameradschaft zwischen den Bands, der Do-It-Yourself-Ethik vieler Leute, der Weigerung nach London zu ziehen, um „es zu schaffen“, vom Mangel an Ego bei vielen Musikern, von der Verbindung zu der Glasgow School of Art und von vielen anderen Dingen. Man könnte auch argumentieren, dass die Hauptstadt (Edinburgh) wie in anderen Ländern die Touristen anzieht und sich an dieser Industrie ausrichtet, während dadurch andere Städte mehr Raum zum Atmen kriegen und eine interessantere sowie facettenreichere musikalische Umgebung bieten.

Mit Aereogramme und The Unwinding Hours habt ihr nur die Aufmerksamkeit eines gewissen Publikums auf euch gezogen. Du hast mal gesagt, du wolltest sowieso nie so gross wie U2 werden. Ist es einfacher Songs zu schreiben, wenn man frei ist von Erwartungen und Druck?

Als ich sagte, dass ich nie so gross werden wollte wie U2, war ich vermutlich in der Defensive wegen unseres fehlenden Erfolgs. Ich habe kein Problem mit grossen Bands und ich habe eigentlich kein Problem mit U2, weil es weit schlechtere Bands da draussen gibt. Vielleicht habe ich mich mehr auf die Tatsache bezogen, dass Berühmtheit in diesem Ausmass einen grossen Effekt auf die Fähigkeit hat, sich frei zu bewegen und ich bezweifle, dass mir das gefallen würde. Druck ist wahrscheinlich nützlich für manche Menschen, weil er sie auf Trab hält. Aber die meisten Musiker werden dir sagen, dass Erwartungen generell ignoriert werden. Du wirst es nie schaffen, es allen recht zu machen, deshalb musst du in erster Linie fähig sein zu geniessen, was du tust, weil sonst wirst du es hassen, diese Songs jeden Abend auf Tour zu spielen. Ich bin schlecht im Umgang mit Druck, aber ich war immer ziemlich clever bei Aereogramme. Als das erste Album erschien, hatte ich ein gutes Album voll mit neuen Demos, an denen ich arbeiten konnte, so war ich mir selber voraus, um Druck zu verhindern. Ich hatte auch nie Plattenfirmen, die mir auf die Pelle rückten, und deshalb weiss ich wirklich nicht, wie das ist. Chemikal Underground waren immer sehr entspannt bei Alben. Es war bereit, wenn es fertig war.

Iain Cook ist derzeit mit Chvrches unterwegs. Sie machen etwas ziemlich anderes verglichen mit Aereogramme und The Unwinding Hours. Könntest du dir auch eine solche Veränderung in eine neue Richtung vorstellen und falls ja: Wie würde das klingen?

Ich würde liebend gerne etwas unglaublich Hartes machen, aber ich habe nicht die technischen Fähigkeiten dazu und meine Schreistimme wurde mit Aereogramme zerstört. Es juckt mich immer, etwas viel Schwereres zu machen als das, was ich zuvor geschafft habe. Man weiss also nie. Das Problem aber ist, dass ich drei harte Songs schreiben würde und dann bereits wieder etwas anderes machen möchte. Ich mag die Idee eines erdrückend schweren Albums mit Momenten minimaler Lautstärke. Es sind die Extreme, die ich am meisten mag. So sehr ich Popmusik ehrlich schätze: Ich habe nicht die Fähigkeit, sie zu machen. Ich wünschte ich könnte, aber es ist nicht in mir.

Du singst immer wieder über Verstecke bzw. Schlupfwinkel. Trotzdem stehst du im Rampenlicht als Musiker. Letzte Frage: Warum tust du es (immer noch)?

“Cracks in the Mirror” habe ich mit genau dieser Frage im Kopf geschrieben. Nachdem sich Aereogramme aufgelöst haben, wussten Iain und ich, dass wir es nicht mehr Vollzeit machen konnten. Aber wir haben immer noch den kreativen Prozess genossen, zu schreiben und aufzunehmen. Deshalb haben wir entschieden, ihm uns nur noch Teilzeit zu verpflichten. Bei diesem Album habe ich mir ehrlich gesagt die Frage gestellt, ob ich überhaupt weitermachen soll, aber nachdem ich „Cracks…“ fertiggestellt hatte, realisierte ich, dass ich noch nicht ganz bereit war, aufzugeben. Ich denke jedes Jahr daran, mich zurückzuziehen. Aber dann sagt ein Teil von mir, ich soll es nicht allzu schwer nehmen, einfach entspannen und weitermachen, wenn es sich richtig anfühlt.

Ich würde aber nicht sagen, dass ich im Rampenlicht stehe – eher im Gegenteil und das erlaubt mir viel Freiheit. Zudem glaube ich, ich hätte sehr viel früher aufgegeben, wenn ich versucht hätte, von Musik zu leben. Es ist jetzt eine der verschiedenen Dinge, die ich mache und ich geniesse wirklich immer noch die kreativen Elemente wie das Albumcover zu gestalten, am Video zu arbeiten, zu spielen und nun auch Alben selber zu veröffentlichen. Es war eine sehr herausfordernde und dennoch lohnenswerte Erfahrung, weil am Ende, wenn es immer noch Menschen gibt, die daran interessiert sind, neue Songs zu hören, ist das der Hauptgrund, um sie aufzunehmen und zu veröffentlichen.