Exit Music
Interview mit Chris Wicky von The Sad Riders
Interview mit Chris Wicky von The Sad Riders

Interview mit Chris Wicky von The Sad Riders

Erstellt am: 17.05.2010
Autor:
Erstellt am: 17.05.2010   Autor:

Interviews

von Anja Kohlbrenner

Schweizer Bands gibt es wie Sand am Meer. Da ist es Voraussetzung die Spreu vom Weizen zu trennen, um auch mal auf etwas Hörenswertes mit Substanz zu stossen. Einer der Bands, bei denen es sich zweifelsohne lohnt genauer hinzuhören, sind The Sad Riders, ein Projekt von Chris Wicky, den man ja eigentlich als Frontman der Band Favez kennt. Anlässlich ihres Konzertes im Bad Bonn hat er exitmusic nach dem Soundcheck Rede und Antwort gestellt. Bei einem kleinen Kaffeekränzchen hat der charismatische Romand mit amerikanischen Wurzeln, munter aus dem Nähkästchen geplaudert – unter anderem über die Zusammenarbeit mit Heidi Happy, Authentizität in der Musikbranche und wieso wirklich niemand schlechte Songs braucht.

Hallo Chris, vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview mit exitmusic nimmst.
Chris: Gern geschehn.


Und, freust du dich heute Abend hier im Bad Bonn spielen zu dürfen?

Chris: Ja, und wie. Ich kenne Daniel vom Bad Bonn schon seit einer Ewigkeit. Für mich ist das Bad Bonn einer der privaten Clubs in der Schweiz, der so funktioniert, wie ein Club funktionieren sollte. Das heisst; es gibt einen Typen, der ein grossartiges Konzept, gute Ideen und einen genialen Musikgeschmack  hat und der den Leuten, die ihm vertrauen, Musik präsentiert, die er mag. Das Bad Bonn ist meiner Meinung nach ein Vorbild für die Schweizer Clublandschaft.

Hattest du mit den Sad Riders schon einige Konzerte ausserhalb der Landesgrenze?
Chris: Wir hatten 2004 eine ganz kleine Deutschland-Tour mit Favez, die nicht wirklich so toll war, da die Leute grösstenteils wegen dem Namen “Favez” gekommen sind, der in Deutschland schon ein wenig bekannt war. Also war es eher eine Art lautes Rock-Publikum, was nicht so wirklich gepasst hat. Ich meine, ich habe ein paar Erinnerungen, die nicht schlecht sind. Im September kommt das neue Album in Deutschland raus, da werden wir vielleicht vier, fünf Shows spielen und ein bisschen Promotion machen.

Mit Favez hast du vor einem relativ grossen Publikum, wie beispielsweise beim Paleo Festival auf der Hauptbühne vor tausenden von Leuten gespielt, hingegen mit den Sad Riders in einem  eher kleineren, intimeren Rahmen. Was ist dir eigentlich lieber?
Chris: Als Band würde ich jeden Ort bevorzugen, der cool klingt. Manchmal ist der Sound bei grossen Festivals gut, meistens aber nicht. Ich denke richtige Shows spielen sich in Clubs ab. In Sachen Publikum sind so drei- oder vierhundert Leute das Beste, was du haben kannst. Alle grösseren Shows sind wirklich nur da, um die Leute an deine kleineren Shows zu bringen. Ich weiss, es ist irgendwie komisch, aber wenn du vor mehr als drei- vierhundert Leuten spielst, wird’s ein bisschen unnatürlich, du kannst nicht denselben Spass mit dem Publikum haben.
Ihr seid momentan bei einem Indie-Label unter Vetrag. Hast du nicht schon mal daran gedacht die Fronten zu wechseln und  an die Türe eines Major Labels zu klopfen, um – sagen wir mal – vielleicht ein bisschen mehr Kohle zu scheffeln?
Wir hatten mit Favez vor zirka zehn Jahren einige Angebote, unter anderem aus Deutschland. An dem Tag,  an dem ich jemanden von einem Major Label treffe, der wirklich an Musik interessiert ist, hätte ich wahrscheinlich kein Problem zu unterzeichnen, aber das ist noch nie passiert. Wir sind nicht wirklich Major-Label freundlich. Ich glaube wirklich nicht, dass Major Labels generell scheisse sind, aber sie machen einfach ein Business, dass nicht unseres ist. Sie verkaufen etwas anderes und es würde einfach nicht für meine Band nicht natürlich erscheinen und weder für uns noch für das Label einen Sinn machen.

Erzähl doch mal ein bisschen etwas über die Realisierung eures neuen Albums. Wie sind die Songs entstanden, und wieso hast du die sie nicht mit Favez, sondern mit anderen Musikern eingespielt?
Chris: Also mit Favez – meinem musikalischen Hauptprojekt – mit all den anderen Mitgliedern, sind wir eine sehr demokratische Band. Niemand kommt und sagt: „Das ist mein Song, den werden wir spielen.“ Wir sitzen einfach zusammen im Proberaum, machen ein bisschen Krach und wenn dann etwas gut tönt, bauen wir darauf auf, bis die Songs  schlieslich eine konkrete Form annehmen. Mit The Sad Raiders ist es definitiv andersrum, da schreibe ich die Songs ganz alleine.
Für das neue Album wollte ich etwas weniger “Lausanne-Orientiertes” und ich wusste nicht wirklich, wie ich das tun könnte. Aber auf Tour mit „The Song Circus“ habe ich die Band Coal getroffen. Ich mochte Coal sofort und wir haben uns auch blendend verstanden. Ich fand dann, dass sie die perfekten Musiker für diese Songs wären. Ja, und so hat sich das alles entwickelt. Im Bezug auf das Songwriting: Wenn ich einen Song schreibe, den ich mag, behalte ich ihn. Wenn ich einen wirklich sehr mag, dann nehme ich ihn auf. Es hat mich fünf Jahre gekostet, zwölf Songs zu kreieren, die ich wirklich liebe.

Für euer erstes Album “Lay Your Head on the Soft Rock” habt Ihr vom renommierten Mojo Magazine (UK) 4 Sterne in der Sektion Americana Alben des Monats gekriegt, was wirklich eine  Leistung ist. Ich meine, wie viele Schweizer Bands schaffen es schon ins Mojo Magazine? Hatte das eine grosse Auswirkung auf eure Plattenverkäufe, Konzertanfragen ect.?
Chris: Wir haben gar nichts gemacht mit der Platte. Ich wollte bloss ein Album machen, das Song- und Lyrics-orientiert ist, keine Promotion, keine Interviews. Wir haben wirklich nichts dafür gemacht. Ich wollte einfach nur das Album, mit welchem ich zu mir sagen kann, “Hey, ich habe die zwölf Songs!” Ich denke, dass das ein recht cooles Konzept war. Wir haben nicht wirklich viel verkauft, etwa nur ein Drittel von dem wie viel Favez normalerweise verkauft. Eigentlich mag ich es so, denn “Lay Your Head on the Soft Rock” ist ein Album, über das die Leute immer noch reden. Es ist sieben Jahre alt, und es kommen immer noch Leute zu mir, die sagen, “Hey, ich finde wirklich, dass dieses Album das Beste ist, was du je gemacht hast“. Aber zur Zeit, als das Album rauskam, war das anders, und die Leute haben gesagt, “Was ist das denn für ein seltsames Folk-Zeugs, so etwas hab ich noch nie gehört“. Ich denke, in den letzen sieben Jahren haben sich eine Menge Dinge in der Musikszene geändert, vor allem in der Schweiz. Hierzulande war es einfach total uncool, diese Art von Musik zu machen. Langsame Lyrics- und Story orientierte Songs in diesem Stil. Gut, es gab sicher einige wenige wie Reto Burrell zum Beispiel. Aber dann hat alles seinen Lauf genommen und Bands wie Bright Eyes ect. sind aufgetaucht und haben vieles ins Rollen gebracht.

Ja, aber besser spät als nie.  Also dementsprechent waren die Umstände und die Vorgehensweise bezüglich dem neuen Albums recht unterschiedlich im Vergleich zu eurem Debut?
Chris: Die erste CD war nie als kommerzielles Produkt gedacht, wie bereits gesagt haben wir eigentlich komplett auf Promo ect. verzichtet. Das Album war sozusagen eher etwas Nettes, etwas ohne Druck und Erwartungen. Es hat auch praktisch gar nichts gekostet, ich hab das Album zusammen mit unserem Bassisten im Proberaum aufgenommen. Mit unserem neuen Album war das hingegen anders; nicht dass es ein kommerzielles Produkt darstellt, aber ich wollte, das es von mehr Leute gehört wird. Wir haben es promotet, wie es sich halt für ein Album normalerweise gehört. Ich hatte das Gefühl, dass es diesmal nicht bloss um mich und meine Songs ging, sondern um eine ganze reale Band und um ein Plattenlabel und andere Leute, die involviert waren. Wir wollten, dass sich so viele Leute wie möglich das Album anhören.

Ich glaube, dass es schon einen gewissen Unterschied macht, wenn du wirklich versuchst die ganze Sache voranzubringen und promotest und sich nicht bloss sich selbst überlässt.
Chris: Definitiv. Ich glaube aber nicht, dass es einen guten oder schlechten Weg gibt. Ich denke es ist eine tolle Sache, nicht über kommerzielle Aspekte nachzudenken während du das Album aufnimmst. Wenn das Album aber dann aufgenommen und veröffentlicht worden ist, finde ich es irgendwie dumm,  nicht so viel wie möglich zu machen, damit  sich die Leute dein Album auch anhören.

Seit dem letzten Album der Sad Riders sind jetzt schon ein paar Jährchen vergangen. Hast du dich nicht unter Druck gesetzt gefühlt, ein neues Album zu produzieren, etwas Neues zu veröffentlichen?
Chris: Nein, für mich war es die Art von Album, die du nur machst, wenn du weisst, dass du es so lieben wirst. Ich hätte nie ein Album mit dem Gedanken, dass die Songs nur „ok“ sind. Selbst mit Favez hätten wir das nie gemacht, aber vor allem mit den Sad Riders wollte ich 12, 13 Songs, die ich wirklich liebe. Der Druck kam eher von meiner Seite aus. Es gibt so viele Songs auf dieser Erde. Wenn du nicht wirklich Songs schreibst, die dich berühren, wieso diese dann veröffentlichen? Ich hatte keinen finanziellen oder kommerziellen Druck, sondern eher einen künstlerischen Druck, den ich mir selbst gab, die Songs zu schreiben, die ich wirkich mag.

Das kann ich gut verstehen. Ich glaube, dass es in der Musik überhaupt das wichtigste ist, dass du das, was du tust wirklich liebst von irgendwo ganz tief in deinem Herzen kommt.
Chris: Ja, denn wenn es dich nicht wirklich berührt, wieso soll ich denn von anderen Leute erwarten, dass sie berührt seien? Das ist mit vielen Bands und Musikern der Fall, die mir begegnen. Es kommen dann so Sprüche wie: “Yeah, es ist zwar nicht so gut, aber die Leute werden es mögen…” Ich verstehe sowas einfach nicht. Worin liegt der Punkt solche Musik überhaupt zu spielen?

Das sind einfach “Selling out whores”, um das mal nicht so elegant auf den Punkt zu bringen.
Chris: Yeah, aber es ist sogar noch schlimmer als das. Ich denke, es ist als würde man mit Musik Stühle machen oder Essen betrachten. Dinge, die jeder wirklich braucht. Du musst essen, sonst stirbst du. Du brauchst nicht unbedingt einen guten Song zum Überleben. Aber was ganz sicherlich niemand – wriklich niemand – braucht, ist ein schlechter Song. Viele Leute sagen dann: “Aber ja, weisst du, wir spielen in einer Band, das gehört halt dazu, das ist das, was wir machen…” Nein, das ist nicht was du tust. Du musst es richtig machen, oder du machst es gar nicht. Wer braucht schon eine schlechte Band und schlechte Songs?

Das nenn ich mal eine gute Einstellung!
Chris: Viele Leute werden sagen, dass meine Songs scheisse sind oder die Band nicht gut oder whatever. Aber wenn ich glaube, dass meine Songs und die Band gut sind, dann weiss ich, dass es auch andere Leute gibt, die das gleiche glauben. Und das ist genug für mich, das macht es die ganze Sache wert.

Seit jeher, ja eigentlich seit dem Musik existiert, haben die Menschen immer diese manchmal schon etwas zwanghafte  Angewohnheit, Musik in Schubladen zu stecken und einen Stempel aufzudrücken, so nach dem Motto: Das hier ist Indie, das ist Rock, das ist Pop, das ist Americana und die Musik hat so und so zu klingen. Sonst scheint ihnen irgendwie nicht wirklich wohl zu sein. Ist das etwas, das dich persönlich als Musiker stört?
Chris: Ich denke, dass doch normalerweise eigentlich alle immer angepisst sind, wenn sie einen Stempel, oder “Etiquette” wie wir das das so schön auf Französisch nennen, aufgedrückt bekommen. Aber ich persönlich kümmere mich nicht besonders darum, wie wir genannt werden, und denke eigentlich praktisch auch nie darüber nach. Aber man kann schon daran erkennen, ob die Leute etwas von Musik verstehen. Wenn sie sagen, unser Sound sei Country, dann wissen sie generell nicht viel darüber. Wenn sie sagen, es sei Americana, dann wissen sie schon ein bisschen mehr. Und wenn sie aber sagen, das ist schwer zu beschreiben, es ist eine Art von Folk, Americana Country, aber mit einem europäischen Touch, dann wissen sie schon was über Musik.

Sag mal, was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen den Sad Riders und all den anderen Folk/Americana Bands oder wie auch immer ich das jetzt nennen soll? Ich komme jetzt leider nicht drum herum euch auch eine Ettikette zu verpassen, wenn ich die Frage sinnvoll beantwortet haben will.

Chris: (lacht) Ich denke, dass der wahrscheinlich grösste Unterschied darin besteht, dass die meisten dieser Leute diesen “europäischen Touch” nicht haben. Ich kenne eine Menge Singer/Songwriter, die veruchen so amerikanisch wie möglich zu klingen und dieses “Grosse Bruder, kleiner Bruder Ding” haben, im Stil von: “Yeah, wir sind zwar keine Amerikaner, wir sind von Zofingen, aber wir werden versuchen so amerikanisch wie möglich zu sein.” Sie vergessen Ihre Wurzeln und woher sie eigentlich kommen. Und dann singen sie so Sachen wie “When I was driving my Pickup Truck…” Ich meine, du hast keinen Pickup Truck, du hast noch nie einen Pickup Truck gesehen, geschweige denn einen gefahren. Niemand den du kennst – im Umkreis von zehntausend Kilometern – hat einen. Also wieso solltest du darüber singen und wer will sich so etwas wirklich anhören? Das ist ein klassisches Beispiel. Du weisst keinen Scheiss über Pickup Trucks. Und die Leute sagen “Hey, es gibt da diesen Typen aus Luzern und er klingt wirklich wie ein Amerikaner…” Das ist wirklich nicht das, was ich machen wollte. In meinen Songs versuche ich so viele europäische Referenzen wie möglich einzubringen. Wenn du über etwas schreibst und singst, das du wirklich kennst, hast du mehr Feeling, und du wirst auch glaubwürdiger rüberkommen als die Arschlöcher, die vorgeben, Amerika zu kennen. Darin steckt für mich das ganze Songwriting; nicht versuchen jemand anderer zu sein.

Auf „Victoria“ – einem der Tracks eures neuen Albums – singst du zusammen mit Heidi Happy. Wie ist es eigentlich zu dieser Zusammenarbeit gekommen?
Chris: Sie ist meine Freundin und ich war bei ihr während der Aufnahmen. Ich gab Ihr den Track ohne die Backing Vocals und hab sie gefragt, ob sie etwas finden könnte. Als ich zurück kam, war sie bereits im Studio.

Der Song ist grossartig geworden, ihr beide harmonisiert  wirklich gut zusammen. Ein gemeinsames Album wäre da doch naheliegend?

Chris: Ja, eigentlich stimmt das. Aber wir haben einfach nicht dieselben musikalischen Wurzeln. Sie ist in einem kleinen Luzerner Dorf aufgewachsen, weiss enorm viel über Musik, wie zum Beispiel über das ganze Folklore – oder auch klassische Zeugs. Sie kennt sich einfach verdammt gut aus in Sachen Musik. Ich hingegen kenne nur die Rockszene, das ist mein Ding. Ich glaube, das würde  für mehr als nur den einen oder anderen Song von Zeit zu Zeit nicht funktionieren. Ein Typ hat uns mal vorgeschlagen, wir sollten doch das Tim Buckley Album Happy/Sad covern, als Anlehnung an unsere beiden Namen.

Angenommen du hättest massenweise Kohle zur Verfügung und könntest dein eigenes Musik Festival auf die Beine stellen, wie würde dein Traum Line-up aussehen?
Chris: Also es gäbe drei verschiedene Bühnen, alle Indoor.

Kleine Bühne: Honey For Petzi, Trans Am, DJ Set by Solange La Frange
Mittlere Bühne: Midlake, The National
Grosse Bühne: Pendleton, Sophie Hunger, Madrugada

Last but not least: was steht in Sachen Sound ganz oben auf deiner Liste? Hast du einen Geheimtipp für unsere Leser?
Chris: International: Bei uns im Büro hören wir momentan Fucked Up und Ed Laurie. Das macht wirklich gute Laune. Schweiz: Neben Sophie Hunger und Heidy Happy sind es bei den eher noch jungen, unbekannten Bands Christopher Christopher und My Heart Belongs to Cecilia Winter.

Danke für die Zeit und das Interview. Es war wirklich interessant, mit dir über Musik zu diskutieren.
Chris: Danke, mir hat es auch Spass gemacht.

The Sad Riders glänzten an diesem Abend als Vorband von Minor Majority mit einer wirklich tollen Bühnenpräsenz, haben mit allerhand Jokes nicht gespart und für mächtig Stimmung in der Bude gesorgt. Man hat gesehen, dass Leute auf der Bühne stehen, die Musik wirklich lieben. Die Sad Riders sind definitiv eine Live Band. Obwohl ihre beiden Alben recht gut sind, kommt der Charme der Band erst “live on stage” in vollem Umfang zur Geltung. Mit einer perfekten Mischung aus rockigen, Americana angehauchten Songs und einigen, etwas eher gemütlichen, melancholisch-balladesken Melodien haben die Sad Riders gezeigt, dass sie es defintiv wert sind, ein zweites, drittes oder auch ein viertes Mal live gesehen zu werden…

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