Exit Music
Interview mit Absynthe Minded
Interview mit Absynthe Minded

Interview mit Absynthe Minded

Erstellt am: 11.10.2008
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Erstellt am: 11.10.2008   Autor:

Interviews

Meine prinzipielle Neugier bezüglich belgischer Musik hat mir schon manche schöne Überraschung beschert. Beispielsweise Ende 2005, als ich mich spontan nach Sursee ins Kulturwerk 118 aufmachte, um das Konzert einer ziemlich unbekannten Band zu hören. Absynthe Minded hiess diese Band und am 18. September waren sie im Kiff in Aarau zu Gast. Ich traf die gerade eben aus Gent eingetroffene Band vor dem Abendessen im Backstageraum für ein kurzes Interview.

Ihr habt leider noch nicht oft in der Schweiz gespielt, hat es euch nicht gefallen?
Bert Ostyn (Gesang und Gitarre, BO): Oh doch, mir hat es gefallen, ich spiele auch gerne in Clubs, es ist sehr direkt und effizient, wir werden wohl auch auf dieser Tour meistens auf kleineren Bühnen spielen.

In der Romandie habt ihr bisher nicht gespielt, ist das richtig?
BO: Ja, das stimmt, und auch kaum in den grösseren Städten in der Schweiz.

In Frankreich ist in diesem Sommer das Album „Introducing“ von euch erschienen, was hat es damit auf sich?
BO: Wir hatten bisher keine Unterstützung von der Musikindustrie in Frankreich, nun hat Abeille Musique sich uns angenommen und eine Compilation von unseren ersten drei Alben herausgebracht. Wir planen nach dieser Tour in Frankreich zu spielen, aber es sind bisher erst sechs Konzerte. Wir haben dort auch eine Single („My Heroics Part 1“)draussen jetzt, wir warten mal ab wie die Reaktionen aussehen, es ist auf jeden Fall mal ein Anfang.

„My Heroics Part 1“ wurde auch in Belgien als Single veröffentlicht und hat einen Song of the Year-Titel gewonnen, hatte das einen positiven Effekt für euch?
BO: Ah ja, wir haben so einen Award gewonnen, aber gebracht hat das nichts, „My Heroics Part 1“ ist nun einfach unser bekanntestes Stück.

Ihr kennt euch teilweise vom Musikstudium in Gent, seid ihr alle Profis und lebt von der Musik?
BO: Ja, wir versuchen von der Musik zu leben, richtig.

Ist das möglich mit Absynthe Minded, oder verfolgt ihr daneben noch andere Projekte oder gebt Unterricht?
BO: Nun, es ist schwierig, es gibt Hochs und Tiefs, aber wir machen nichts daneben, das ist uns wichtig. Wir haben auch die Ambition im Ausland etwas zu erreichen.
Sergej van Bouwel (SvB, Bassist) scherzt dazwischen: Wir wollen einfach nicht arbeiten, so ist es komfortabel für uns, kein Problem.
Renaud Ghilbert (RG, Geige) lachend: Exakt, so ist es, sagt doch einfach die Wahrheit!

Wie läuft es bei euch mit dem Songwriting, schreibst du immer noch die Songs Bert, oder arbeitet ihr zusammen daran?
BO: Wir setzten uns nie hin und sagen: Jetzt schreiben wir einen Song. Das mache ich zu Hause, aber nicht komplett. Die Akkorde und der Gesang stehen meist, aber sogar das kann alles noch ändern. Wir sind eine Band, treffen uns und dann versuchen wir unser Ding zu machen – es gibt kein Rezept.

Ihr klingt insbesondere live teilweise sehr verspielt. Wenn ihr ins Studio geht, stehen die Songs alle schon oder nehmt ihr noch Änderungen vor?
BO: Das meiste steht insofern, dass wir wissen, wie die Songs funktionieren und wie die Abläufe sind. Es gibt aber improvisierte Passagen in den Songs, einiges ist sehr jazzig, da wird auch mit Sounds experimentiert und da ist es natürlich wichtig, was im Studio passiert.

Diese improvisierten Passagen sind die auch live komplett improvisiert oder versucht ihr, die Studioversion, die dem Publikum von den Aufnahmen her bekannt sind, wieder ungefähr zu reproduzieren?
BO (zu Renaud gewandt): Er spielt so viele Solos jeden Abend, ich glaube kaum, dass er das tut…
RG: Nein, ich spiele immer was anderes in den Solopassagen, es ist nie gleich, die Struktur bleibt, aber die Solos sind improvisiert und (als Seitenhieb zu Bert) die Vocals sind manchmal auch improvisiert (lacht).
BO(kleinlaut): Mmh, das stimmt!

Was würdest du sagen sind eure musikalischen Wurzeln?
BO: Renaud und ich haben in der Schule in Rockbands gespielt, Sergej auch, er hat aber auch Free Jazz Sachen gemacht, genau wie Jacob, der auch viel Jazzeinflüsse hat und auch World Music spielte. Der springende Punkt ist wohl, dass wir einfach sehr viel unterschiedliche Musik mögen und nichts kopieren wollen. Das was dabei herauskommt, so klingen dann eben Absynthe Minded. Ich betone auch immer gerne, dass wir als europäische Band nicht bloss beeinflusst sind von amerikanischer und britischer Musik, sondern auch von französischer und ebenso osteuropäischer Musik. Als Belgier sind wir ja mitten drin und so sollte es auch ein bisschen klingen.

Welche Musik mögt ihr alle, was läuft bei euch im Bus?
SvB: Beastie Boys, Goran Bregovic…Gypsy Music…vom Film Black Cat White Cat – hast du den Film nicht gesehen? Das ist ein Film über Zigeuner, es wird nicht viel gesprochen, es geht vor allem um Musik, Reisen und Fun…, that’s what we like, haha!
BO: Oder Django Reinhardt, Miles Davis, Beatles, AC/DC…

Ihr benutzt einen Haufen alte Instrumente, eine Vorliebe von euch?
SvB: Mein Kontrabass ist von 1890, das ist das älteste was wir haben, pur analog!
RG: Ich habe eine Violine von 1920, und die Hammond ist auch alt, aus den Siebzigern…
BO: Der Matchless Gitarrenverstärker ist neu, aber gemacht wie früher, alles von Hand gelötet, ein sehr guter Amp, ich liebe ihn. Das einzige was wir sonst noch haben ist ein kleines Roland-Keyboard, aber es ist halt so gut wie unmöglich, ein echtes Piano auf die Bühne zu bringen und im Bus rumzuführen.

Ihr mögt also diese Vintage-Sachen…
BO: Ja, aber nicht weil sie alt sind, sondern mehr wegen ihrer Seele, der Qualität der Machart – The real stuff!

Bert, du hast auf dem letzten Album von Jarboe (belgischer DJ und Soundtüftler), der auch bei Keremos unter Vertrag ist, bei einem Song mitgemacht, war das eine interessante Zusammenarbeit, wie ist es dazu gekommen?
BO: Nun, er hat mich gefragt, ob ich auf seinem Album zu einem Song die Vocals beisteuern will. Ich habe mir dann sein Zeug angehört und einen Song geschrieben für ihn, er hat dann all die Beats und Samples dazu gemacht, aber jemand anderes hat letztendlich gesungen, ich habe nur Gitarre gespielt. Das war wegen rechtlichen Problemen, Universal Records waren dagegen, aus völlig blödsinnigen Gründen, aber das ist zum Glück nun alles vorbei…wir haben sie rausgeschmissen, haha.

Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen, ihr seid immer noch bei Keremos, wo auch eure ersten zwei Alben herausgekommen sind. Das dritte „There Is Nothing“ ist dann bei Universal erschienen…
BO (unterbricht): Jaaa – wir sollten zwei Alben für Universal machen, aber das hat sich wie gesagt bereits erledigt, wir sind nicht mehr bei Universal, die zuständigen Leute dort haben gewechselt und es gab auch andere Probleme. Das nächste Album werden wir vielleicht selbst herausbringen oder ein neues Label suchen, das ist noch schwierig zu sagen.

Ihr arbeitet also bereits am nächsten Album, was könnt ihr darüber sagen, entwickeln sich die Songs in eine bestimmte Richtung?
SvB: Es ist frisch!
BO: Ja es klingt wirklich frisch, wir können noch nicht allzu viel dazu sagen, es ist alles noch in unseren Köpfen und unseren Fingern, ich glaube es wird unser Bestes.

Ja klar, das sagen alle, immer. Wann wird es erscheinen?
BO: Das ist noch nicht klar, wir wissen ja noch nicht mal wo und mit wem wir aufnehmen werden,  irgendwann im nächsten Jahr dürfte es sicher soweit sein.

Ok – ich bin gespannt. Herzlichen Dank für das Gespräch und guten Appetit.

Der Konzertabend begann mit der Vorband Serpentine, welche diverse Anhänger mobilisieren konnte und mit ihrem herbstlich melancholischen Sound durchs Band zu gefallen wussten.
Absynthe Minded wirkten so souverän wie sympathisch. Die musikalische Leistung war virtuos und die Sound- und Lichtverhältnisse waren auch in Ordnung. Die neuen Songs, welche die Band spielte, fügten sich nahtlos ins Set ein. Leider war das Kiff schwach besucht, so dass der Funke nicht in dem Masse aufs Publikum übersprang. Die Band liess sich davon nicht beeindrucken und spielte grosszügige Zugaben mit vielen improvisierten Parts. Beeindruckend, wie vielfältig und gekonnt diese junge Band ihr Ding durchzieht.

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